Die Sache mit dem Minirock

_img_2471Vor kurzer Zeit wurde in einer Facebook-Gruppe, in der ich Mitglied bin, die neue Kleiderordnung des Dresdner Sempergymnasiums diskutiert. Diese schreibt nun vor – von der Schulkonferenz demokratisch beschlossen, wie stolz betont wird – wie die Schüler sich zu kleiden haben bzw. was zu unterlassen ist: Hotpants sind tabu, ebenso kurze Röcke, bauchfreie Kleidung oder gar tiefe Ausschnitte. Die Diskussion wogte hin und her, einige waren dafür, andere dagegen. Fürs Protokoll: Ich war dagegen. 

Unthematisiert blieb, dass die meisten Vorschriften sich auf junge Frauen bezogen.

Etwas später fiel mir ein, dass es einen ähnlichen, medial heiß diskutierten Vorstoß ja schon im Sommer gegeben hatte. In Horb am Neckar, wie mir Google hilfsbereit mitteilte. Was da wohl draus geworden war? Neues Suchen erbrachte nichts, was mich ahnen lässt (Pessimistin, die ich manchmal bin), dass es dort wohl durchgezogen wurde. Beschwören kann ich es nicht. Ich bin eine Google-Niete.

Nach viel Gegenwind (für jeden irgendwie) in der Diskussion fing ich an zu überlegen, warum ich eigentlich so vehement gegen derartige Ansinnen eintrete. Die spontane Antwort: Weil ich es schlicht doof finde, jemandem vorzuschreiben, wie er sich anzuziehen hat.

Aber was steckt hinter diesem Doof-Finden?

Recherchiert man die Historie der Kleidung, so stößt man – wenig überraschend – auf eine lange Geschichte der Bekleidung als Kälteschutz, aber gleichzeitig auf eine fast ebenso lange Geschichte der Bekleidung als Statussymbol, als Machtsymbol, als handfestes Instrument zur Unterdrückung von Bevölkerungsgruppen.

Durch alle Zeiten und Kulturen zogen sich Vorgaben und Verbote, was Farben, Stoffe und Schnitte angeht, die keinen anderen Zweck hatten, als die einen zu erhöhen und die anderen zu erniedrigen.

Sei es das berühmte Bauernblau im Mittelalter, was neben Grau die einzige Farbe war, die zu tragen Bauern gestattet war, oder das Purpur, das sowohl weltlich als auch in kirchlichen Kreisen Macht symbolisierte. Die Toga des freien, stimmberechtigten Römers, der ungebleichte Schurz des Sklaven. Durch Kleidung manifestierte Trennlinien lagen allerdings nicht nur zwischen verschiedenen sozialen Schichten, sondern zogen sich mitunter mitten durch jene Schichten.

Denn seien wir ehrlich: Kein Mensch, der Frauen als gleichwertig ansieht, würde mehr als türbreite Reifröcke entwerfen, Perücken mit 50cm hohen Vogelkäfigen und Korsetts, in denen man kaum noch atmen kann. Kleidungsstücke, die geradezu herausschreien, dass sie ihre Trägerinnen zu reiner Dekoration machen.

Im 20. Jahrhundert kam es in unseren Breiten erstmalig flächendeckend zu dem Phänomen, Kleidung gezielt als Ausdruck der Persönlichkeit einzusetzen.

Ich denke, jedem werden spontan Beispiele einfallen, manche sogar sich selbst betreffend. Einen Punk erkenne ich, wenn ich ihn sehe. Manche tragen ihre Lieblingsband in Textil buchstäblich nah am Herzen, andere verzichten auf Mottoshirts und entwickeln gleich einen Komplettlook. Selbst der Verzicht auf einen einheitlichen individuellen Stil ist fast schon ein Statement.

Kleidung sagt also nicht mehr nur aus, woher wir kommen, sondern sie drückt auch unser Innenleben aus. Sie sagt der Welt, wer wir sind und sein wollen.

Interessant – und was hat das mit der Kleiderordnungsdebatte zu tun?

