„Mit Essen spielt man nicht!“ – Warum Verschwendung für Kinder doch wichtig ist

_img_0377-2Wer kleine Kinder hat, kennt sicherlich auch solche Situationen: Die Familie sitzt gemütlich am Esstisch und plötzlich fängt das Kleinkind an mit seinem Essen zu matschen oder es runter zu werfen. Oder das zweijährige Kind, welches sich immer wieder eine neue Traube nimmt, rein beißt und diese wieder zur Seite legt ohne es zu essen. Auch nicht ungewöhnlich ist, wenn das Kind ständig zum Kühlschrank läuft und sich einen neuen Pudding nimmt, ohne ihn dann wirklich zu essen. Immer und immer wieder. Nicht zu vergessen der Brotbelag, der ohne das Brot aufgegessen wird. Die Liste ist schier unendlich. Der ganz normale Familien-mit-Kleinkind-Alltags-Wahnsinn also.

Diese Situationen sind uns Eltern allen bekannt und doch überkommt uns auch hier schnell die Angst und das erzieherische Ich wird laut:

„Mit Essen, spielt man nicht!“

Hinter diesem weit verbreiteten Glaubenssatz, steckt oft die Angst vor Verschwendung. Ginge es in der Nachkriegszeit um tatsächlichen Mangel, so argumentieren wir heute gerne mit dem Leid der Menschen in der Dritten Welt oder damit, dass wir die Konsumorientierung in der Gesellschaft nicht unterstützen wollen.

Aber was ist Verschwendung?

  • Wenn ich etwas nutze, auf welche Weise auch immer, ist es dann Verschwendung? Wo ist die legitime Grenze zwischen Nutzung und Verschwendung? Ist unser zivilisiertes Leben nicht eine allgemeine Verschwendung von Ressourcen? Warum sind wir bei Kindern in der Beurteilung darüber immer ein wenig „genauer“?
  • Wenn ich Dinge vermeintlich zweckentfremde, ist es dann Verschwendung? Wenn ich eine Gabel als Flaschenöffner benutze, ist das Verschwendung? Ist es das, wenn diese sich verzieht und nicht mehr als Gabel zu nutzen ist?
  • Ist es Verschwendung, wenn mein Kind ein Gänseblümchen nimmt, es auseinander pflückt und daraus für ihre Puppen eine Mahlzeit zubereitet anstatt es unserem Hasen zu essen zu geben?
  • Ist es also Verschwendung, wenn Kinder Nahrungsmittel erleben, mit allen Sinnen begreifen, anstatt sie nur aufzuessen? Nein, im Gegenteil!

Kinder sind neugierige und leidenschaftliche „Sinneswesen“

  • Kinder wollen ihre Welt erfahren und erleben. Mit allen Sinnen erforschen, spüren und begreifen. Sie haben Spaß am Entdecken. Und sie haben Spaß am Essen. In dem sie ihr Essen mit allen Sinnen erleben dürfen, können sie auch eine Beziehung zur Nahrung aufbauen.
  • Das sinnliche Erfahren und Erleben sind grundlegend für die Vernetzung der Nervenzellen und somit für die gesamte Entwicklung unserer Kinder. Interessanterweise sind es oft die gleichen Eltern, die vor Bildschirmkonsum Angst haben, die ihren Kindern das Erleben mit Essen verwehren. „Mit Essen spielt man nicht.“ und „Fernsehen macht dumm.“, das sind weit verbreitete Glaubenssätze, die Erziehung auf den Plan rufen. Aber wenn passiver Medienkonsum dumm macht, muss aktives Spiel mit Essen doch wünschenswert sein, oder nicht?
  • Erfahrungen sind unabdingbar fürs Lernen. Woher soll ein Kind wissen, dass die nächste und übernächste Traube oder was auch immer genauso schmeckt wie die erste? Oder wenigstens so ähnlich? Doch nur durch Erfahren und Erleben. Da hilft es nicht, dass wir davon erzählen. Das Kind will eigene Erfahrungen sammeln und so daraus lernen und schlussfolgern.

