Unpünktlich und dennoch verlässlich, höflich und kompetent?

Bildschirmfoto 2015-12-26 um 10.48.57Pünktlichkeit als bürgerliche Tugend

„Als Pünktlichkeit bezeichnet man die Eigenschaft einer Person, einen verabredeten Zeitpunkt oder einen Termin präzise einzuhalten. Pünktlichkeit geht in postindustriellen Gesellschaften Hand in Hand mit Verlässlichkeit und Höflichkeit. Sie galt und gilt noch immer neben Fleiß und Sparsamkeit als so genannte bürgerliche Tugend. Bei Verkehrsmitteln wird die Einhaltung des Fahrplanes oder Flugplanes als Pünktlichkeit bezeichnet.“ Quelle: Wikipedia
Bürgerliche (!) Tugend. Puh.

Wenn wir Morgens nicht pünktlich zum Kindergarten oder zur Schule schaffen

Aber nun Schritt für Schritt. Worüber reden wir hier? Über Pünktlichkeit oder über Kindergarten und Schule?
Mein Verständnis von Kindergarten (nicht im Fokus die Beziehung zum Kind!): Eine Institution, die mein Kind versorgt, damit ich sorgenfrei arbeiten kann. Eine Dienstleistung an mich! Es soll mir nutzen. Mir eine Hilfe sein! Einen DIENST erweisen. Ich bin die Kundin. Meine Kinder sind die Kunden. Ich bezahle für diese Dienstleistung.
Schule: Eine Institution, die in Deutschland aus Pflicht aufzusuchen ist. Es ist keine selbstgewählte Situation. Keine Verabredung. Keine Abmachung. Kein Kompromiss. Es wird von „oben“ diktiert und ich habe mich zu fügen.

So, nun erklärt mir bitte, was die bürgerliche Tugend damit zu tun hat? Verlässlichkeit und Höflichkeit?
Ja, im Kindergarten gebe ich die Zeit vor. Ich bin Kundin. Ich brauche, ganz besonders als Mutter, Flexibilität. Ist diese nicht gewährleistet, ist die Institution für mich nicht von Nutzen. Solange es eine freiwillige Leistung ist, kann ich mir eben das passende Angebot heraussuchen. Und für mich kommt nur eine flexible Gestaltung der Zeit in Frage. Gehe ich auf einen Vertrag ein, in dem dies nicht vorgesehen ist, so ist das schön und gut, für Eltern und Institution, aber was hat nun das Kind damit zu tun? Hat es sich diese Aktivität selbst ausgesucht, so dürfte es in der Regel kein großes Thema sein, es morgens zu motivieren. Und selbst dann, wenn es ein Wunsch des Kindes war, so kann es Tage geben, an denen es weniger Lust hat. Menschlich. Und ein Vertrag ist es auch nicht eingegangen. Ja nun, passt da der Vorwurf der fehlenden Höflichkeit und Zuverlässigkeit? Ich denke nein.
Schule. Bedarf es tatsächlich einer Ausführung? Wenn ich keine Wahl habe, sondern gezwungen werde etwas zu tun und zwar auch noch zu vorgegebenen Bedingungen, so finde ich es sehr „erheiternd“ mit dem Vorwurf der fehlenden Höflichkeit und Verlässlichkeit konfrontiert zu werden. Dazu fällt mir eine gelebte Situation ein: <Kleinkind tut etwas, was der Erwachsene nicht will. Der Erwachsene benennt es und das Kind sagt nein. Der Erwachsene sagt doch! „Wenn ich es sage, dann ist es so!“ Das Kind wehrt sich mit einem Schlag und wird dafür bestraft.> Völlig paradox…
Es herrscht Schulanwesenheitspflicht. Pünktlichkeitspflicht wäre (ist ?) in dem Fall das Krönchen der Übergriffigkeit.