Nun, es war ein kleiner Exkurs, der deutlich machen soll, wieviel Sprengkraft in dem Thema steckt. Kleidung ist für die meisten Menschen eben nicht nur etwas, was man überwirft, um nicht zu erfrieren, sondern bewusst und sorgfältig gewählt, um etwas auszusagen.

In der Diskussion sind mir bei den Befürwortern zwei Argumente besonders aufgefallen. Eines war, dass das Verbot bitter nötig wäre, weil manche Schülerinnen sich kaum noch von Prostituierten unterscheiden ließen und es traurig wäre, dass sie ihr Selbstwertgefühl daraus bezögen, möglichst sexy und weiblich rüberzukommen.

Das andere war der Schutz dieser Mädchen. Vor unerwünschter sexuell orientierter Aufmerksamkeit. Vor Übergriffen. Davor, versehentlich mit Prostituierten verwechselt zu werden.

Diese beiden hauptsächlichen Argumentationsschienen machten einige der Diskutanten nachdenklich, weil sie so vernünftig klangen.

Aber mir blieb beim Lesen die Spucke weg. Ganz wirklich.

Was hatte mir die Sprache verschlagen?

Folgendes: Sich selbst ganz sicher für emanzipiert und modern haltende Frauen sahen es als gut an, Mädchen davor zu schützen, mit Prostituierten verwechselt zu werden. Weil Prostituierte, wie wir sicher alle aus diversen TV-Movies wissen, kein Selbstwertgefühl haben. Daher wäre es ja eine ganz blöde Sache, wenn eine junge Frau mit so einer Frau verwechselt würde und vielleicht auch so ein Selbstwertgefühl entwickeln und am Ende – Gott bewahre! – auch Prostituierte würde. Ich gestehe, die letzte Konsequenz hab ich eben alleine zu Ende gedacht, aber die Richtung schien mir zu stimmen. Vielleicht würde es eine junge Frau auch beschämen, wenn sie für eine Prostituierte gehalten würde? Weil es beschämend ist, eine Prostituierte zu sein? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur eins und das möchte ich zu diesem Punkt in aller Deutlichkeit sagen: Mit einer Prostituierten verwechselt oder verglichen zu werden, ist nur dann schlimm, wenn man mit dem Begriff keine Frau meint, die einer bestimmten Erwerbstätigkeit nachgeht, sondern ein Werturteil fällt über die Art der Erwerbstätigkeit. Wenn es nicht mehr um einen Menschen geht, sondern um die Anrüchigkeit von Sex gegen Geld. Um die Anrüchigkeit hoher sexueller Aktivität, noch dazu mit vielen verschiedenen Menschen.

Kommen wir zum zweiten Argumentationsstrang.

Was kann so falsch sein daran, junge Frauen vor sexuellen Übergriffen zu schützen und zu diesem Zweck Prophylaxe zu betreiben?

Antwort: Gar nichts ist daran verkehrt.

Nur hat diese Kleiderpolitik nichts mit Schutz zu tun.

Im ersten Moment hätte ich gesagt, sie ist frauenfeindlich. Aber das stimmt nicht. Beziehungsweise, das ist nicht alles. Die Sprecherin des Kultusministeriums in Baden-Württemberg sagte im vergangenen Sommer sinngemäß, dass es nicht Sache der Schulen sei, sich in die Kleidung der Schüler und Schülerinnen einzumischen. Allerdings hätten sie eine gewisse Handhabung, wenn die Konzentration oder gar der Schulfrieden gefährdet seien.

Moment mal – hab ich das wirklich gelesen?

Ja, hab ich und das geht über frauenfeindlich weit hinaus. Es macht junge Männer mit einem Federstrich zu willenlosen Sklaven ihrer animalischen Triebe, denen der Anblick eines unverhüllten Mädchenschenkels oder eines kecken Bauchnabels reicht, um alle Ratio vergessen zu machen. Adé Cambridgestipendium – und warum? Weil Nachbars Julchen auf einmal Brüste hat und nicht den Anstand, sie zu verstecken.

Nein, Freunde, das ist nicht frauenfeindlich. Das ist auch nicht männerfeindlich. Es ist menschenfeindlich.

