Beziehung als Ort – Teil 2

Eine abstrakte, in Bild gefasste Erzählung darüber, was passiert, wenn wir nicht in Beziehung sind.

Die Inseln, die Boote und der Weg zurück ans Festland

 

_20140531_155104Ok, gut.
Jetzt befinde ich mich also gerade außerhalb einer Beziehung. Ich bin nicht „in Beziehung gegangen“, wie es so schön heißt, sondern anderswohin. Ich bin an einem anderen Ort, auf einer Insel jenseits der schützenden und schützenswerten Beziehung. Wo ich überall sein kann, habe ich im letzten Artikel beschrieben.

Ich habe festgestellt, wo ich bin. Und dass ich zurück will.

Der Weg

Von jeder Insel komm ich nur und ausschließlich selber zurück. Zu er-warten, der andere hole mich zurück, (…was der andere übrigens oft tut durch eine Entschuldigung o.ä., weil der sozialschlaue Fuchs gemerkt hat, das bringt Bonuspunkte…), bringt mich oft schnell, einfach und unbemerkt wieder auf dieselbe oder eine der anderen Inseln. Den Umweg über die anderen Inseln nehmen wir eh häufig. Und das ist auch ok und gut so, weil wir uns als Lernende verstehen.

Wenn ich mich selber verortet habe und das Ziel kenne, kann ich beginnen, die Koordinaten zu nutzen. Ich schaue auf die Landkarte, verbinde die Marker und stelle tief und innig fest: Der Weg ist das Ziel.

Das Boot

Die Art und Weise der Heimkehr ist wohl immer die (Selbst-)Erkenntnis.
Sie bringt mich immer schnell voran, auch wenn ich sie nicht immer gleich finde, auch wenn es lange dauert, dieses Gefährt, dieses Boot zu bauen. Es ist mir die sicherste Variante und bei jedem Ruderschlag wird ein rhythmisches „A-HA!“ ertönen. Klar, ich könnte auch in diesem Meer der Möglichkeiten zur Erkenntnis schwimmen. Doch würde ich wahrscheinlich schnell die Orientierung verlieren und liefe Gefahr, mich für keine der scheinbar endlosen Möglichkeiten zu entscheiden. Auf diese Weise schnell aus der Puste, bräuchte ich Hilfe, um wieder festen Boden unter die Füße zu kriegen.

Auf dem Weg im Boot zum Festland bin ich alleine mit mir und kann Ruhe in mir suchen.
Welche Werte, Arten, Macken, Erwartungen, Ansprüche, … trage ich in mir, die mich auf die Inseln gebracht haben? Das bedeutet: was trage ich aus der früheren Zeiten unreflektiert in mir und gebe es maschinenartig, ohne es wirklich zu wollen und mit einem unbehaglichen Gefühl an meine direkte Umwelt weiter?
Oft sind es Glaubenssätze die mich die „Qualitäten der Beziehung“ vergessen lassen. Ist eine Ebene der Beziehung verletzt, so kann ich mich fragen, welche unbewusste innere Überzeugung dahinter verborgen sein könnte. Ich gehe hier wieder nach den Schlüsselqualitäten von Jesper Juul (s. Teil 1 von „Beziehung als Ort„) und nenne lediglich ein paar Beispiele, welche verborgenen Sätze es sein könnten, die einen der sieben Pfeiler zum Wanken gebracht haben. Ich lade herzlich ein, sie für dich zu ergänzen oder umzuschreiben.

