Nieder mit der Konsequenz! Warum Konsequenz nichts mit Sicherheit zu tun hat

dpvb_konsequenzenIch warte immernoch auf den Tag, an dem ich einem Gespräch über Kindererziehung beiwohnen oder ein Fachbuch zum Thema lesen werde – sei es im privaten oder im professionellen Rahmen – und das Wort Konsequenz nicht vorkommt.
Manchmal scheint es mir, als sei die so hochgelobte erzieherische Konsequenz die Goldformel für Glück – für Eltern, Lehrer, Betreuungspersonen und die dankbar konsequent erzogenen Kinder. Und gleichzeitig ein Standard, der nicht erreicht werden kann. Denn wann auch immer ich mich mit Menschen über Konsequenz unterhalte, so höre ich: „Ich weiß schon, ich bin nicht konsequent genug.“ „Meine Mutter sagt, das liegt an der fehlenden Konsequenz.“ „Wegen des inkonsequenten Erziehungsstils dieser Mutter gibt es Probleme mit diesem Kind.“ „Wir raten Ihnen zu mehr Konsequenz.“

Und es ist so ein wunderbarer Ratschlag, weil er so denkbar einfach ist. Er passt immer. Er führt immer zu Schuldgefühlen, dass man es selbst einfach nicht hingekriegt hat. Er gibt den Druck weiter an den, der hier so (konsequent) versagt. Und irgendein Anhaltspunkt lässt sich immer finden, um inkonsequentes Verhalten zu diagnostizieren.

Und wenn ich diesen Gesprächen so beiwohne, dann frage ich mich: Worüber reden wir denn eigentlich? Was soll das sein, diese heilige Erziehungsformel der Konsequenz?

Im erzieherischen Kontext werden dabei häufig zwei Dinge beschrieben:

  • Die Unumstößlichkeit festgelegter Regeln – seien sie auch noch so sinnfrei.
  • Und der Hinweis auf Folgen eines Verhaltens oder Handelns, welche eintreten werden (und dabei der perfide Einsatz der „logischen Konsequenzen“ als aufgehübschte Form althergebrachter Strafen).

Konsequenz behindert Beziehung

Vor einiger Zeit stolperte ich über folgendes Zitat von Erich Kästner:

Entweder man lebt, oder man ist konsequent.

Und ich war ganz aus dem Häuschen in Anbetracht dieses kleinen Satzes, der soviel Wahrheit beinhaltet. Konsequenzbestreben schränkt das Leben in seiner Fülle und Vielfalt ein. Aus aufgestellten Regeln werden Gesetze, die befolgt werden müssen, ohne Möglichkeit der Einflussnahme oder Korrektur. Wenn Gesetze herrschen und Regeln befolgt werden, dann kann eins nicht mehr bestehen bleiben – unsere Beziehung zueinander. Denn Gesetze und deren Ausübung sind immer mit Macht verbunden – die einer hat und der andere nicht. Wo Macht ist und ausgeübt wird, hat aber Beziehung keine Chance.

Lebendig, nicht schematisch

Das Leben besteht aus Überraschungen, Unvorhersehbarem, Wechsel, Lebendigkeit, Zuständen, Emotionen, Ereignissen. Jedem Ereignis oder Verhalten einen starren Ablauf zuzuordnen, wie es die Konsequenz verlangt, als wäre sie die Schwester von QM-iniitierten Flussdiagrammen, verliert völlig aus dem Auge, dass jede Situation einzigartig ist und individuelle einzigartige Lösungen verlangt.

In einer Welt, die sich schnell verändert, anpasst, immer wieder neue Innovationen hervor bringt und Lebensmodelle zur Verfügung stellt, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar waren, benötigen wir dazu vor allem eins – Flexibilität. Die Fähigkeit, sich auf wechselnde Herausforderungen einzustellen und schnell und intelligent zu reagieren. Und glauben gleichzeitig, dass wir diese Fähigkeit fördern, indem wir Kindern Reaktionen aus konsequenten Flussdiagrammen anbieten? Eine groteske Vorstellung.

Konsequenz zu fordern und an ihr festzuhalten nimmt uns genau diese wunderbaren Möglichkeiten: Flexibilität zu leben, darauf acht zu geben, was uns wirklich hilft und glücklich macht und in Beziehung zu bleiben.

Ich glaube, dass nicht die Konsequenz die Zauberformel ist, die das Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern zu einem Ort macht, an dem sich alle wohl fühlen – sondern das authentische In-Beziehung-bleiben, das einander Sehen und Hören, das Finden von Lösungen für auftretende Konflikte, das Unden und die Wertschätzung aller Beteiligten.

Warum Konsequenz nichts mit Sicherheit zu tun hat

Konsequenz wird häufig verwechselt mit der Sicherheit, die Kinder brauchen, um mit ihren Eltern beständige und feste Beziehungen zu führen.