Lernen lässt sich nicht erzwingen – und wäre es überhaupt wünschenswert? Kleinkinder experimentieren solange, wie sie eben brauchen, um festzustellen, wie etwas funktioniert, schmeckt, sich anfühlt oder verhält. Das ist ein natürlicher und unabdingbarer Vorgang.

Kinder lernen mit allem Sinnen, exzessiv und wiederholend sowie prüfend und hinterfragend

  • Warum fällt das Essen auf dem Boden und macht beim ankommen so lustige Geräusche? Und warum klingt das Brokkoli beim Aufprall anders als der Kartoffelbrei?
  • Warum schmeckt die erste Traube süßer als die zweite? Oder: Ist es wirklich wahr, dass alle grünen Kügelchen gleich schmecken? Wirklich alle?
  • Hm, warum schmieren sie die Schokoschmiere auf das Brot, wenn ich doch nur die Schmiere essen mag? Und schmeckt diese anders alleine als mit dem Brot gemischt? Und warum ist ihre Konsistenz so weich und das Brot so trocken?
  • Und schmecken wirklich alle Puddings gleich, wenn jede Packung ein anderes Muster hat? Ändert sich etwas, wenn ich es anders aufmache und oben anfange? Oder alles schnell vermische? Oder das untere esse?
  • Wie fühlt sich eigentlich diese komische Masse an, wenn ich es mit den Händen knete? Und wenn ich alles mische?

Warum also Lernen bremsen? Oder gar unterbinden? Wir haben doch sicherlich alle schon mal die Erfahrung gemacht, dass Erlebtes sich eher verfestigt als Erzähltes.

„Ich höre und ich vergesse,
ich sehe und ich erinnere mich,
ich tue und ich verstehe.“ – Konfuzius

Was spricht dagegen, Kinder erleben zu lassen, wenn wir es ihnen ermöglichen können?

Viele Eltern argumentieren auf diese Frage gerne, dass sie keine Lust haben ständig die Reste ihrer Kinder zu essen, ihre finanziellen Mitteln begrenzt sind oder eben sich schlecht fühlen, immer wieder Lebensmittel weg zu schmeißen. Ich kann dies sehr gut nachempfinden. Weder möchte ich angesessenes Essen konsumieren, noch schmeiße ich gerne Essen in den Müll. Aber tue ich das, wenn das Essen zwar nicht aufgegessen wurde, aber dafür bespielt, erfahren und erlebt? Ist es was anderes, wenn ich meinem Kind die Küchenpapierrolle zum spielen gebe und diese auseinandergepflückt wird? Werden nicht auch dort wichtige Ressourcen verbraucht oder gar verschwendet? Und ist der Ressourcenverbrauch und der Schaden in der Umwelt größer als den, den ich beim Kauf von Spielzeuge anrichte?

Was ist aber, wenn mir die finanziellen Mitteln fehlen und auch andere in der Familie etwas davon haben möchte?

Meinen Konsum kann ich nicht mehr rückgängig machen, was aber passieren kann ist, dass wir aufgrund der Begrenzung meiner verfügbaren finanziellen Mitteln, nicht so schnell neue Puddings kaufen können. Auch meine Ressourcen haben eine natürliche Grenze. Diese Begrenzung kann finanzieller Natur sein oder auch natürlich bedingt durch die Bedürfnisse anderer. Wenn ich also drei Kinder habe und nur drei Puddings und alle drei wollen einen, wird leider das Experiment des einen Kindes diesmal ausfallen müssen. Nicht weil, „mit Essen spielt man nicht“, sondern weil einfach keines mehr vorhanden ist.

Schade ich mit dieser Haltung andere?

