Neujahr – gute Vorsätze?

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Vorsätze für das neue Jahr scheinen häufig zum Scheitern verurteilt zu sein; ob das gut oder schlecht ist, kommt mit Sicherheit auf den Vorsatz an – aber bei meiner Suche nach Gründen bin ich (erstaunlicherweise) auf Erziehung gestoßen.
Das spielt uns natürlich in die Hände und beweist einmal mehr, dass Erziehung nicht funktioniert, nicht mal bei einem selbst.
Damit kommt aber vermutlich auch schon der schwerste Teil des Weges von unerzogen auf uns zu: Auf Erziehung zu verzichten heißt eben auch (und vielleicht sogar vor allem) mit sich selbst unerzogen umzugehen. Das ist leichter gesagt, als getan, und oft lieben wir unsere Kinder zwar bedingungslos, aber mit uns selbst gehen wir deutlich härter ins Gericht.

Aber zurück zu den Vorsätzen – was haben diese mit Erziehung zu tun?
Neujahrsvorsätze seien ein Versuch der Menschen, Kontrolle über ihr Leben zu bekommen, sagt ein Bochumer Psychologe. Außerdem behauptet er, ein Grund für Vorsätze sei der unrealistische Optimismus des Menschen, der besagt: „Wir trauen uns mehr zu als wir eigentlich können“.

Wow, das ist krass. Abgesehen davon, dass ich offenbar ein unrealistischer Optimist bin und glaube, wir können tatsächlich alles schaffen, wenn wir es nur wirklich wollen, ist Kontrolle ja nun ein Hauptbestandteil von Erziehung. Und obwohl ich selbst gerne das Gefühl habe, die Kontrolle innezuhaben, bin ich mir doch sehr sicher, kaum etwas im Leben wirklich kontrollieren zu können, und glaube sogar, dass das in Wirklichkeit nicht einmal erstrebenswert ist, weil vermutlich sterbenslangweilig.
Ein Psychologe der FU Berlin geht gleich noch einen Schritt weiter und verrät, warum seiner Ansicht nach Vorsätze häufig scheitern, und ich behaupte, das ist eben auch der Grund, warum Erziehung scheitert:

„Wir wissen aus der Psychologie, dass sowas unter Umständen sofort Widerstand erzeugt, das nennt sich dann Reaktanz. Weil ich meine persönliche Freiheit beenge. Wenn ich sage, ich mache das jetzt, schließe ich andere Handlungsmöglichkeiten aus. Deswegen könnte man genauso gut sagen, formulieren Sie es doch als Wunsch. Ich wünsche mir von mir selbst für das neue Jahr dieses und jenes. Dann ist diese Konfliktspannung durch die Reaktanzvermeidung geringer.“
Danke dafür! Und da wundern sich Leute ernsthaft, dass Kinder trotz Erziehung eines Tages ihren ganz eigenen, mitunter den Eltern gar nicht passenden Weg gehen? Dass Strafen, Belohnungen oder milder formuliert „natürliche Konsequenzen“ so häufig wirkungslos erscheinen?
Wenn das selbst in einem Erwachsenen, der seinen Vorsatz selbst gewählt hat, zu „Trotz“ führt (warum heißt das eigentlich nur bei Kindern ‚Trotz‘ und bei uns ‚Reaktanz‘?), sollte man da evtl. noch einmal genauer darüber nachdenken.

Aber an dem Punkt ist noch nicht Schluss mit der Erziehung. Nein – funktioniert die Erziehung (oder der gute Vorsatz) nicht, musst Du noch mehr Erziehung anwenden, um Dich selbst zu überlisten. Auch wenn der nette Psychologe der FU Berlin schon den viel besseren Hinweis – „formulieren Sie es doch als Wunsch!“ – gegeben hat.

Alle anderen Ratschläge sind eigentlich wieder Erziehung, nur heruntergebrochen auf kleinere Etappenziele. Genauso gängig, wie es ist, Kinder zu überlisten, scheint es zu sein, sich selbst zu überlisten.
Als ob sich selbst zu überlisten etwas Positives wäre. Aber wie so oft scheint „der Zweck heiligt die Mittel“ da ein tiefsitzender Glaubenssatz zu sein. Anders kann ich mir kaum erklären, wie Überlistung plötzlich als positiv gelten kann.

