Gastbeitrag von Ralph Piotrowski: Wenn Hauen doch was bringt….

Gewaltfrei und unerzogen: Wie Aggression und Gewalt das Zusammenleben fördern, wenn sie verstanden werden

Eigentlich scheint alles ganz einfach: gewaltfrei heißt, nichts zu machen, was bei einem selbst oder bei anderen das Gefühl hinterlässt, dass mit einem etwas nicht in Ordnung sei. Das leuchtet unmittelbar ein. Schwieriger wird es, wenn aus dem Prinzip der Gewaltfreiheit in irgendeiner Form geschlossen wird: Gewalt, Wut und Aggression dürfe nicht sein, Gewalt sei etwas Schlechtes und eine Sache, die es zu vermeiden gilt. Wird dieser Schluss gezogen, kann es schnell zu einem Missverständnis kommen und der Begriff der Gewaltfreiheit mutiert zur moralischen Keule, mit der Verhalten kontrolliert und unterbunden wird.

Marshall Rosenberg hat mit der ‚Gewaltfreien Kommunikation’ (GfK) eine radikale Haltung vorgeschlagen: Vertraue darauf, dass deine Mitmenschen dein Leben freiwillig und aus vollem Herzen bereichern. Und verzichte auf Mechanismen wie Lob, Schuld, Scham oder Strafe, um ihr Verhalten zu beeinflussen. Wenn das gelingt, werden Beziehungen lebendiger und damit für alle Seiten erfüllender. Unglücklicherweise führt ‚Gewaltfreie Kommunikation’ den Begriff ‚gewaltfrei’ im Titel. Der Begriff legt nahe, jegliche Formen von Handlungen, die gemeinhin als Gewalt oder Aggression bezeichnet werden, seien verurteilungswürdige oder zu vermeidende Handlungen. Diese Verurteilung verbaut den ungetrübten Blick auf die Bedürfnisse, die sich Menschen durch Gewalt und Aggression zu erfüllen suchen.

Zwei praktische Beispiele aus dem Zusammenleben mit Kindern verdeutlichen, wie Menschen sich das Leben vereinfachen könnten, wenn Gewalt und Aggression als natürliche Teile des Zusammenlebens betrachtet würden.

Der Putzeimer-Rabauke

Paul, ein Betreuer aus einer Schule mit Hort berichtete in einem Seminar über ‚Gewaltprävention in Kita und Hort’ von folgendem Ereignis: Die Kinder essen in der Schule zu Mittag und sind angewiesen, die Tische abzuwischen, bevor sie in den Hort gehen. Jeder ist mal dran und so kommt die Reihe auch an Erkan, einen elfjährigen Jungen. Erkan weigert sich, den Tisch abzuwischen, gerät in Wut und fegt den vollen Putzeimer vom Tisch. Das bringt Paul in Rage. Die Kinder müssen schnell in den Hort gebracht werden und jetzt ist auch noch der Boden schmutzig. Paul ist überfordert.

Die übrigen Seminarteilnehmer hatten die Lage schnell analysiert: Erkan müsse lernen, sich in die Gemeinschaft einzubringen und in der Schule herrschten eben andere Regeln als zu Hause, wo er wahrscheinlich den Pascha spielen dürfe. Unter den Seminarteilnehmern war auch Kamil, ein junger Mann, der gerade ein Praktikum an einer Ganztagsschule absolvierte. Noch hatte er sich in die Diskussion nicht eingeklinkt. Kamil wurde gefragt, ob er bereit sei, bei einem Rollenspiel zur Situation mit Paul und Erkan mitzumachen. Ermutigt durch Vorschläge der übrigen Seminarteilnehmer versuchte Paul erneut sein Glück. Und diesmal brauchten die beiden nicht mal 30 Sekunden, bis der Eimer durch den Raum flog. Frustriert wertete Paul seinen Versuch aus, während Kamil alias Erkan zufrieden grinste. Ziemlich schnell wurde deutlich, dass keiner begriffen hatte, was in dem kleinen Erkan vorgegangen war. Niemand hatte sich die Mühe gemacht zu verstehen, warum die Forderung, den Tisch abzuwischen, den Jungen so wütend und verzweifelt gemacht hatte. Kamil erklärte sich und uns die Situation folgendermaßen: Er selbst habe einen türkischen Hintergrund, und er könne sich vorstellen, dass Erkan zu Hause noch nie Tische abgewischt hat. Wahrscheinlich wäre es für ihn auch nicht einfach, Tätigkeiten zu verüben, die in seiner Welt (sprich: seiner Familie, dem Umfeld in dem er aufwächst und dem er bisher vor allem entnommen hat, wie die Welt funktioniert) von Frauen ausgeübt werden. Aber ausschlaggebender sei vielleicht ein ganz anderer Punkt: Erkan hatte wahrscheinlich große Sorge, sich vor seinen Freunden zu blamieren. Kamil selbst sei schon Ähnliches passiert, weil er nicht wusste, dass man Lappen auswringt bevor man ans Werk geht. Er hatte einen Tisch mächtig unter Wasser gesetzt und stand vor seinen Klassenkameraden als ziemlicher Trottel da. Woher sollte Erkan bitte schön wissen, wie man Tische abwischt? Und wenn es das Anliegen sei, Erkan zur Gemeinschaft beitragen zu lassen, warum nicht gemeinsam eine Form suchen, die für beide Seiten passend ist?

