Elternschaft und Beruf: Reicht der Blick auf die Mütter?

«Junge Erwachsene setzen sich mit einer Überhöhung des Elterndaseins unter Druck, beweist eine Studie: Ein Viertel ist der Überzeugung, dass Eltern ihre Bedürfnisse komplett denen ihrer Kinder unterordnen sollten. […]

„Menschen, die bis zu der Geburt des Kindes eine gleichberechtigte Partnerschaft geführt haben, fallen danach zurück in klassische Rollen,“ sagt Diabaté. Das sei für Mütter wie Väter unbefriedigend. Zu den Ursachen zählt Diabaté auch den Mangel an Kleinkindbetreuung, widrige Bedingungen für den Wiedereinstieg von Frauen in den Job, sowie die aktuelle Familienpolitik, die immer noch auf das Alleinverdienermodell abzielt.»                 [Süddeutsche Zeitung am 20. März 2015: Eine schrecklich perfekte Familie von Julia Rothhaas]

IMG_5231Ja, das sind sicherlich wichtige und reale Gründe. Viele Eltern können schlicht nicht auf eine passende Infrastruktur zurückgreifen. Ich beobachte allerdings mit Sorgen diese Tendenz, die Lösung für jeglichen Konflikt zwischen Elternschaft und Beruf am „französischen Modell“ zu sehen: Kinder in der Betreuung, beide Eltern berufstätig. Ich widerspreche nicht gänzlich den genannten Beobachtungen im Artikel, wundere mich aber doch über manche Schlussfolgerungen. „Väter müssen sich ihren Anteil eben erkämpfen. Und Mütter müssen sich fragen, wie viel Kind-Zentrierung gesund ist“ schreibt die Autorin in ihrem Artikel. Ich frage mich, ob das tatsächlich das ist, was in der Gesellschaft ankommt, und ob es das ist, was wir uns wünschen: Kampf und noch mehr schlechtes Gewissen.

Bis dato arbeite ich wie auch mein Mann in Vollzeit. Mein Mann in Schichten, ich in Gleitzeit. Das gibt uns ein wenig Flexibilität. So sind unsere Kinder in der Regel „nur“ bis zu sieben Stunden täglich im Kindergarten. Theoretisch könnten sie dort „ganztags verlängert“ verweilen. Wir sind also in der glücklichen Lage, auf eine optimale Kinderbetreuung nach französischem Vorbild zurückgreifen zu können. Wir leben „vorbildlich“ und ich begrüße unsere Wahlfreiheit als Eltern. Als Mutter. Als berufstätige Frau. Ich bin berufstätig und möchte es auch bleiben, ich lebe in einer gleichberechtigten Elternschaft und doch finde ich die Interpretation oder gar angeblichen Beweis der Studie, dass das Problem an einer „Überhöhung des Elterndaseins“ liegt, einseitig und nicht zutreffend. Ich fühle mich im vorherrschenden System nicht frei zu wählen, denn meine Wahl scheint nur in eine Richtung laufen zu können: Reduktion der Familienzeit. Wenn beide beides wollen – Beruf und Familie – dann ist dies die scheinbare Lösung.

Ich befasse mich unheimlich gerne mit Themen außerhalb meiner Familie. Ich verdiene gerne Geld und ich gehe gerne meiner Berufung nach. Ich bin aber genauso gerne, wenn nicht noch viel lieber, für meine Familie da und mit meinen Kindern zusammen. Daraus schöpfe ich Kraft. Und ich bin nicht alleine damit. Auch mein Mann wünscht sich mehr Familienzeit. Nicht rein quantitativ, sondern auch Zeit in nicht völliger Erschöpfung, in der es nur noch darum geht, zu funktionieren und seinen Pflichten beizukommen. Nein, wir wünschen uns Zeit zum Verweilen, zum Erleben und Entdecken. Zeit für Zuwendung, Zeit zum Beobachten, Zeit, um zu sein. Einfach so.

Warum wird der Perfektionismus in der Rolle als Mutter in Frage gestellt, aber nicht dieser in der Rolle als berufstätige Frau bzw. als berufstätige Eltern? Menschen? Warum ist die einzige scheinbare Lösung in der Reduktion der Familienzeit zu sehen, um Zeit für sich zu haben? Warum wird nicht die Anforderung im Beruf als überzogen gesehen? Für Frauen und für Männer? Für die berufstätige Mutter und den berufstätigen Vater? Was ist aus der Debatte um die 32-Stundenwoche für Familien geworden? Und reicht das aus? Ist das die Lösung all der Probleme, die Eltern täglich gegenüberstehen? Versuchen wir nicht hier den sich verändernden Bedingungen mit alten Mitteln beizukommen? Was ist das für eine Behauptung, dass die Familienpolitik auf das Alleinverdienermodell abzielt? Was ich erlebe, sind immer kleinere Löhne. Wo früher einer das Familieneinkommen erwirtschaften konnte, braucht es heute zwei. Die Frauenfrage im Beruf ist da doch Makulatur. Mittel zum Zweck. Immer noch. Trotz aller Anstrengung. Die Gesellschaft hat sich verändert. Wir brauchen neue Arbeitsmodelle und kreative Lösungen. Keine Vorwürfe und sicherlich keine Kämpfe.

