Macht Fernsehen nicht dumm?!

_564178_10207805810439978_6932896256437834830_nRuth auf den Einwand, Fernsehen würde dumm machen – dies sei belegt. Es könne aber schließlich jede*r halten, wie er*sie wolle…

Das Ding ist nämlich: Es ist NICHT egal, was für eine Meinung man hat. ‚Kann ja jede_r machen wie er_sie mag‘ ist in diesem Kontext einfach nur indifferent und überflüssig. Überflüssig, weil es klar ist, dass niemand die Macht hat, anderer Gedanken und Handlungen zu steuern. Indifferent, weil eben das ja den Gedanken von unerzogen untergräbt: Wenn’s  egal ist und jede_r irgendwie macht, können wir uns die Gruppe [facebook_gruppe] sparen und alle irgendwas machen. Ist alles gleich gut… Neee, ist es eben nicht!

Es ist im Gedankenkomplex von unerzogen NICHT egal, was mensch von TV und Bildschirmmedien hält. Weil es ein großer Teil unseres Alltags ist. Weil es Kinder interessiert. Weil wir nicht drum rum kommen und uns positionieren müssen. Und weil es für die Beziehung zu unserem Kind ein Unterschied ist, ob wir TV schrecklich, furchteinflößend und gefährlich finden (dann müssen wir es schützen – mit allen Konsequenzen für die Beziehung. Und die Frage ist ja auch, wie lange…) oder ob wir vertrauen, begleiten (!) und daran glauben, dass Lernen stattfindet. Immer.

Letzteres lässt sich nun, bei aller interpretationsbedürftiger Studienlage, nicht leugnen: Wir lernen immer. Für das Lernen brauchen wir Voraussetzungen, ganz unbestritten: Menschlichen Kontakt, Sicherheit (vor allem emotionale!), Stressfreiheit, Zeit (um in den berühmten ‚Flow‘ zu kommen), Ruhe und eben überhaupt die entwicklungsbedingte Reife für den entsprechenden Lernschritt. (Übrigens – welche Schule erfüllt schon dieser Kriterien?! Und dafür sind sie gemacht, zum Lernen! Aber egal, anderes Thema.)

All das vorausgesetzt kann nichts und niemand ein Kind vom Lernen abhalten. Und selbst bei nur der Hälfte der Voraussetzungen lernen Menschen. Das Gehirn ist dafür gemacht. Das lässt sich nicht bestreiten, nicht auf halbwegs rationaler Ebene und neurowissenschaftlich sowieso nicht.

Warum also sollte ein TV daran was ändern?! Wenn Kriege, Hunger, Großstädte, Einsamkeit und Gewalt das schon nur schwer verhindern können, das Lernen…

Meine Kinder gucken ziemlich viel Fernsehen (über das Internet. Sie wählen aus, es ist also auch Trash dabei.). Sie sind nicht dumm. Im Gegenteil, sie lernen so viel dabei! Selbst bei meiner Ansicht nach hochschwachsinnigen Sendungen wie Micky Maus Wunderhaus hat meine Tochter zählen gelernt. Und mein Sohn befasste sich intensiv damit, wie das Sozialverhalten der Figuren in der Sendung ist. Malte die Formen nach. Versuchte sie zu zeichnen. Interessierte sich für Raketen und Sauerstoffverhältnisse auf dem Mars und Blumenarten – all das wegen dieser Sendung.

Beobachtet eure Kinder beim Gucken. Schaut sie euch an. Achtet darauf, welche Fragen sie stellen. Was sie interessiert. Guckt mit. Stellt Fragen. Lernen ist nicht immer sichtbar – aber es passiert. Immer. Ich glaube, viel von der Angst vor der angeblichen ‚Verdummung‘ ist Unwissen über Lernvorgänge. Wenn erstmal die Brille ’nur xy ist Lernen‘ weg ist, kann man es beobachten. Immer. Überall. Es ist wunderbar. Aber es ist nur zu erleben, wenn die Angst dem Vertrauen weicht.