Zudem ebnet es Schuldgefühlen Tür und Tor. Wenn der Minirock verboten wird, weil man Schutz vor sexuellen Übergriffen bieten will – wie wird sich ein Mädchen fühlen, das einen Übergriff erleben musste und dabei einen Rock trug, der nicht bis auf den Fußspann fiel?

Schuldig. Genau so.

Hier haben wir die Vorstufe zu miesestem victim blaming: Wir sind ja alle gegen sexuelle Übergriffe, aber wenn der Rock GAR so kurz ist …

NEIN! Der Rock kann so kurz sein, wie die Trägerin will.

Die Jeans so eng, wie es dem Träger (wollen wir nicht auch mal die jungen Männer mit ins Boot holen? ) gefällt.

Verantwortlich für einen sexuellen Übergriff ist die Person, die ihn begeht. Niemand sonst. Egal, wie kurz der Rock war. Egal, wie eng die Hose.

Die Argumentation mit dem Schutz ist fast schon alttestamentarisch: Sie weist der Frau – schon bevor ein Übergriff stattfindet – die Verantwortung dafür zu. Weil junge Männer ja willenlose … Ach, lassen wir das.

Ich mag an dieser Stelle betonen, dass ich einigen Aussagen der Befürworter durchaus zustimme.

Es ist ein Kreuz, wenn junge Frauen denken, sie müssten sexy sein, um etwas zu gelten.

Es ist ablehnenswert, wenn eine immer noch patriarchalisch dominierte Kultur ihnen das vermittelt.

Ich sehe Zwang nur nicht als probates Mittel, dem abzuhelfen. Im Gegenteil. Das ist die gleiche Medizin, nur in anderer Form: Wieder legt die Gesellschaft fest, wie junge Menschen sich zu kleiden haben. Nur, dass die Vorzeichen eben umgekehrt sind. Statt auf Sexappeal wird auf„Anstand“ gesetzt.

Ich sehe den Vorteil der Vorgehensweise nicht. Für mich steht zuoberst das Recht des Individuums auf freie Entfaltung. Jeder Mensch muss die Freiheit haben, sich nach seinem Gusto zu kleiden, und zwar völlig unabhängig davon, aus welchen Gründen er diesen Stil bevorzugt. Die Gründe müssen mir nicht gefallen oder einleuchten. Es ist okay, wenn ich innerlich darüber den Kopf schüttele. Aber das gibt mir nicht das Recht, anderen meine Gründe aufzuzwingen.

Auch der „Anstand“ taugt da nicht als Grund und die Überlegung, dass man jungen, „von Pro7 und RTL geprägten“ Frauen (nicht meine Formulierung) zu größerem Selbstwertgefühl verhülfe, indem man sie quasi zu ihrem Glück zwingt. Lasst mich dazu Folgendes sagen: Zwang führt fast immer zu Groll, häufig zu Rebellion und NIE zu verstärktem Selbstwertgefühl.

Inwiefern es dem Selbstwertgefühl dienlich ist, durch Medien erzeugten Druck einfach zu ersetzen durch vom Umfeld erzeugten Druck, will sich mir auch nicht recht erschließen.

Und schlussendlich aus tiefstem Herzen: Jeder, der Schüler und Schülerinnen zwangsweise verhüllt, damit sie weiter lernen dürfen, sagt ihnen damit, dass ihre Kleidung wichtiger ist als der Inhalt ihres Kopfes.

Ist es wirklich das, was wir jungen Menschen mit auf den Weg geben wollen?

 

 

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Ein Gedanke zu “Die Sache mit dem Minirock

  1. Während eines Gastschuljahres in Amerika, war ich an einer Schule mit einer solchen Kleiderordnung. Ich glaube die Regel war, wenn ich mich richtig erinnere, der Rock dürfe nicht kürzer sein als bis zu einer Handbreit über dem Knie. Noch nie davor oder danach habe ich so viele kurze Röcke an einer Schule gesehen wie dort. Alle endeten etwa eine lockere handbreite über dem Knie, zumindest wenn zur Kontrolle schnell der Bund ein bisschen runtergeschoben wurde.

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