Brett vor dem Kopf

Ein anderes Beispiel aus einem Seminar stammt aus dem Schlachtfeld eines Kindergartens. Als Anja, die Betreuerin, zum Sandkasten kommt, sieht sie gerade noch wie Egon, 4 Jahre alt, nach einem kleinen Brett greift und Lela, 5 Jahre, unsanft über den Kopf schlägt. Als erstes trennt sie die beiden und widmet sich Lela, schaut ob ihr etwas passiert ist und wie es ihr geht. Und tatsächlich hat Lela eine ordentliche Schramme davongetragen, weint und ist empört. Währenddessen hält sich Egons Einsicht, fragwürdig gehandelt zu haben in überschaubaren Grenzen: Er versucht an Anja vorbeizukommen, um Lela noch ein paar gezielte Tritte zu verpassen. Anja ist jetzt ziemlich aufgebracht und schirmt Lela vor Egon ab. Mittlerweile ist eine weitere Betreuerin dazugekommen, die sich um Egon kümmert und Anja kann sich jetzt voll Lela widmen. Warum Anja aufgebracht ist, ist verständlich. Egons Verhalten hat sie aufgewühlt, und sie würde ihm am liebsten lautstark und nachhaltig vermitteln, dass Schlagen und Treten völlig unakzeptabel sind. Der Impuls, eine als pädagogische Konsequenz getarnte Strafe zu verhängen, kann in solchen Momenten groß sein. Gleichzeitig glaubt Anja nicht an die Wirksamkeit von Strafen, möchte die Kinder verstehen und hat sich auch schon mehrere Jahre in der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation geübt. Als ihre Wut verraucht ist, sucht sie Kontakt zu Egon und versucht herauszufinden, was ihn so aggressiv machte. Sie vermutet, Egon habe Kontakt gesucht und war frustriert, den ganzen Morgen keinen Anschluss zu finden und nicht mitspielen zu dürfen. Mit dem Schlagen hat er auf gewisse Art versucht, sich sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Spiel zu erfüllen.

Das Beispiel Egons zeigt, wie schnell Kinder (und genauer betrachtet oftmals auch Erwachsene) in etwas geraten, was als Frustspirale bezeichnet werden könnte. Erst ist Egon frustriert, dass er nicht mitspielen darf. Dann ist er so verzweifelt, dass er zu seinem letzten Mittel greift. Die Lage ist für ihn so unerträglich, dass er zu schlagen beginnt. Dabei bekommt er ziemlich schnell zu spüren, dass selbst dieses Mittel nicht greift. Er wird erneut zurückgewiesen und Lela bekommt alle Aufmerksamkeit. Und schließlich (was in unserem Beispiel glücklicherweise nicht der Fall war) läuft er auch noch Gefahr, bestraft und noch weiter isoliert zu werden, etwa indem eine ‚Auszeit’ verhängt wird.

Was tun in solchen Situationen?