Mein Arbeitgeber bietet alle Flexibilität, die sich frau vorstellen kann. Gleitzeit, alle möglichen Teilzeitmodelle, Familienzeit mit Rückkehrgarantie, Home Office und vieles mehr. Trotzdem ist es auch bei uns noch nicht tief verankert und oft mit Konsequenzen für die Karriere und mit vielen Opportunitätskosten verbunden. Und es reicht nicht. Es beantwortet noch nicht ausreichend all die Fragen, die aufkommen. Burnout ist mittlerweile an der Tagesordnung. Wie lange wollen wir noch am alten Denken festhalten? Wann wollen wir endlich anfangen, uns ganzheitlich zu sehen und unsere Bedürfnisse zu beachten?

Beides wollen – Karriere, wie sie einst definiert wurde, und weil man ausreichend kompetent ist und Potential hat, sowie eine anwesende, engagierte Mutter zu sein, das scheint tatsächlich nicht möglich. Aber nicht, weil frau es nicht kann, sondern weil frau gesagt bekommt, dass dies nicht geht. Natürlich kann kein Mensch (!) eine 40-Stunden-und-mehr-Woche engagiert durcharbeiten und dann noch die Kraft finden, um völlig zugewandt mit seinen Kindern Plätzchen zu backen, Bücher vorzulesen oder zu basteln, sofern sie das wollen. Das geht vor allem dann nicht, wenn Menschen einem Beruf nachgehen, welcher nicht ihre Berufung ist. Wenn sie aus ihrem Job keine Kraft ziehen. Das geht nicht, wenn die Arbeitszeit eben keine ‚Zeit für sich‘ darstellt, wenn sie anstrengend und nicht erfüllend ist. Wenn sie fremdbestimmt und sich nicht nach den eigenen Bedürfnissen und der individuellen Lebenssituation orientiert. Und das geht nicht, wenn die Menschen das innere Gefühl haben, dass es auf Kosten ihrer Familien geht. Wenn das Verhältnis eben nicht mehr stimmt, und sie den Eindruck haben, im System gefangen zu sein. Es geht nicht, solange wir ‚Work‘ und ‚Life‘ in ‚Balance‘ bringen wollen und dabei übersehen, dass Leben alles ist. Es reicht nicht aus zu sagen, dass Frauen ihre vermeintliche „Kind-Zentrierung“ überdenken und Männer sich ihre Rolle als Vater erkämpfen müssen.

Nicht die Mutterrolle ist per se überhöht und schon gar nicht die des Elterndaseins – die Anforderungen im Beruf und in der Gesellschaft sind einfach kinder- und familienfeindlich. Und solange das so ist, hat niemand eine wirkliche Wahlfreiheit. Solange wir die Kinder nicht in dieser Frage berücksichtigen, gibt es keine Chance auf wirkliche Veränderung. Die Antwort ist nicht: weniger Kind – die Antwort lautet: mehr Mensch!

Aida S. de Rodriguez

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2 Gedanken zu “Elternschaft und Beruf: Reicht der Blick auf die Mütter?

  1. „Warum wird nicht die Anforderung im Beruf als überzogen gesehen? “

    Ja, ja, ja. Das ist einfach DIE Frage.

    Ich persönlich glaube, auch hier müssen wir uns Zeit und Raum (zurück-)erobern, der bislang von anderen bestimmt und geschaffen wird.
    Das ist wie bei der Schuldebatte – Schule oder nicht Schule oder wie Schule, auf jeden Fall anders.
    So auch bei der Arbeit.
    Für viele Menschen ist Arbeit einfach Arbeit oder Erwerb und nicht Berufung.
    D.h. eindeutig fremdbestimmt. Diese Zeit, die wir „auf Arbeit“ verbringen, in der andere darüber bestimmen, wieviel Zeit wir in sie investieren und wieviel Zeit wir in anderes – zum Beispiel für Beziehungen/ Familie – müssen wir uns erobern. Wir müssen uns für uns einsetzen, so wie wir uns für bessere Bildung und Betreuung für unsere Kinder einsetzen und wir müssen auch reflektieren, wieviel und wofür wir das Geld brauchen und ausgeben, für das wir arbeiten – alles hängt zusammen.

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    1. Hallo Sh,

      ja, wir leben in eine sich stark transformierenden Zeit.

      Ich persönlich stelle mir folgenden Fragen: Wie will ich persönlich leben? Und was kann ich dafür tun? Welche Mutter will ich meinen Kindern sein? Und was muss ich dafür tun? In welcher Welt will ich Zuhause sein? Welchen Beitrag kann ich hierfür leisten? Usw.

      Ich bin aus dem Kampf ausgestiegen, hatte aber lande geglaubt, dass es genau darum geht. Nun beginne ich für mich und mein Leben Verantwortung zu übernehmen. Ein schönes Gefühl!

      Danke für Deinen Beitrag und Inspiration!

      Alles Liebe

      Aida

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