Schade ich Menschen, die nicht ausreichend Essen zur Verfügung haben, wenn ich mein Kind erlaube ihr Essen zu zermatschen oder die 10 Trauben zu probieren oder gar drei Puddings hintereinander zu öffnen? Menschen, die Hunger leiden, wie es bei solchen Diskussionen gerne eingewendet wird? Und da frage ich mich, ob es diesem hungernden Menschen nutzt, wenn ich meinem Kind bestimmte Erfahrungen verwehre. Wenn es offensichtlich ist, dass der Joghurt bereits gekauft ist, und ich scheinbar nicht vor hatte, dieses Geld stattdessen einem Bedürftigen zu geben oder mein  Konsumverhalten (nicht das des Kindes) grundsätzlich zu überdenken? Ich denke nicht, dass dies Erziehung rechtfertigt. Ich erachte es sogar für ziemlich gemein diese Last auf den Schultern kleiner Kinder auszutragen.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es sehr prägend ist, wenn man im Mangel aufwachsen muss. Und es ist wunderbar, sich um Knappheit nicht sorgen zu müssen. Es ist ein langer Prozess, erlebten Mangel wieder zu relativieren. Bis ich begriffen hatte, dass diese Zeiten um sind, gab es viel „Verschwendung“ oder schlicht Nachholbedarf in meinem Leben. Besonders grausam finde ich es, wenn Mangel künstlich erschaffen wird.

Kinder brauchen Liebe und keine Puddings

Es geht nicht darum, dass Kinder zum Glücklichsein oder einer gesunden Entwicklung, mehrere Puddings oder das zermatschen von Kartoffeln zu Brei benötigen. Es geht darum, das sie mit Dingen ihrer natürlichen Umgebung, auch experimentieren und diese erleben dürfen. Mit ihre unmittelbarer Lebenswelt vertraut zu werden wollen. Und wie lange dauert überhaupt diese kurze Lebensphase im Leben eines Kindes? Zwei, drei Jahre? Wie oft macht es dieser Art von Experimente? 1, 2 oder 5 Mal? Steht dies im Verhältnis zum erzieherischen Zeigefinger oder ist hier nicht erneut Phantasie und Begleitung gefragt? Ja, es geht um Liebe und nicht um Puddings.

Es ist nicht die Verknappung, die dazu führt, mit Ressourcen verantwortlich umzugehen, es ist „aus der Fülle zu leben„, wie Nicola es nennt, die einem erlaubt, auf Ressourcen zu achten. Erst, wenn man nicht das Gefühl hat, darum kämpfen zu müssen, kann losgelassen werden.

Aida S. de Rodriguez

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2 Gedanken zu “„Mit Essen spielt man nicht!“ – Warum Verschwendung für Kinder doch wichtig ist

  1. Ein interessanter Artikel, es fällt mir leider dennoch schwer, die Argumentation mitzugehen.

    Das Argument, dass man den Pudding ja schon gekauft hat uns es nun keinem hungernen Kind in Afrika mehr nützt, ob ich ihn esse oder damit spiele und wegwerfe, kommt mir immer so vor, wie wenn es um die Beruhigung des eigenen Gewissens geht. Da wird einfach nur schön geredet.

    Beim Verweis auf hungernde Menschen geht es in meinen Augen darum, dass man der Ressource den Wert gibt, den sie hat, indem man darauf hinweist, dass es Menschen auf der Welt gibt, die so wenig haben, dass sie verhungern. Zumal es heutzutage immer mehr so ist, dass unser verschwenderische Lebensstil dazu beiträgt, dass es andernorts Menschen schlecht geht.

    Und auch das Argument, dass das Spielzeug evtl. schädlicher ist, ist in meinen Augen schwierig. Genau wenn dem so ist, kann das doch erst recht kein Grund dafür sein, dass man an anderer Stelle noch mehr verschwendet. Das Ziel muss doch sein, dass auch das Spielzeug möglichst niemandem schadet, auch im Herstellerland nicht, auch nicht den Zusteller, der es uns nach Hause bringt etc.

    Insofern gilt es meiner Meinung nach, einen Kompromiss zu finden zwischen Lernen/Erfahren und verantwortungsvollem Umgang mit uns und unserer Umwelt. Und natürlich setze ich dabei keine größeren Erwartungen in mein Kind, denn es ist ein Kind.

    Aber wie Du schreibst, es ist wichtig, das ganze in Relation zu sehen. Wie häufig passiert dies wirklich? Wie viel Schaden wird gerade wirklich angerichtet? Und auch da geht es wie überall darum, dass man das richtige Maß findet.

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