Zurück zur Theorie und der Frage, ob sich daraus etwas Brauchbares für die Praxis ableiten lässt. Der Wunsch nach Rezepten ist groß, nach Sicherheiten, sich ‚richtig’ in der einen oder andern Situation zu verhalten. Rezepte kann es aber nicht geben. Jede Situation, jede Person, jede Interaktion ist einzigartig und kein Rezept kann dieser Vielfalt gerecht werden. Was es geben kann, sind innere Haltungen, die im Miteinander mit Kindern und Partnern helfen können. GfK bietet für diese Suche einen Kompass an, der Inschriften trägt wie: „Langfristig wird es dir und deinem Gegenüber besser gehen, wenn ihr euch nicht gegenseitig manipuliert, sondern euch sagt, wie es euch geht“ oder „Finde zunächst heraus, was du selber brauchst“ oder „Neugier statt Empörung: Versuche dein Gegenüber und seine Bedürfnisse zu verstehen“. Wie funktioniert dieser Kompass in den eben beschriebenen Situationen?

In der Gewaltfreien Kommunikation wird konsequent zwischen Bedürfnissen und Strategien unterschieden. Diese Unterscheidung ist Marshall Rosenberg zu verdanken. Sie ist sehr hilfreich, um menschliches Verhalten zu verstehen.

Diesem Verständnis nach wird menschliches Verhalten von grundlegenden Bedürfnissen geleitet. Mit dem Begriff ‚Bedürfnisse’ werden die Basismotivatoren bezeichnet, die alle Menschen antreiben, wie Sicherheit, Anerkennung, Integrität, Zuwendung, Teilhabe, materielle Lebensgrundlage, kreativer Ausdruck. Es gibt unterschiedliche Listen, die einen Überblick über menschliche Bedürfnisse vermitteln. Gemeinsam ist ihnen, dass Bedürfnisse immer abstrakt sind und ihre Anzahl recht überschaubar bleibt. Abstrakt sind sie insofern, als Bedürfnisse nicht konkrete Handlungen beschreiben, sondern das Ziel einer Handlung.

Die konkreten Handlungen, mit denen Menschen versuchen ihre Bedürfnisse zu erfüllen, werden in der GfK mit dem Begriff ‚Strategie’ bezeichnet. Hüpft ein Kind ständig vom Sofa, ist ‚vom Sofa hüpfen’ die Strategie (sprich die konkrete Handlung). Mit dieser Strategie versucht das Kind vermutlich, sich sein Bedürfnis nach Bewegung oder körperlicher Gesundheit zu erfüllen. Im Alltag werden dagegen oft solche Dinge gesagt wie „Das Kind hat das Bedürfnis vom Sofa zu hüpfen“. Aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation tragen solche Äußerungen zur Verwirrung bei und machen es schwerer, gute Lösungen zu finden. Der Kern der ganzen Angelegenheit ist: Wenn die Handlungen (Strategien) nicht zu den Bedürfnissen passen, führt dies schnell zu Frust und Aggression. Und im Alltag kommt dies häufig vor.

Raus aus der Frustspirale

Zurück zum Beispiel in der beschriebenen Situation mit den Kindern Egon und Lela sowie der Betreuerin Anja. Egons Strategie ‚Lela schlagen und treten’ dürfte wohl kaum dazu geführt haben, sich ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu erfüllen. Folglich wird Egon verzweifelt und aggressiv. Anja hat in dieser Situation die Frustspirale schnell erkannt, in die Egon geraten ist. Aber wie nun vermitteln, dass er ‚falsch’ im Sinne von ‚für seine Bedürfnisbefriedigung nicht zielführend’ gehandelt hat? Zumal es sich hier um eine kognitive Einsicht handelt, die emotional nicht so einfach umzusetzen sein dürfte. Und das alles aus einer inneren Haltung heraus, die nahelegt, andere Menschen nicht zu manipulieren oder zu beeinflussen? Das scheint kompliziert. Und gleichzeitig hat Anja die Situation recht befriedigend gelöst.

Verbindung wird ermöglicht, wenn ein tieferes Verständnis für einen selbst und den anderen entwickelt wird. Hilfreich hierfür ist folgendes Denkmodell, in dem vier unterschiedliche Phasen einer Handlung unterschieden werden. Erstens, das Bedürfnis, das mit der Handlung befriedigt werden soll. Zweitens, die Handlung selbst. Drittens, die Kommunikation mit der Umwelt, die notwendig ist, um die Handlung durchführen zu können. Und viertens, dem Gelingen der Handlung, also die Frage, inwieweit letztendlich durch die Handlung die Bedürfnisse befriedigt werden konnten. Die Abbildung fasst die vier Phasen zusammen:

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Verständnis für eine andere Person wird dann entwickelt, wenn jede einzelne dieser Phasen wahr- und ernstgenommen wird. Stattdessen ‚verharken’ sich Menschen schnell in einer dieser Phasen, etwa weil sie empört sind, dass Gewalt als Weg zur Vermittlung gewählt wurde. In GfK-Seminaren werden meist vier Schritte behandelt, die dazu dienen, sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden und die Bedürfnisse von anderen Menschen wahrzunehmen. Diese Schritte sind den hier beschriebenen Phasen ähnlich und können zur Klärung des eigenen Anliegens sehr hilfreich sein. Der erste Schritt ist wertungsfreies Beobachten. Der zweite, sich der Gefühle in der Situation bewusst werden. Der dritte, die dahinterliegenden Bedürfnisse zu erfassen. Und der vierte, zu klären, was man in der Situation brauchen könnte und sich oder andere Menschen darum zu bitten.

Verzweifelte Strategie

Egon könnte beispielsweise ein Bedürfnis nach Verbindung und Spiel gespürt haben. Dieses versuchte er sich mit der Strategie ‚mit Lela spielen’ zu erfüllen. Irgendwas ging jedoch in der Vermittlungsphase schief. Die Vermittlungsphase ist die Phase, in der Egon mit der Außenwelt in Kontakt tritt, um die von ihm gewählte Strategie (mit Lela im Sandkasten spielen) in die Tat umzusetzen. Vermutlich hatte Egon schon einige erfolglose Bemühungen hinter sich, für sein Bedürfnis nach Verbindung zu sorgen. Und da er verzweifelt und hilflos war, griff er zu seiner lautesten, deutlichsten und für seine Umwelt nicht länger zu ignorierenden Ausdrucksform: zu Gewalt.

Rosenberg bezeichnet Gewalt als tragischen Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Tragisch, weil Egon hier eine Handlung wählt, die ganz und gar nicht dazu geeignet ist, sich sein Bedürfnis zu befriedigen. Und die es beinahe unmöglich macht, dass er das bekommt, was er in diesem Moment am meisten braucht: Unterstützung und Empathie. Anders formuliert: Er braucht so dringend Verbindung, dass er versucht, sich diese lautstark zu erzwingen. Wenn sich Egon in einem Umfeld befinden würde, dass Gewaltanwendung bestraft, könnte es jetzt ganz dumm für ihn laufen. Denn vielleicht erfährt er diese Strafe als Strafe für sein Bedürfnis nach Spiel und Verbindung, und bleibt mit dem Eindruck zurück, dass mit ihm etwas grundlegend nicht in Ordnung ist, weil er mitspielen will. Eine Strafe käme für Egon der Botschaft gleich: „Egon, wir interessieren uns nicht für deine Bedürfnisse und schließen dich nun auch noch ganz offiziell aus, weil du nicht in der Lage bist, sie dir selber zu erfüllen.“ Strafen bewirken in einer solchen Situation alles Mögliche, aber nicht, dass Egon an Fähigkeiten hinzugewinnt, für sich selber zu sorgen. Und schon gar nicht wird er lernen, Lela zukünftig nicht zu schlagen. Lernen wird er bestenfalls: „Schlage Lela besser nicht, wenn ein Erwachsener zusieht.“

Echte Begegnung

Anjas Reaktion hingegen ermöglicht Egon auf unterschiedlichen Ebenen echtes Lernen. Zum einen hat Anja ihre unmittelbare emotionale Reaktion auf Egons Gewalt zugelassen. Sie war erbost, ist sofort dazwischen gegangen, um Lela zu schützen und hat sich körperlich gegen Egon durchgesetzt, als dieser nachtreten wollte. Egon konnte erfahren, wie sein Verhalten ähnliches Verhalten in seinen Mitmenschen hervorruft.