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4 Gedanken zu “Macht Fernsehen nicht dumm?!

  1. Liebe Ruth,

    in deinem Text setzt du „lernen“ mit „das Richtige lernen“ gleich.

    (Junge) Menschen lernen aber mehr als zählen und gekünzeltes Sozialverhalten in sogenannten Kindersendungen. Gerade wenn die jungen Menschen freien Zugang zu Bildschirmmedien haben, stolpern sie früher oder später über reaktionäre Rollenbilder, gewalttätiges Sozialverhalten, konsumorientierte Menschenbilder, sie erleben Wissenschafts-, Herrschafts- und Staatsgläubigkeit, sie erleben den ganzen Sex-Kram, der da umherschwirrt usw. Die ganze Bandbreite eben. Von all dem lernen wir Menschen. Wir lernen sogar ganz ohne Voraussetzungen. Unter machen negativen Voraussetzungen lernen wir sogar schneller. Wir Menschen sind hoch anpassungsfähig. Das gelingt uns durchs Lernen.

    Wenn also „dumm“ mit „nichts gelernt“ gleichgesetzt wird, dann werden Menschen vor Bildschirmmedien sicher nicht dumm bleiben. Sie lernen. Sie lernen „gutes“ und „schlechtes“.

    Für mich kann es kein Kriterium sein, ob ich eine Sache „schrecklich, furchteinflößend und gefährlich“ finde, nach dem ich entscheide, dass andere Menschen diese Sache nicht mehr dürfen. Jedenfalls nicht einzelne Menschen. Das würde nämlich bedeuten, meine Gefühlswelt über anderen Menschen und deren Gefühlswelt zu stellen. Nur weil ICH etwas schrecklich finde, soll das zum Maßstab für andere Menschen werden? Das kann ich nicht vertreten. Natürlich hat das nichts mit dem Schutz in akuten Situationen zu tun. Wenn ich einen Menschen unaufmerksam auf eine vielbefahrene Straße laufen sehe, dann versuche ich das zu verhindern. Das wiederum hat nichts mit dem Konsum von Bildschirmmedien zu tun.

    Meine Kinder haben freien Zugang zum Fernseher und Internet, weil beides Teil meines Lebens ist. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Dinge mehr schaden oder mehr nutzen. Sie verändern (veränderten) den Menschen. Das scheint mir belegt. Alles andere ist Bewertung.

    LG
    Fritz

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  2. Ich glaube, dass es durchaus etwas ausmacht, wie viel und was man im TV sieht, oder was man zockt oder allgemeiner, was man konsumiert, genau weil Lernen immer stattfindet. Das heißt nicht, dass das nun alles gleich böses Teufelszeug ist, aber es ist eben nicht egal. Mir selber fällt es schwer, mein Medienkonsumverhalten zu regulieren. Ich habe unter anderem gelernt, dass ich mich mit Medienkonsum zu machen kann, abschalten, Schmerz betäuben. Irgendwann habe ich entschieden, nicht mehr ständig Filme mit Gewaltdarstellungen anzusehen. Ich betrachte es einfach als geistige Nahrung mit schlechtem Nährwert. Wie lernt man einen guten Umgang damit? Bei mir ging es durch mühsames selber herausfinden.

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  3. Sehr schön geschrieben. Nicht der Fernseher ist „Teufelszeug“, sondern die Kinder unüberlegt und sich selbst überlassen davor zu parken.
    Ich habe als Kind immer viel Fernsehen gekuckt, weil das bei meinen Eltern wie Radio gehandhabt wurde und die Kiste daher einfach oft an war.
    Ich finde das nicht zwingend gut und möchte es meiner Tochter anders vorleben, aber dumm macht Fernsehen sicher nicht. Ich würde im Gegenteil sogar behaupten, das ich einen großen Teil meiner Allgemeinbildung auf dem Fernsehen habe – es hängt halt davon ab, was läuft.

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