Gleichwürdigkeit „Ich bin weniger wert als andere.“

Integrität „Ich brauche andere Menschen, die mich beschützen. Ich muss meine Grenzen für andere aufgeben.“

Authentizität „Ich muss etwas vorspielen um angenommen zu werden. Ich darf nicht sein wie ich bin. Ich darf meine Gefühle nicht zum Ausdruck bringen.“

Verantwortung „Andere sind schuld daran, wie ich mich fühle. Ich muss die Verantwortung für andere tragen.“

Selbstwert und Selbstvertrauen „Ich bin nicht gut genug. Ich kann es nicht.“

Wandel von einer Subjekt-Objekt-Beziehung zu einer Subjekt-Subjekt-Beziehung „Ich bin die, die du in mir siehst. Ich definiere mich darüber, wie du mich bewertest.“

Prozess des Wachstums einer Beziehung „Du musst so sein, wie ich es mir vorstelle. Ich muss so sein, wie du es dir vorstellst.“

Sind diese alten Stinker entlarvt, drückt es mich vielleicht erst einmal schwer zurück in meine Ruderbank und ich muss tief durchatmen. Ich bin erschrocken, weil ich ein ganz anderes Bild von mir habe … eigentlich. Die Sätze sind wie Geister, die an mir kleben, die mich verfolgen. Zwar Teil von mir, fühlen sie sich doch fremd an. Ich weiß, ich  w i l l  es anders.

Und ich, nur ich, kann diese Selbstwahrnehmung ändern. (Wie gut, dass ich allein auf meinem Kahn schipper, sonst liefe ich Gefahr, die Bestätigung wieder von anderen zu wollen.) Ich nehme mir also vor, mich in einem freundlicheren Licht zu betrachten. Ich schlage Unbewusstheit mit der Bewusstheit über das Unterbewusstsein: Ich rede es mir einfach ein! Ebenso wie ich mir manchmal erfolgreich einrede, dass „heute eh kein toller Tag werden kann, wenn er schon so beginnt“, oder dass „ich eh immer die schlechteste bin im Rechnen/Kochen/Witzeerzählen/…bin.“ Also: Zauberstab rausgeholt und Unterbewusstsein manipuliert mit Sätzen wie …

Gleichwürdigkeit „Ich bin genausoviel wert wie jeder andere Mensch. Ich werde meine Würde wahren.“

Integrität „Ich biete mir selbst ausreichend Schutz. Ich wahre und achte meine Grenzen und die der anderen.“

Authentizität „Ich werde geliebt, genauso, wie ich bin. Es ist immer vollkommen ok und angemessen, wie ich mich fühle.“

Verantwortung „Für meine Gefühle bin ich alleine verantwortlich und ich übernehme diese Verantwortung.“

Selbstwert und Selbstvertrauen „Ich kann es und ich werde es schaffen.“

Wandel von einer Subjekt-Objekt-Beziehung zu einer Subjekt-Subjekt-Beziehung „Ich bin es wert wirklich ‚gesehen‘ zu werden. Ich nehme dich an, genauso, wie du bist. Ich nehme mich an, genauso, wie ich bin.“

Prozess des Wachstums einer Beziehung „Ich lasse dir deine Zeit. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen und nehme mir meine Zeit.“

Land in Sicht!

Und ob du dich nun treiben lässt, dir ein pfeilschnelles Kanu gebaut hast oder ein gemütliches Ruderboot: Du wirst irgendwann auf deinem Weg den ersten Fitzel vom Festland sehen; und das ist der Moment, in dem du anerkennst, was ist und war.
Ja, du hast mich wütend gemacht. Ja, ich war sauer auf mich, dass ich es nicht besser lösen konnte in dem Moment. Ja, ich habe die Verantwortung abgegeben. Ja, ich hätte es gerne anders gemacht. Und: Ja, ich konnte in dem Moment nicht anders. „Ja.“ Einfach und bedingungslos ‚Ja‘ sagen zu allem, was sich nicht durch menschliches Tun ändern lässt. Weil schlicht und ergreifend die Vergangenheit niemals geändert werden kann.

Das Knirschen des Sandes zwischen Kiel und Ufer lässt mich ahnen: Ich bin da. Angelangt bei mir. Das Ufer bin ich.

Ich komme kurz zurück zu mir, bevor ich (wieder) hineintrete in die Beziehung zwischen mir und dir: Ich frage mich kurz, wie ich mich jetzt fühle, packe die Erfahrungen und Erkenntnisse in meinen Rucksack und marschiere zurück zu dem Ort, zu dem wir alle hin wollen: In Beziehung.

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