Das muss aber sein, denn das macht man so.

Dani philosophiert über den „man“, der alles muss aber nichts wollen darf. 

Man tut so allerhand. Man tut dieses und jenes, man tut aber auch auf gar keinen Fall jenes und solches. Und überhaupt, manche Dinge müssen aber sein!!!
… Wirklich?

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Als unsere Tochter ungefähr 3 Jahre alt war, erbten wir einen antiken Esstisch. Unsere Tochter kletterte beim Essen darauf, um dort zu essen. Da hörte ich mich doch tatsächlich sagen: „Das macht man nicht“. Das klang nicht nur deswegen absurd in meinen Ohren, weil sie schon ein paar mal auf einem Tisch sitzend gegessen hatte, ohne dass es mich störte. Viel mehr, weil mir eine Szene aus meiner Jugend in den Kopf schoss: Ich war bei einer Freundin und die sagte zu ihrer Mutter: „Alle anderen dürfen aber bis 3 auf der Party bleiben!“
Jetzt braucht ihr nicht lange raten, was die Antwort der Mutter war: „Alle anderen interessieren mich aber nicht! Wenn einer von der Brücke springt, springst du ja auch nicht hinterher…“

Wer ist dieser man denn überhaupt?

Ist das nicht albern? Jahre lang hören Kinder was man so alles macht und nicht macht und dass es Erwachsenen offenbar sehr wichtig ist, was dieser man so macht. Wenn die Kinder dann älter sind und versuchen mit genau diesem Argument ein bisschen mehr Freiheit zu erlangen, interessiert dieser man überhaupt nicht. Das ist vermutlich nichtmal  der selbe man von dem die Eltern jahrelang gesprochen haben. Also kommt ja nicht auf die Idee alle anderen mit man zu verwechseln. Oder vielleicht doch? Denn schließlich hört man Erwachsene ja auch Gelegentlich fragen: „Was sollen denn die Anderen denken?“
Man scheint eine Mehrheit darzustellen die aber nur von Autoritätspersonen als Druckmittel genutzt werden darf. Denn wenn die Mehrheit aus Kindern oder Jugendlichen besteht, ist sie unbedeutend oder im schlimmsten Fall sogar gefährlich (von der Brücke springen).

Als ich mich also zu meiner Tochter sagen hörte „Das macht man nicht“, schwenkte ich danach um in: „Komm bitte da runter, der Tisch ist alt und ich möchte nicht, das er kaputt geht.“
In dem Augenblick fiel mir auf, warum so gern auf man  zurück gegriffen wird: Es klingt viel harmloser und ich selbst bin überhaupt nicht verantwortlich. Schließlich kann ich ja nichts dafür ob man jetzt etwas tut oder nicht.

Und muss man etwas müssen?

Ganz genauso verhält es sich mit dem Wort müssen. Dass manche Dinge aber sein müssten, hab ich schon oft gehört. Deutlich häufiger wurde es noch, nach der Einschulung unseres älteren Sohnes. Eltern und Lehrer sagten ständig wie in einem Chor: „Aber manche Dinge müssen halt sein“ oder „Man muss doch aber…“ und „Ich muss ja auch…“ Und immer wieder fragte ich mich, wovon die eigentlich reden. Also fragte ich den Klassenlehrer, ob er mir ein paar Beispiele nennen könnte und wie ich es ahnte sagte er: „Ich muss: Zähneputzen, Wäsche waschen, kochen, arbeiten, und so weiter.“
Mir fiel die Kinnlade runter – ihm dann vermutlich bei meiner Antwort auch:

„Ehrlich? Ich wasche unsere Wäsche nicht weil ich das muss, sondern weil ich saubere Wäsche haben möchte. Ich koche, weil wir Hunger haben, oder schmiere uns Brote. Zähneputzen muss ich auch nicht. Ich möchte keinen Mundgeruch und vor allem keine Zahnschmerzen. Mit Arbeit verhält es sich bei den meisten ganz genauso, Menschen gehen arbeiten, weil sie Geld verdienen wollen und im Idealfall sogar, weil sie ihre Arbeit lieben oder zumindest mögen.“

Man hat also eine Wahl. Man muss nicht, und auch wenn man glaubt es sei keine echte Wahl zwischen Zähneputzen und Zahnschmerzen zu entscheiden, so bleibt es doch eine Wahl. Eine Wahl bedeutet eben nicht, mich zwischen tollen Dingen entscheiden zu können oder guckt ihr auf euren Wahlzettel und denkt: Wow, alles so tolle Parteien, welche soll ich da bloß wählen?
Warum also lügen wir unsere Kinder quasi an, wenn wir behaupten, manche Dinge müssten aber sein?

 

Man muss ersetzt Verantwortung

Ich vermute aus dem gleichen Grund, aus dem wir so gerne auf man verweisen: Wir geben damit die Verantwortung ab.
Ich kann nichts dafür, dass du die Zähneputzen musst. Ich kann nichts dafür dass „man das einfach nicht macht“. Ich bin dafür da, dich auf das Leben vorzubereiten und muss Dir also beibringen was man so alles muss.