Sie brauchen die Sicherheit, dass sie geliebt werden, was auch immer passiert. Die Sicherheit, dass sie gesehen und gehört werden. Die Sicherheit, dass sie beschützt und umsorgt werden, dass ihnen Aufmerksamkeit und Liebe zuteil wird, dass auch morgen noch jemand da ist, auf den sie sich verlassen können. Eine sichere Basis, von der aus sie die Welt entdecken können.

Sind sie sich dieser Basis bewusst und können sie darauf vertrauen, dass sie aufgefangen und gehalten werden mit all dem, was sie sind und wie sie sind, und haben sie Eltern, die die nötige Flexibilität besitzen, auftretenden Schwierigkeiten mit Individualität und Liebe zu begegnen, dann wird die gemeinsame Beziehung immer wichtiger sein und bleiben als die stumpfe Forderung nach Konsequenz, die jedes Leben im Keim erstickt.


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17 Gedanken zu “Nieder mit der Konsequenz! Warum Konsequenz nichts mit Sicherheit zu tun hat

  1. Da mein Baby noch klein ist, habe ich noch kaum persönliche „Erziehungs“-Erfahrung, deshalb mal ganz allgemein:
    Regeln sind doch nicht nur da, um uns zu quälen und einzuengen sondern auch um uns Sicherheit und Orientierung zu geben. Wenn ein Leben komplett ohne Regeln für unsere Erwachsenenwelt schon als zu komplex erscheint als es so leben zu können, dass es uns und unseren Mitmenschen gut dabei geht, wie kann ich dann von einem Kind verlangen, jedesmal in jeder Situation selbst zu wissen was nun warum zu tun ist? Ja, Kommunikation ist ein gutes Stichwort, aber nun mal nicht immer so möglich. Manchmal muss man sich doch auch einfach schnell auf eine Regel besinnen können, weil weder die Zeit noch die Verarbeitungskapazität ausreichen, um jede einzelne neue Situation wieder gesondert zu durchdenken? Und wo Regeln sind, muss auch irgendwo Konsequenz sein. Ich spreche nicht von der rigorosen Konsequenz auf Biegen und Brechen, die keine (erklärbaren) Ausnahmen kennt. Ich spreche von der Konsequenz, die einem Kind einfach lehrt wann man was tun sollte. Eine gewisse Beständigkeit, auf die sich das Kind verlassen kann, die es kennen kann, auf die es sich beziehen kann. Manchmal mag das übertrieben erscheinen, deshalb sind sicher nicht alle Regeln sinnvoll. Aber manchmal retten Regeln auch Leben. Wie geht man damit in deinem Ansatz um?

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    1. Ist die perfekte Anrede jetzt Liebes schwarzes Mutterschaf :)?
      Also – Hallo. Danke für deinen Beitrag. Zum einen denke ich, dass folgender Absatz für dich nochmal interessant sein könnte: „Konsequenz wird häufig verwechselt mit der Sicherheit, die Kinder brauchen, um mit ihren Eltern beständige und feste Beziehungen zu führen.

      Sie brauchen die Sicherheit, dass sie geliebt werden, was auch immer passiert. Die Sicherheit, dass sie gesehen und gehört werden. Die Sicherheit, dass sie beschützt und umsorgt werden, dass ihnen Aufmerksamkeit und Liebe zuteil wird, dass auch morgen noch jemand da ist, auf den sie sich verlassen können. Eine sichere Basis, von der aus sie die Welt entdecken können.“

      Diese Sicherheit gemeinsam mit dem innigen In-Beziehung-Sein ist in meinen Augen tatsächlich der Schlüssel dafür, dass das Zusammenleben mit Kindern erfolgreich und harmonisch verlaufen kann. Ich stimme dir zu, dass eine gewisse „Vorhersehbarkeit“ wichtig ist. Wir alle, nicht nur Kinder, können oft schlecht damit umgehen, wenn Menschen sich völlig unvorhersehbar verhalten. Wenn sie bei Kleinigkeiten schreien, wo sie sonst lachen, wenn die Stimmung kippt, wenn Abläufe und Tagesstrukturen so stark variieren, dass die Verlässlichkeit eingeschränkt ist. Dann ist aber in der Regel auch die Sicherheit nicht verhanden. Die Sicherheit, dass ich geliebt werde, auch wenn ich jetzt Mist gebaut habe, die Sicherheit, dass ich eine Reaktion erwarten kann, die angemessen ist (wenn ich beispielsweise mit 2 Jahren einen Becher Saft verschütte) oder auch die Sicherheit, dass wir zusammen sind und bleiben, was auch immer passiert. Wenn ich diese Vorhersehbarkeit und Sicherheit lebe, dann gibt es in meiner Vorstellung keine Notwendigkeit für etwas anderes. Regeln und Abläufe ergeben sich, passieren einfach, werden gelebt. Jeder kann einen typischen Tag von sich beschreiben, oder die Art des Zusammenlebens, was ihm oder ihr wichtig ist, was er oder sie gerne tun, und welche Persönlichkeit sie haben. All das wird gelebt. Für künstlich erschaffene Konsequenz und die notwendige Härte, diese (mit Macht!) durchzusetzen, besteht dann keine Notwendigkeit.