Zum anderen ist Anja ihm als Gegenüber begegnet, mit dem er sich auseinandersetzen musste. Sie gibt Egon das Signal ‚Wenn du mich schlägst, dann macht das etwas mit mir, was (wahrscheinlich) nicht in deinem Sinne ist’. Und – der entscheidende Punkt – Anja ist im weiterem Verlauf wieder auf ihn zugekommen und hat echtes Interesse an ihm und seinen Bedürfnissen gezeigt, ohne ihn als Person zu verurteilen. Sie hat ihn spüren lassen, dass er (und seine Bedürfnisse) in Ordnung ist – auch wenn sie sich gegen sein Verhalten (seine Strategie) zur Wehr gesetzt hat. Wichtig ist an diesem Punkt: Anja sollte sich für ihr massives Eingreifen bei Egon nicht entschuldigen und Dinge sagen wie „es tut mir leid“. Aus ihrer Sicht hat Egon ihr Verhalten notwendig gemacht und dazu kann sie auch stehen. Vielleicht könnte sie so etwas sagen wie „Leider fällt mir auch nichts besseres ein, wenn ihr euch schlagt.“ Den eigenen Ärger lediglich zu formulieren, ohne die eigene emotionale Reaktion spürbar werden zu lassen, ist hier wenig hilfreich. Dass die Gewaltfreie Kommunikation hierzu aufrufe, ist leider ein häufiges Missverständnis. Dem anderen die eigenen Emotionen nicht zuzumuten und emotionalen Ausdruck mit weichgespülten Worten abzufedern, führt erfahrungsgemäß eher zu weniger als zu mehr Verbindung. Dabei ist es wichtig, zwei Verhaltensmuster zu unterscheiden: zum einen den Ausdruck der eigenen unmittelbaren emotionalen Reaktion auf Gewalt. Und zum anderen die Gewaltanwendung, die aus Glaubenssätzen oder pädagogischem Wohlwollen erwächst. GfK und unerzogen wollen letzteres verhindern, aber ersteres ist dringend notwendig, um einen lebendigen menschlichen Austausch und Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.

Werte in die Beziehung einbringen

Welche Beziehungserfahrungen hätte der Betreuer Paul dem kleinen Erkan in der Situation mit dem Putzeimer anbieten können? Kamil hat uns noch während des Seminars gezeigt, wie Paul auf Erkans Bedürfnisse hätte eingehen können. Paul hätte mit ihm reden können und nach einem Weg suchen, der für beide in Ordnung ist. Mit Sicherheit ist dies Teil einer guten Lösung. Doch Kamils Ansatz nimmt Pauls Wertevorstellungen, seine Überzeugungen und kulturellen Prägungen weitgehend aus der Gleichung. Wichtig ist nicht allein, was Erkan braucht. Paul könnte Erkan noch mehr bieten, wenn er sich und seine eigenen Wertevorstellungen sichtbarer macht. Erkan wächst in unterschiedlichen kulturellen Kontexten auf. Je besser diese für ihn erfahrbar werden, desto einfacher wird es für Erkan werden, sich in diesen unterschiedlichen Kontexten bewusst zu bewegen. Dies wird Erkan am schnellsten gelingen, wenn er sich ausprobieren kann, wenn er weiß, woran er ist und er oder sein Verhalten nicht bewertet oder verurteilt werden.

Für Paul besteht die Herausforderung darin, Erkan seine Sicht der Dinge zu vermitteln, ohne diese mit Erwartungen zu verknüpfen. Das ist ein Schritt weg von „Wir haben hier in der Schule eine andere Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und solange du hier bist, erwarten wir von dir, dich daran zu halten“ hin zu „Schau mal, die meisten von uns machen die Dinge hier so.“ Diese beiden Möglichkeiten entsprechen auf Pauls Seite unterschiedlichen Haltungen und Selbstbildern. In der ersten Variante könnte Pauls Selbstbild folgendermaßen aussehen: „Ich stehe als Person und mit meiner Arbeit für Werte ein, die mir sehr wichtig sind. Hierzu zählt, dass alle Aufgaben erledigen müssen. Dies möchte ich Kindern vermitteln, die an unsere Schule kommen. Ich möchte Erkan diese Werte und die damit zusammenhängenden Regeln verständlich machen. Für seine Entwicklung wird das ein persönlicher Fortschritt sein.“ Das zweite Selbstbild könnte lauten: „Ich bin davon überzeugt, dass Menschen gerne zur Gemeinschaft beitragen, wenn ihre Bedürfnisse erfüllt sind. Ich vermute, dass Erkan sich in die Gemeinschaft einbringt, wenn er sich als geschätztes und gleichberechtigtes Mitglied erlebt. Ich möchte ihm alle Erfahrungen ermöglichen: Wie es für ihn und andere ist, wenn er sich voll einbringt und wie es für ihn und andere ist, wenn er weniger beiträgt. Und dann entscheidet er selbst.“ Diese Haltung hilft Paul auch für den Fall, dass Erkan den Tisch gerne abwischen wollte, und das Problem einzig und allein war, dass Erkan nicht wusste wie. Wenn die beiden gut im Kontakt sind, eignet sich Erkan diese ‚neue Kompetenz’ mit Sicherheit sehr gerne an.