Wenn ich man und müssen weglasse bedeutet das, ich bediene mich einer persönlichen Sprache. Dann sag ich meinem Kind: „Ich will, dass du die Zähne putzt!“, „Ich will nicht, dass du auf den Tisch kletterst.“ Ich könnte statt „Ich will…“ auch „Ich möchte…“ sagen, tue das aber nur wenn, es nicht so dringend ist. „Ich möchte nicht, dass du Deinen Bruder haust.“, ist für mich weniger dringend, als „Ich will nicht, dass du Deinen Bruder haust!“

Wenn ich also versuche auf man und muss zu verzichten, zeige ich mich viel deutlicher. „Ich will…“ zu sagen fällt vielen von uns schwer, denn das macht man schließlich nicht. Es heißt ja: „Kinder mit nem Willen…“.

Obwohl man also nichts will, sondern allerhöchstens möchte, will ich euch gerne einladen „man“ durch „ich“ zu ersetzen und euch bei jedem „müssen“ ganz genau zu überlegen, ob dahinter nicht eigentlich doch eine Wahl steht. Soweit ich weiß, müssen wir alle nämlich gar nichts außer eines Tages sterben und kacken (…sorry, aber das kommt sonst an anderer Stelle wieder raus 😉 …).

Ich behaupte, das allgemeine „man“ durch das konkrete „ich“ zu ersetzen, sowie „müssen“ gänzlich zu streichen, bringt noch einen schönen Nebeneffekt mit sich. Wenn ich merke, dass ich eine Wahl habe und all die Dinge, die ich vermeintlich muss, in Wirklichkeit freiwillig wähle, erlange ich ein großes Stück Selbstbestimmung zurück. Wenn ich die Wäsche auf einmal wasche, weil ich mich dazu entschieden habe und nicht, weil ich es muss, ist es viel leichter die Wäsche sogar gerne zu waschen, schließlich habe ich mich ja dazu entschieden.

 

 

 

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3 Gedanken zu “Das muss aber sein, denn das macht man so.

  1. Hallo liebe Dani, ich bin so froh, irgendwie auf diese Seite gestolpert zu sein…. ich kasteie mich mit Versagen, meine Tochter ebenso, alles trifft so genau auf uns zu – und ich steh am Pranger, weil meine Tochter nicht „funktioniert“. Nicht funktioniert heisst, dass sie seit einiger Zeit die Schule verweigert, ich steh schon länger am Pranger, bin witzigerweise Schulsekretärin geworden an einer anderen Schule. also im Metier – ist mein Traumjob, weil ich die Schüler zum Teil stärken kann – aber wenn das ärztliche Attest ausbleibt, oder wie bei uns – Gefährdung des Kindeswohls .. lol – das haben Lehrer massiv verursacht … aber ich muss mich rechtfertigen, dann bin ich meinen Traumjob los. Letzte Woche erst wurde erneut ein Gespräch abgelehnt an der Schule meiner Tochter. Wenn ich die ganze Geschichte schreibe seit 2010, dann wird es bitter. Wenn jemand eine Idee hat, dies abzuwenden oder mehr erfahren möchte – gern schreibe ich alles. Für jede Hilfe wäre ich unendlich dankbar, auch wenn ich weiß, dass es evtl, aussichtslos ist. Liebe Grüße

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    1. Liebe Angelika,
      ich freue mich auch dass Du über unsere Seite gestolpert bist 😉
      Mit der Schulverweigerung Deiner Tochter sprichst Du eines meiner Herzensthemen an. Unsere 3 Kinder gehen seit 15 Monaten nicht mehr in die Schule und wir genießen unser schulfreies Leben jeden Tag in vollen Zügen.
      Ich erinnere mich noch gut daran wie hilflos ich mich gefühlt habe als wir in Deutschland 2 schulpflichtige Kinder hatten die Schule hassten…
      Hier in Neuseeland ganz ohne Schule und Prüfungen wirklich frei zu leben ist für mich nach wie vor ein unbeschreiblicher Luxus und zeitgleich bohrt in mir die Frage: Mit welchem Recht verbieten Staaten wie Deutschland ihren Bürgern ein Leben wie wir es führen?
      Kein einziges Argument für den Schulzwang hält einem Gegenargument Stand, keine einzige Studie belegt in irgendeiner Weise einen Schaden für/an den Kindern oder der Gesellschaft in Ländern in denen „Home Education“ legal ist. Trotzdem werden zig Kinder und Familien in Deutschland und einigen WENIGEN anderen Ländern tagtäglich mit dem Schulzwang gequält.
      Ich habe leider keine Lösung für euer Problem parat und wenn Auswandern für euch (aus welchen Gründen auch immer) nicht in Frage kommt, bin ich vermutlich auch nicht die beste Anlaufstelle. Es gibt aber zum Glück auch in Deutschland Freilerner und soweit ich weiß auch relativ viel Unterstützung.
      Ich würde mich freuen eure Geschichte zu lesen, zumal ich glaube jeder der mehr oder minder öffentlich den Mund aufmacht hilft ein Stückchen mehr in Richtung Freiheit zu gehen. ABER ich will natürlich auch nicht dass Du euch damit in noch größere Schwierigkeiten bringst, evt. wäre eine private email oder ein Skype Gespräch da hilfreicher und Zielführender. In unserer Truppe sind auch einige die sich mit Schulfreien Leben in Deutschland und Alternativ Schulen hervorragend auskennen.

      Ganz liebe Grüße vom anderen Ende der Welt, ich drück euch die Daumen und herzlichen Glückwunsch zu einer Tochter die nicht „funktioniert“. „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein“ Jiddu Krishnamurti

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