Gibt es ein „Zuviel“ an unerzogen?

 

img_5901Antworten an eine Mutter

Sabine:

Ich verstehe die Frage nicht. Wie kann es ein Zuviel an „Weglassen von Erziehung“ geben? Unerzogen ist das Aufgeben einer pädagogischen Haltung hin zu – im Idealfall – Beziehung zwischen Menschen. Wenn ich glaube, dass Erziehung schiete ist, und ich sie daher weglasse oder es zumindest versuche, wie kann ich dann gleichzeitig glauben, „aber ein bisschen Erziehung ist doch gut“? Und wenn du konsequent auf Erziehung verzichtest, kannst du dir nix „heranziehen“. Was sich mir bei deiner Frage eher aufdrängt: Bist du dir deiner eigenen Grenzen bewusst? Und meiner Erfahrung nach können Kinder, die ohne Erziehung aufwachsen, sehr gut damit klarkommen, dass es in anderen Haushalten, wie bei der Tagesmutter, andere Regeln gibt. Diese müssen nur kommuniziert werden und schon auch irgendwie Sinn ergeben. Eine stark erziehende Tagesmutter zu suchen wäre dann wohl kontraproduktiv. Bei uns war es immer ok, auf dem Tisch zu sitzen und zu essen (was de facto so häufig dann gar nicht vorkam). Bei den Großeltern nicht. Das haben die gleich beim ersten Versuch klargemacht und dann war das Thema für die Kinder gegessen. Dasselbe galt fürs Herumspringen auf der Couch. Oder die Kinder nennen uns beim Vornamen; meine Eltern wollen das nicht, dass sie von den Kindern mit Vornamen angeredet werden, höchstens mit „Oma“ oder „Opa“ davor. Haben sie ihnen auch beim ersten Versuch ganz ruhig gesagt. Es gab nie Probleme damit.

Sylvie:

Ich glaube nicht, dass es ein Zuviel an unerzogen geben kann. Das heißt, dass es nicht ein Zuviel davon geben kann, miteinander in Beziehung zu gehen, alle Beteiligten einzubeziehen und optimale Lösungen zu suchen.
Ich glaube, dass es Schwierigkeiten geben kann, wenn die Angst davor, sich selbst und andere Menschen im Blick zu haben, überwiegt – und man ständig über seine Möglichkeiten geht oder aus Angst vor Erziehung Dinge zulässt, mit denen man schlecht umgehen kann. Ich erlebe recht häufig (besonders bei Menschen, die sich neu mit der Idee von unerzogen beschäftigen), dass diese aus Angst davor, nicht unerzogen genug zu sein (was Quatsch ist, denn wer sollte euch dafür bewerten), Dinge geschehen lassen, die sie selbst oder andere unglücklich machen. Wenn ich merke, dass ich mich selbst unter Druck setze, indem ich unrealistische Erwartungen an mich habe (ich werde nie laut, ich werde meinem Kind nie etwas verbieten, es wird bei uns nie Streit geben, ich werde meinem Kind keinen Wunsch abschlagen, ich werde die beste Mutter der Welt sein), dann muss das zwangsläufig zu Konflikten führen. Nochmal – unerzogen soll zur Entspannung beitragen. Dinge sein lassen, die einem sowieso egal sind, Dinge tun, auf die man Lust hat, darauf verzichten, gedanklich ständig 500 Schritte in der Zukunft zu sein, um sicherzustellen, dass aus dem Kind ein guter Mensch wird … das kann entspannen. Druck machen und über seine eigenen Grenzen gehen – das kann Stress erzeugen.

Ansonsten gibt es immer im Leben die unterschiedlichsten Bereiche. Ich bin in meiner Familie anders als im Beruf anders als mit Freunden anders als im Restaurant anders als in der Straßenbahn anders als in der Bibliothek anders als im Museum anders als im Hotel … Ich verhalte mich überall situationsangemessen und ich halte mich an Regeln, die ich vielleicht oder vielleicht auch nicht für sinnvoll halte, weil ich es in bestimmten Kontexten muss. Wenn ich diese Art von Adaptionsleistung erbringen kann, warum soll das ein Kind nicht können? Warum soll das Kind nicht mitbekommen können, dass der Oma ihre weiße Tischdecke so wichtig ist, dass ich dort aufpasse, nicht mit Farben zu schmieren, während es im eigenen Zimmer dem Kind überlassen ist, wie es dort aussieht? Warum soll das Kind nicht mitkriegen, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln andere Lautstärken angemessen sind als in den eigenen vier Wänden oder in Nachbars Garten? Warum nicht? Kinder beobachten uns den ganzen Tag, sie sehen und spüren jeden Tag, wie wir uns in welchen Situationen verhalten. Und sie lernen aus diesen Situationen. Ich erkläre meinen Kindern durchaus, was wo warum wichtig ist und mit der Erklärung können sie umgehen. Nicht unbedingt, wenn sie 1 oder 2 sind, aber spätestens ab dem Alter, wo sie selber reflektieren können. Und wenn ich meinem Kind gegenüber Respekt zum Ausdruck bringe, indem ich akzeptiere, dass es z.B. mit seinen Sachen machen kann, was es möchte, dann wird es auch verstehen, dass etwa die Oma mit ihren Sachen andere Dinge im Kopf hat. Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch, sondern eine logische Folge.

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2 Gedanken zu “Gibt es ein „Zuviel“ an unerzogen?

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