Der moralische Reflex, Gewalt verurteilen zu wollen, ist gut nachvollziehbar. Er wurzelt im menschlichen Verlangen nach Schutz und Gerechtigkeit. Problematisch ist er insofern, als dass er den Umgang mit den Problemen erschwert, die er zu vermeiden sucht. Es geht darum, mit Gewalt umzugehen und nicht darum, Gewalt immer zu unterbinden oder frei von Gewalt zu sein. Oft sind Gewalt und Aggressionen verzweifelte Signale, die dekodiert und verstanden werden können. Sie sind Informationen darüber, welche eigenen oder welche Bedürfnisse von anderen zu kurz gekommen sind und was damit angefangen werden kann.

Dr. Ralph Piotrowski und Nicola Kriesel  haben diesen Beitrag für das unerzogen-Magazin 1/14  geschrieben, er ist ausserdem in der aktuellen Empathischen Zeit erschienen . Nicola und Ralph arbeiten seit 2009 zusammen im Team der SOCIUS Organisationsberatung in Berlin und bieten dort seit Januar 2015 monatlich  Familienwerkstätten an. Ihre weiteren Themen sind gewaltfreie Kommunikation,  Konfliktkultur in Gruppen/Teams/Familien,  Führung und Achtsamkeit, sinnstiftendes Arbeiten.

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3 Gedanken zu “Gastbeitrag von Ralph Piotrowski: Wenn Hauen doch was bringt….

  1. Interessante Ansätze, danke schön. Es verlangt jedoch ein hohes Maß an Vernunft und Einsicht bei den Kindern. Was macht man, wenn das nicht eintritt? Wenn Egon die Rolle als Rabauke gefällt, wenn er sein Bedürfnis nach Bewegung gern mit Prügeleien kompensiert? Oder sich Erkan weiterhin weigert, den Tisch abzuwischen?

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  2. Ich finde den Beitrag nicht schlecht, jedoch erkenne ich meiner Meinung nach im ‚Erkan‘ Beispiel sehr viele rassistische Bemerkungen. Zu einem 11 Jährigen Jungen zu sagen, dass bei ‚UNS‘ (im Gegensatz zu EUCH und ihr habt euch ja schließlich anzupassen) die ‚ROLLENVERTEILUNG‘ anders ist suggeriert ja nun tatsächlich, dass ein Junge mit türkischem Hintergrund ganz klar und schnell in die kulturelle Ecke gedrängt wird! Welcher 11Jährige Junge – und wir gehen hier mal nicht von irgendwelchen Akademikerkindern aus, deren Eltern sich von morgens bis abends Gedanken über die Erziehung ihrer Kinder machen – wischt bitteschön ‚daheim‘ den Tisch ab. Schön wäre es, wenn dies nur ein kulturelles Problem wäre! Jaja. So einfach ist das! Das ist auch der Grund, weshalb Kinder mit Migrationshintergrund immer die ‚Problemkinder‘ sind, nciht wahr?! Man muss ihnen nur mit ganz viel Verständnis zeigen, wie das bei UNS funktioniert!

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    1. Hallo Nina, danke für deinen Kommentar. Ich hab ihn leider erst jetzt gesehen und deswegen so spät freigeschaltet. Wir haben – als wir den Artikel geschrieben haben – durchaus ein Bewusstsein, für die möglicherweise rassistische Interpretation gehabt. Wir haben versucht, es so klar wie möglich zu formulieren. Du bist die Erste, die uns in zwei Jahren diese Rückmeldung gibt.
      „bei uns“ war nicht kulturell gemeint, sondern für die Einrichtung in der das Kind sich bewegt.
      Verwunderlich finde ich bei deiner Kritik, die gleichzeitige Kategorisierung der „Akademikerkinder“ deren Familien allein Aufgrund von Studienabschlüssen eine bestimmte Umgangsart unterstellt wird. Da erlebe ich in meinem Umfeld doch deutlich mehr Vielfalt. So wie allen anderen Familien mit diversen Hintergründen auch.

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