Wie werde ich unerzogen?

_12140197_10207372781614528_5183867017359710683_oRuth antwortet auf eine Mutter, die fragt, wie man mit unerzogen beginnen könne.

(…) Ich freue mich über Deine Neugier und Deine Offenheit und mag Dich ermutigen.
Wie fange ich am besten unerzogen an? Das ist ’ne gute Frage, finde ich. Ich habe (an mir und anderen) beobachtet, dass Folgendes sich bewährt hat:

1. Etabliere einen ‚inneren Beobachter‘

In Deiner Beschreibung lese ich schon, dass Du damit begonnen hast. Du schaust Dir an, wie ihr miteinander reagiert, wann etwas passiert, warum es passiert. Wie ihr euch verhaltet.
Eine klare innere Reflexionsposition hilft Dir, den Weg weg von der Erziehung zu schaffen. Sie sorgt dafür, dass Du Dich selber anschaust, auf die liebevollstmögliche Art, und Dir selber helfen kannst, die Probleme klar in den Blick zu nehmen. Dein Blick ist dabei auf Dich gerichtet. Denn Du kannst und darfst (moralisch gesehen) nur Dich ändern. Deine Kinder sind, wie sie sind. Und wenn Du das nicht nur weißt, sondern auch lebst, dann können sie Deine Liebe spüren und sich bei Dir sicher gebunden fühlen.
Beobachte Dich. Schau mal, wie Du etwas sagst. Wie du fühlst. Lass es einfach zu. Schau Dir an, was Du denkst. Was Deine Ängste sind.
All das, was Du da entdeckst, ist okay. Das darf alles sein. Das ist wichtig. Unerzogen fängt immer bei uns selbst an. Davon bin ich überzeugt

2. Werde Dir klar über die Auswirkungen von Erziehung

Um zu verstehen, warum es so wichtig ist, nicht mehr zu erziehen, macht es Sinn, sich der (schmerzhaften!) Frage zu stellen, was Du in Deiner Beziehung zu Deinen Kindern durch Erziehung verändert hast, und was Erziehung ganz allgemein bewirkt.
Dazu gibt es gute Literatur. Zu den Auswirkungen von Gehorsam, zu der Zerstörung von innerer Freiheit, zu der Wichtigkeit von intakten Beziehungen zum Lernen … (Lesetipp: ‚Wider den Gehorsam‚ von Arno Grün und ‚Zeit für Kinder‚, der antipädagogische Klassiker von Ekkehard von Braunmühl)
Ich glaube, dass das wichtig ist. Um mir selber immer und immer wieder klarzumachen, warum es so wichtig ist, dass ich eben nicht einen Machtkampf anfange. Dass ich eben keinen Gehorsam erwarte.
Und in dem Maß, in dem ich sicherer werde in meinem Tun, in dem Maß kann ich dann auch anderen gegenüber sicherer auftreten.

3. Hinterfrage Dein ‚Nein‘

Sandra Dodd war es, glaube ich, bei der ich einen sehr wertvollen Hinweis gelesen habe: Beginne damit, mehr ‚Ja‘ zu sagen.
Nicht sofort. Langsam. Prüfe Dich – muss mein Kind wirklich aufrecht am Tisch sitzen? Wirklich? Ist mir das in diesem Moment so wichtig, dass ich die Beziehung zu meinem Kind gefährde? Wirklich?
Und wenn Du fühlst, dass Du das gut loslassen kannst, dann lass es los. Du kannst Dein Kind bitten, ruhig sitzen zu bleiben – und dann kannst Du loslassen, wenn es das nicht tun will. Vertrauen, dass es das lernen wird. Dass es das nicht kann in diesem Moment. Oder will. Und dass das total in Ordnung ist.
Wenn Du aber fühlst, dass Du einen massiven Widerstand hast und sich in Dir alles umdreht – dann schau genau hin. Sag nicht ‚ja‘, ehe Du das wirklich fühlen kannst. Sag lieber: „Ich würde so gerne ja sagen, weißt Du, aber ich bekomme das nicht hin. Es tut mir leid.“
Wenn solch ein Widerstand auftaucht, ist es oft so, dass wir mit altem Schmerz konfrontiert sind.
Woran erinnert Dich diese Situation? Was denkst Du und warum? Was brauchst Du? Wie kannst Du es Dir selbst geben, ohne dass Dein Kind dafür verantwortlich sein muss?
Mit der Zeit wirst Du merken, wie Du Dich nach und nach selbst befreien kannst von diesem alten Schmerz. Manche Dinge brauchen u.U. auch eine professionelle Begleitung und manche Dinge tauchen wieder und wieder auf. Das ist eine Chance.

4. Lerne Dein Kind kennen

Unter all den Dingen, die Erziehung anrichtet, finde ich dieses beinahe am schlimmsten: dass wir unsere Kinder nicht kennenlernen.
Das klingt jetzt bescheuert, weil wir sie ja doch kennen. Klar. Aber wir kennen oft nur das Kind, das wir sehen, wenn wir es in ‚unerwünschte‘ und ‚erwünschte‘ Verhaltensweisen einteilen. Wir kennen ein Kind, das zu schüchtern ist, zu vorlaut – aber brav bei der Oma.
Ich übertreibe ein bisschen. Aber tatsächlich ist unerzogen ein Mindshift, ein Umprogrammieren des Gehirns. Und es geht darum, wie wir unsere Kinder (und letzten Endes alle Menschen) wahrnehmen.
Beobachte Dein Kind. Schau es Dir an. Wofür interessiert es sich? Wobei braucht es Hilfe?
Ich habe bei diesem Prozess mit Erschrecken festgestellt, dass so manches, was ich als ‚muss anders werden‘ für meine Kinder gar kein Problem war. Und so manches, was für mich total okay (weil ‚erwünschtes Verhalten‘) war, war für mein Kind ganz und gar nicht gut, und es brauchte Hilfe.
Kinderfreundlichkeit bemisst sich immer daran, was das Kind als freundlich empfindet, nicht was wir Eltern freundlich meinen – das schreibt Ekkehard von Braunmühl, und da ist sehr viel dran, meine ich.

5. Umgebe Dich mit Menschen, die andere nicht erziehen

Geh auf Treffen. Lies hier. Tritt der unerzogen-Gruppe auf Facebook bei. Geh in die unerzogen-Couchsurfing-Gruppe und besuche nicht erziehende Familien. Abonniere das unerzogen-Magazin. Umgib Dich mit dem Mindset, lass Dich darauf ein. Höre zu. Probiere selber. Lass Dir Zeit. Es kommt!

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Ein Gedanke zu “Wie werde ich unerzogen?

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