Auch Kinder haben Gender

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Zuerst veröffentlicht im unerzogen-magazin 4/11 

Ich darf also in diesem Heft die Kolumne zum Thema Gender schreiben. Jetzt weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll… Vielleicht mit der grundsätzlichen Frage: Was ist eigentlich das Gender-Thema? Ich befürchte, dafür reicht weder meine Zeit noch der zur Verfügung stehende Platz im Heft. Außerdem würde ich mich dann auch gerne mit den anderen Kategorien beschäftigen, in die wir Menschen in ihrer Vielfalt einteilen: Alter, Hautfarbe, körperliche Einschränkungen, Herkunft, Bildungsstand, geistige Möglichkeiten und was es noch alles gibt. Gender ist da ja nur eine Schublade, und irgendwie wird sie so binär gedacht, dass ich manchmal denke: Reicht das denn?

So führen mich meine Gedanken zum Thema Transgender. Okay, schreib ich darüber. Vielleicht über das Kind, das mit biologisch eindeutigem Geschlecht geboren wurde und sich nun in der beginnenden Pubertät befindet und sich schon seit vielen Jahren so verhält und auch so aussieht, als ob es dem „anderen“ Geschlecht angehört. Nun muss es zur Therapie, eine Begutachtung über sicher ergehen lassen, damit der Ethikrat entscheiden kann, ob es erlaubt werden kann, dass das Kind seine Pubertät mit Unterstützung von Hormonen aufschiebt, um sich später, wenn es reifer ist, zu entscheiden, ob es denn wirklich lieber einen Körper hätte, der zum emotionalen Empfinden passt… Dazu hab ich in letzter Zeit viel gelesen und viele Dokus gesehen – aber ist es ein unerzogenes Thema? Und wie ist das mit der Zweidimensionalität von Gender – gibt es wirklich nur zwei? Und haben die auch was mit sexueller Orientierung zu tun? Kann man entweder nur männlich oder nur weiblich sein? Nur hetero- oder homosexuell? Und wie korreliert das alles miteinander? Ist es überhaupt schon ein Thema für Kinder oder nur über Kinder? Sollen sie ihre Themen nicht frei und selbstbestimmt wählen, wenn wir sie unerzogen groß werden lassen wollen?

Da fällt mir ein schwuler Freund ein, der mir auf die Frage „Wann hattest du dein Coming out?“ antwortete mit „So ungefähr mit 4 Jahren!“ Er wusste quasi schon immer, dass er schwul ist. Er wusste nicht, dass das schwul heißt, aber er hatte schon immer ein Gespür dafür, dass er anders ist als die meisten anderen, oder sind die anderen anders als er?  Also doch ein Thema für junge Menschen?!

Bei meiner Recherche stoße ich auf einen Artikel in der Berliner Zeitschrift „Siegessäule“ zur geschlechtersensiblen Erziehung [EDIT: der Artikel ist leider nicht mehr verfügbar,] am Ende steht etwas sehr unerzogenes:

„… träumt von ihrer ganz persönlichen idealen Welt, in der Geschlecht keine Relevanz hat und feste Schubladen und hierarchische Machtverhältnisse der Vergangenheit angehören. Bis (und damit) sich dieser Traum erfüllt, ist ihr dringlichster Erziehungstipp, die Kinder einfach machen zu lassen und ihnen auf ihrer Entdeckung der Welt eine möglichst große Vielfalt anzubieten: an Bezugspersonen, Lebenskonzepten, Spielzeugen und Kleidern. Und dabei keine Angst zu haben. Ein hochhackiger Schuh ist in erster Linie mal ein hochhackiger Schuh. Alles andere passiert in den Köpfen der Betrachtenden.“

So sehe ich das auch, und das wünsche ich mir auch.

Um Vielfalt geht es auch in vielen Kinderbüchern: die Berliner Bildungssenatsverwaltung hat im vergangenen Sommer [EDIT: Sommer 2011] einen Medienkoffer für die Grundschule vorgestellt mit dem Titel „Vielfältige Familienformen und Lebensweisen“, der Teil der „Berliner Initiativen zur Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ ist. Dieser enthält 25 Bücher und ein Familienspiel zu den Themen: Adoption, Trennung, gleichgeschlechtliche Eltern, Behinderung, Hautfarben, Herkunft, Patchworkfamilien und viele mehr.

Dort ist das Kinderbuch von Eric Carle über Herr Seepferdchen zu finden, der sich um die Eier kümmert, die Frau Seepferdchen gelegt hat, und der während der väterlichen Zeit der Fürsorge, andere Fischmänner trifft, die sich auf ihre Weise um ihre Kinder kümmern. In vielen der Bücher geht es um Geschlechterrollenklischees und doch haben viele Eltern in Berlin und anderswo befürchtet, hinter dem Medienkoffer verberge sich sexuelle Indoktrination ihrer süßen Kleinen. Ich vermute (und hoffe), sie haben sich mit der Literaturliste des Medienkoffers nicht beschäftigt, sondern haben per Beißreflex auf die Begriffe „Sexuelle Vielfalt“ reagiert und sich empört, dass das doch kein Thema für Kinder sei.

Kinder haben Gender und ein Recht auf Selbstbestimmung – von Anfang an, auf allen Gebieten der Persönlichkeit, und ein Recht auf Information. Und deswegen ist das Thema für alle wichtig und kann nicht auf später verschoben werden, weil nicht alle Familien so funktionieren, wie die eigene.

Nicola Kriesel 

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