Es ist nur eine Phase….

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Diesen Satz kennen wohl alle Eltern junger Kinder, wenn diese Bücher aus dem Regal räumen, das meiste in den Mund nehmen, sich wahlweise nicht an- oder ausziehen wollen etc. und für manche wird es gar zum Mantra des gelassenen unerzogenen Umgangs mit den süßen Kleinen.

Ich hab einen Tipp für Euch: Behaltet das Mantra bei! Denn spätestens wenn die süßen Kleinen so zwischen 12 und 16 Jahren alt sind, könnt ihr es wieder gut gebrauchen!

Mich und meine Kinder rettet es im gemeinsamen Überleben miteinander, weil ich mir immer wieder (und das seit fast 15 Jahren) einrede »Es ist nur eine Phase« – neuerdings ist ein neues Mantra hinzugekommen: »Wegen Umbau geschlossen«.

Der Jugendliche in meiner Wohnung wohnt hier solange wie ich – seit 10 Jahren. Er war 4 Jahre als wir einzogen, ich 32 Jahre. Seit dem steht der Küchenschrank wo er steht und das Besteck ist an der immer gleichen Stelle. Dennoch fand ich ihn letztens ratlos in der Küche stehen bevor er losfluchte: »Verdammte Synapsenverschaltung! Jetzt weiß ich nicht mehr wo die Gabeln sind!«

Meine Güte, dachte ich, der hat’s noch viel schwerer mit sich als ich mit ihm!

Es ist nur eine Phase, wenn er plötzlich von eben auf jetzt abweisend wird. Und es ist nur eine Phase wenn er genauso plötzlich wieder kuscheln kommt. Es ist nur ein Phase wenn es nicht genug Besuch und Partywochenenden geben kann und es ist auch nur eine Phase, wenn er sich wieder nur mit dem einen Freund trifft.

Alles ist dabei im Leben mit unerzogenen Teenies: erste Liebe und der dazugehörige Liebeskummer, endlose Diskussionen zur nächtlichen Rückkehr nach Hause, knallende Türen und Sonntagsfrühstück erst um 13h…. eigentlich alles ganz normal. Was ausfällt ist Schulstress, denn die Jugendlichen gehen an eine Freie Schule – ohne Noten, ohne Hausaufgaben, dafür mit gerne-hingehen und verlässlichen Beziehungen.

Ich glaube der Unterschied zu erziehenden Familien ist, dass wir Erwachsenen uns nicht wundern und auch nicht großartig aufregen (Ausnahmen bestätigen die Regeln). Wir wissen: es ist nur eine Phase. Und können vertrauensvoll auf die Beziehung bauen, die wir seit vielen Jahren zu den Jugendlichen aufgebaut und gepflegt haben, die uns Gelassenheit im Umgang mit den Teenies gibt und uns selbst auf wundersame Weise wieder mehr Zeit und Energie für andere Interessen.

Und wenn wir uns doch mal aufregen, dann wissen die Kids: Es ist nur eine Phase!

Unsere Kinder sind informiert über die Vorgänge der Pubertät, vor allem die neurologischen und hormonellen. Sie können also einschätzen, was Seltsames mit ihnen passiert und weil sie das können, können sie es auch verbal ausdrücken. Das macht es für uns alle sehr viel leichter. Das HimmelhochjauchzendzuTodebetrübt bekommt Worte und wird damit handhabbarer für alle Beteiligten. Und wir denken gemeinsam: Es ist nur eine Phase!

Unser Bewusstsein für das Phasenhafte im Zusammenleben und das Wissen darum, dass sie nun bald ganz flügge sind und ohne uns den Rest der Welt erkunden, macht uns geduldig und nachgiebig. Wir wissen, dass die respektvolle Beziehung in der Familie das ist, was uns tragen kann – egal ob »Trotzalter«, »Pubertät«, »Midlifecrisis« oder »Klimakterium«, irgendwas ist doch immer. Und immer ist es eben nur eine Phase.

Und wenn doch mal Hormonstatus auf Hormonstatus (Präklimakterium meets Pubertät) aufeinandertreffen – dann kracht’s eben. Im Vertrauen auf viele gute Jahre miteinander wissen wir: Es ist nur eine Phase….

Nicola Kriesel

Dieser Beitrag ist zu erst 2011 im unerzogen-magazin erschienen

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