Als unrealistischer Optimist, der ich ja offenbar bin, stehe ich dennoch auf gute Vorsätze; nicht zwingend nur zu Silvester. Aber mich selbst zu optimieren und ständig dazuzulernen ist für mich untrennbar mit Leben verbunden. Lernen ist Leben und umgekehrt, und natürlich bin ich lieber eine bessere Version meines gestrigen Ichs als eine sich nicht entwickelnde, stagnierende. Auch wenn letzteres dazugehört bzw. uns manchmal so erscheint, oder schlimmer noch: wir Rückschläge erleiden, ist doch stetige Weiterentwicklung das Ziel. Es heißt doch so schön „der Weg ist das Ziel“.
Vielleicht muss ich dazusagen, dass ich nicht an Fehler, an richtig oder falsch, sondern an die Sinnhaftigkeit von Erfahrungen und Verhaltensweisen eines Individuums glaube. Ein „Fehler“ ist ein wunderbares Lernfeld. Und natürlich sage oder mache ich manchmal Dinge, von denen ich (manchmal im selben Augenblick) wünschte, ich hätte es bleiben lassen. Aber erstens besteht ein wichtiger Schritt zur Veränderung ja bereits darin, mein eigenes unerwünschtes Verhalten überhaupt zu bemerken, und zweitens sollte ich mich selbst dann nicht genauso mitfühlend behandeln, wie ich mein Kind in so einer Situation am liebsten begleiten würde?
Ich sage deshalb „am liebsten begleiten würde“, weil ich auf keinen Fall den Eindruck erwecken möchte, die perfekte unerzogene Mutter zu sein. Auch bei uns gibt es immer mal wieder Situationen, von denen ich mir anschließend sicher bin, ich hätte sie besser lösen können.

Entscheidend ist m.M.n. eben auch, mit sich selbst unerzogen umzugehen. An sich selbst zu arbeiten ist wunderbar, macht viel Spaß und „belohnt“ auf tatsächlich natürliche Weise. Aber ich glaube es gehört auch zur „härtesten“ Arbeit, der wir im Leben begegnen. Dazu ist sie so viel sinnvoller als die Arbeit am Kind, Partner usw. Wir können schließlich nur uns selbst wirklich verändern, wobei ich „verändern“ gern durch „weiterentwickeln“ ersetzen würde.

Wenn mein Menschenbild, meine Erfahrungen und mein Umfeld (ob jetzt durch Abschreckung oder Vorbild) mich weg von Erziehung hin zu Beziehung und einem erziehungsfreien Leben gebracht hat, behaupte ich: Fang bei Dir selbst an! Verzeih Dir, hab Mitgefühl mit Dir und gestatte Dir, fehlbar zu sein. Das mag am Anfang sehr schwer sein und glücklicherweise ist „fang da an“ nicht gleichbedeutend mit „erst wenn Dir das gelingt, kannst Du den nächsten Schritt gehen“.

Unerzogen ist nicht wie Schule – du musst nicht A schreiben können um das B lernen zu dürfen. Jede einzelne Situation die du mit deinem Kind, deinem Partner, deinen Freunden, Lehrern, Erziehern oder nervigen Bekannten erziehungsfrei meisterst, bringt Dich weiter. Genauso wie jede erzieherische Handlung deiner selbst oder anderer in deinem Umfeld dich weiterbringen, wenn Du lernst, sie überhaupt zu erkennen. „Fang da an“ meint mehr ein „Versuche von Anfang an, einen großen Teil deiner Aufmerksamkeit darauf zu legen“.
1. Je weniger Du versuchst, dich zu erziehen, desto zufriedener wirst du mit dir selbst sein, und Zufriedenheit ist eine gute (wenn nicht gar Grund-) Voraussetzung, um gelassen und entspannt mit deinen Kindern in Beziehung zu treten und
2. verbringst du mit niemandem mehr Zeit als mit dir selbst, hast also bei niemand anderem soviel Gelegenheit, unerzogen zu sein, zu lernen und zu erproben.

Um auf die Vorsätze zurückzukommen – genausowenig wie Erziehung funktioniert, funktioniert  ja unerzogen und genauso ist es mit den Vorsätzen. Der Vorsatz alleine funktioniert nicht, ihn mit Erziehung umsetzen zu wollen, oder schlimmer noch: den Vorsatz selbst Teil der Erziehung sein zu lassen, ist sowieso meist zum Scheitern verurteilt.

Warum also nicht es unerzogen versuchen? Und da erscheint mir die Idee mit dem Wünschen statt vornehmen als erster Schritt sehr geeignet. In diesem Sinne: Lasst uns aufhören, uns selbst erziehen zu wollen, während wir versuchen, unsere Kinder vor den schädlichen Einflüssen von Erziehung zu bewahren.

Ich wünsche uns allen ein gesundes, zufriedenes, erziehungsfrei(er)es Jahr 2016.

 

*Ich bin mir natürlich völlig der Tatsche bewusst, dass es echte Fehler und damit auch ‚richtig‘ und ‚falsch‘ gibt. Misshandlung, andere Straftaten und dergleichen sind immer grundfalsch. Diese Art von Fehlern meinte ich in meinem Text selbstverständlich nicht.

 

 

 

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