Warum ich bewusst unpünktlich bin

Unpünktliche Menschen werden oft mit folgenden Vorwürfen konfrontiert: Überheblichkeit (Arroganz), Desinteresse, Mangelndes Zeitmanagement = Inkompetenz (steiler Vergleich, aber hatten wir hier ja auch schon im Thread), Unverschämt (ich bin wichtig / andere Dinge sind mir wichtiger = andere Prioritäten), Unzuverlässig. Harter Tobak. Und ja, es trifft durchaus auch auf den einen oder anderen in der einen oder anderen Situation zu. Aber unter anderem sind es auch klare Botschaften! Ich war schon mal aufgrund von Desinteresse unpünktlich. Ich war bestimmt sogar mal auch aus Arroganz unpünktlich. Aus mangelndem Zeitmanagement auch hier und dort. Kommt vor. Bin ich deswegen in dem Bereich inkompetent? Wenn ich mir mein Terminkalender anschauen, nein. Ich bin sogar Profi darin. Unverschämt? Ich hatte schon mal andere Prioritäten spontan. So zum Beispiel mein vollgekotztes Kind umziehen oder schnell auf Toilette laufen beim Unwohlsein oder dem Nachbarn über die Straße helfen. Ja, ätzend für den, der wartet. Aber ja, ich priorisieren schon mal spontan um. Bewusst und mit voller Absicht. Unzuverlässig? Nein. Eindeutig nein. Denn ich kommuniziere bewusst, dass ich bestimmte Termine nicht halten kann, wenn dies abzusehen ist. Und obwohl ich das alles kenne und eine enorme Terminscheue habe, bin ich ein sehr pünktlicher Mensch. Wenn es mir wichtig ist. Wenn ich es freiwillig gewählt habe. Und wenn ich mich nicht dazu entscheide umzupriorisieren…

Aida S. de Rodriguez

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3 Gedanken zu “Unpünktlich und dennoch verlässlich, höflich und kompetent?

  1. Hallo Aida,

    ich trage diesen Gedanke nun schon eine Weile herum, aber er will nun doch aufgeschrieben werden…

    Du müsstest dich schon entscheiden. Wenn (deine) Kinder Kunden der Dienstleistung „Kindergarten“ sind, dann haben auch sie dem Vertrag zugestimmt. Sie sollten sich dann also an die Inhalte des Vertrages (Pünktlichkeit) halten. Wenn sie aber nicht Vertragspartner dieser Dienstleistung sind, dann sind sie Objekt – Werkzeug und Werkstück – dieser Dienstleistung.

    Im Übrigen – auch wenn hier nicht ganz dazugehörig – sind Kindergärten keine normalen Dienstleistungen. Auch wenn es noch keinen direkten Zwang zur Nutzung gibt. Sie sind Erfüllungsorte staatlicher Kontrolle und Formung. Orte der Erziehung. Aus diesem Grunde werden Kindergartenplätze auch mit großem finanziellem Aufwand staatlich unterstützt.

    Auch das macht die Kinder an diesen Orten zu Objekten.
    An dieser Stelle also nur von Dienstleistungen zu schreiben, maskiert die „wahre“ Aufgabe und Funktion dieser Orte.

    Viele Grüße
    Fritz

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    1. Hallo Fritz,

      danke für Dein Kommentar. Ich habe Dich nun länger als gewollt auf eine Antwort warten lassen.

      Ja, du hast recht. Wir haben hier eine besondere Konstellation. Aber nein, Kinder sind nicht Vertragsmündig und gehen somit auch keinen Vertrag ein. Den Vertrag unterschreiben wir als Eltern. Wir nehmen eine Dienstleistung in Anspruch. Hier ist die Sache sehr klar.

      Du hast sicherlich recht, dass es in Hinblick auf die Beziehung zum Kind eine völlig andere Betrachtung ist. Die Auseinandersetzung mit dieser Dreieckskonstellation ist sicherlich eine separate Betrachtung wert. Vielleicht schreibe ich mal meine Gedanken dazu in einen Artikel… Danke für die Inspiration!
      Ein erster Gedanke dazu: Kann ein Mensch durch die Entscheidung eines anderes zum Objekt degradiert werden? Ich denke nicht.

      Meine Erfahrungen mit Kindergärten sind sehr heterogen, so dass ich mit deiner Definition nicht einhergehen kann. Erziehung erfahren meine Kinder in ihrem Kindergarten jedenfalls keine. 😉

      Alles Liebe

      Aida

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  2. Hallo Aida,

    Du fragst, ob ein Mensch durch die Entscheidung eines anderen zum Objekt degradiert werden kann und verneinst diese Frage für dich.

    Ich glaube schon an die Objektivierung von Menschen, bzw. erlebe ich diese teilweise auch am eigenen Leibe. Mich würde sehr interessieren, wie du darauf kommst, dass diese Objektivierung nicht von Außen kommen kann.

    LG
    Fritz

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