Wenn das Kind sich anpassen soll an Schule und Elternhaus…

img_0276Dani reagiert hier auf eine Mutter, deren Grundschulkind nicht in die Schule gehen will und von dem in der Schule gesagt wird, es sei dort nicht beschulbar. Die Mutter ist ratlos, die Schule stiehlt sich aus der Verantwortung und das Kind ist zermürbt und wirkt depressiv. 

Was ich da lese erstaunt mich sehr.
1. Der Druck auf dein Kind ist enorm. Was meinst Du, wie es sich anfühlt, die Schule zu hassen und da hin zu müssen? Aber noch viel schlimmer – was meinst Du, wie es sich anfühlt, an einer Schule bleiben zu wollen (weil sie die Option mit den wenigsten Schmerzen ist), die einen nicht haben will, mit 8 Jahren? Da steht dein kleiner Zwerg und möchte dahin und die WOLLEN ihn nicht. Er ist es nicht wert dahinzugehen, er ist zu dumm dahinzugehen oder was weiß ich, was sich da in seinem Kopf für Botschaften niederschlagen. Sicher keine schönen.
2. Kinder sind zu recht nicht vertragsfähig, sogar gesetzlich. Absprachen, die sich also nicht auf’s Hier und Jetzt beziehen, sind damit für Kinder einfach unfair. Sprich, wenn er sich überlegt hat, Bücher zu bearbeiten, und das nicht augenblicklich geschehen sollte, wundert es mich nicht, dass er sich dann nicht mehr an die Absprache halten mag. Sie gilt schlicht nur für den Moment.
Und ist das nicht eigentlich das Tolle an Kindern, dass sie im Hier und Jetzt leben? Erwachsene bezahlen ernsthaft Geld für Achtsamkeitskurse, statt sich Kinder anzuschauen und von ihnen das zu lernen, was wir als Kinder alle konnten.
3. Dieses „Ruhezeit-Ding oder vom Esstisch aufstehen wollen – geht nicht wegen der anderen“ kotzt mich freundlich formuliert an. Das spielt in einer Liga mit „Wo kämen wir denn hin, wenn alle täten, was sie wollen?“ Antwort: In eine bessere Welt!
Was soll das also? Ich kann durchaus auch Kindern erklären, warum eins gerade draußen spielt (ganz nebenbei, verstehe ich nicht, wie ein Kind draußen die Ruhe der anderen stören soll), schon vom Tisch aufsteht oder in der Nase bohrt. Das Absurde daran ist: Erst wird Kindern Jahre lang erklärt, sie sollen sich wie alle anderen verhalten, sollen tun und lassen was „man“ halt so macht oder eben nicht so macht. Aber spätestens in der Pubertät, wenn die Kinder genau das gegen die Eltern verwenden und vielen die Freunde wichtiger sind als Eltern, macht man eine 180 Grad Wende und sagt: „Das alle anderen bis 3 Uhr morgens auf der Party bleiben, interessiert mich nicht.“ Gerne noch mit dem Nachsatz: „Wenn alle anderen von der Brücke springen, springst Du auch?“
Das ist nicht nur paradox, das ist daneben – und hinterlässt Teenies zurecht mit einer Riesenwut auf die Eltern.
4. Anpassung macht krank.  Immer, überall und in jeder Form! Rücksichtnahme ist wunderbar und wichtig, unterscheidet sich aber in ganz wesentlichen Teilen von Anpassung. Rücksichtnahme ist freiwillig, das schenke ich anderen, ohne dass sie es fordern. Ich nehme Rücksicht aus Interesse an meinem Gegenüber. Anpassung ist etwas, wozu man genötigt wird oder sich genötigt fühlt. Alleine das Wort Anpassung. Etwas (oder viel schlimmer jemand) wird passend gemacht oder macht sich passend. Da steht doch schon Ablehnung hinter. Denn so, wie ich bin, passe ich offenbar nicht, sonst müsste ich mich ja nicht passend machen…
Wie Du weißt, sind wir nach Neuseeland ausgewandert – und hier sehr glücklich. Oft höre ich hier die Frage, warum sich hier Ausländer besser anpassen als das in Deutschland der Fall wäre. Das ist aber die falsche Frage, denn hier passt sich niemand besser an. Integrieren ja, anpassen nein. Hier wird einem fast ausnahmslos mit Neugier begegnet. Neugier auf meine Person, Neugier auf meine Sprache, Herkunft und Kultur. Keiner verlangt, das ich zum Kiwi werde. Jeder wünscht sich viel mehr, dass ich das, was ich an meiner Herkunft mag, mit hierher bringe. Es wird als Bereicherung angesehen. Es wird Rücksicht auf Ausländer genommen und ganz selbstverständlich nehmen die meisten Ausländer ebenso Rücksicht auf die Kiwis. Weil es alles freiwillig ist. Weil einem eben nicht das Gefühl vermittelt wird „so wie ich bin, passe ich nicht hierher.“
5. Du weißt doch selbst am besten was dein Kind schon alles ab bzw. mitbekommen hat – chronische Erkrankung eines Elternteils, eine turbulente Ehe, schwierige Großeltern etc. Euer Kind braucht mal eine Pause, es muss sich erst mal erholen dürfen und zu sich kommen. Ohne zu sich zu kommen, kann es gar keine Rücksicht auf andere nehmen und anstelle einer Pause und Rücksicht auf seine Person und Geschichte erfährt es auch noch Ablehnung aus der Schule. Das ist echt extrem.

Weißt Du wie es sich anfühlt aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden? Laut Gerald Hüther  ist das die gleiche Hirnaktivität wie bei körperlichen Schmerzen. Es ist für Kinder schlimm genug von anderen Kindern ausgeschlossen zu werden, aber von Erwachsenen – da hinterlässt es nichts anderes als Ohnmacht.

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