      Oder anders – würdest du die für das Kind geltende Konsequenz auch mit einem Erwachsenen leben? Deinem Partner? Deiner Freundin?
      Und wenn nein, warum nicht?
      Weil es das nicht braucht in Beziehungen, die auf Macht und Erziehungsziele verzichten.

      Viele Grüße
      Sylvie

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      1. Hallo! Vielen Dank für deine Rückmeldung und sorry für meine verspätete Antwort und das verspätete Hallo! 😉
        Puh, Jetzt sind wir so sehr in den allgemeinen Ausführungen, dass ich mir schwer tue das in das praktische Leben umzumünzen. Bezüglich deinen Impulsen zu Partner bzw. Erwachsenen. Natürlich fällt das hier etwas anders aus, da diese Regelsysteme schon kennen, bzw. die Kommunikation leichter fällt … aber wenn sich mein Partner nicht an vereinbarte Regeln hält, werde ich ihn auch daraufhinweisen. Tue ich das nicht, dann wird sich natürlich einschleichen, dass meinem Freund der Regelverstoß (Putzplan, Absprachen, etc. ..)gar nicht mehr auffällt und er ihn öfter begeht.
        Praktisches Beispiel Straße. Wenn ich mit einem Kind vereinbare, dass es ohne mich nicht über eine Strasse geht, dann muss ich das mit ihm konsequenterweise einüben. Bei jeden Strassenübergang. Wenn ich das mal nicht jedes Mal einfordere, weil eh grade kein Auto kommt, andere Menschen auch über die Strasse gehen, die Strasse eigentlich eh ganz klein ist .. weiß ich nicht so recht ob ich mein Kind selbst bei diesen Erklärungen dazu in der Lage ist die Regel einzuhalten, denn selbst wenn das Kind an diese Erklärungen denkt, schätzt es sie vielleicht ganz anders ein und zack ist es auf der Strasse und es ist vielleicht zu spät.
        Vielen Dank für deine Impulse und Ansätze, auch wenn ich kritisch nachhaken muss, um sie zu verstehen. 😉

        VG Katrin

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      2. Hallo Katrin 🙂 …

        Das Straßenverkehrsbeispiel ist in meiner Wahrnehmung das am häufigsten genannten Argument gegen die Ideen, die unerzogen vertritt. Sehr spannend.
        Die Frage ist für mich – was genau hat Konsequenz da für eine Rolle?

        Ja, du musst das „einüben“ weil wir rein biologisch nicht darauf ausgelegt sind uns vor 100km fahrenden Autos in Acht zu nehmen. Das ist ein von Menschenhand kreiiertes Problem und dafür gibt es noch keine organische Lösung. Also ja. Es ist gefährlich. Und ja, du musst aufpassen. Und definitiv ja, du musst dein Kind schützen! Niemals niemals niemals stellt unerzogen in Frage, dass der Erwachsene durch seinen Erfahrungsvorsprung und evtl. auch körperliche Vorteile (größer, kann Distanzen besser einschätzen etc.) dafür Sorge zu tragen hat, den kleinen Menschen zu schützen. Unabhängig davon würdest du auch jeden unbeteiligten Passanten am Arm zurück ziehen, wenn er unbedacht vor einen LKW rennen würde.

        Aber wie soll dieses „Üben“ von statten gehen?
        Du lebst doch damit. Du gehst jeden Tag an der Straße, über die Straße. Du kannst deinem Kind immer wieder erklären, warum es wichtig ist, auf dem Gehweg zu bleiben, an der Straße zu warten etc. Du kannst von einem 2jährigen Kind nicht erwarten, dass es dies a) versteht und b) immer umsetzen kann. Weil das kleine Kind vielleicht noch so von Impulsen geleitet wird, dass die schöne Blume auf der anderen Straßenseite wichtiger ist. Daher – hast du als Erwachsener die VERANTWORTUNG dafür zu sorgen, dass dein Kind nicht auf die Straße rennt. Indem du wachsam bist, es an der Hand hälst, Straßen meidest solange es zu klein ist das zu verstehen, es in den Wagen oder die Trage setzt, dich zu ihm runter setzt und es ihm wieder und wieder erklärst, indem du immer deine Augen beim Kind hast etc…. Das Kind trägt keine Verantwortung dafür, dass es nicht auf die Straße zu rennen hat. Es ist zu klein, diese zu tragen. Das ist dein Job. Und daher ist Konsequenz hier einfach kein angemessener Begriff. Für dich gilt vielleicht Aufmerksamkeit, Beständigkeit, Geduld – beim „Einüben“ dieser Fähigkeit. Aber Konsequenz? Warum und wofür?

        Viele Grüße

        Sylvie

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  2. Juul nennt eine Art des konsequent-Seins von Eltern, die für Kinder tatsächlich wichtig ist: Dass diese – also die Eltern – ihre Werte konsequent kommunizieren und leben. Also bspw. nicht nur sagen: Wir sind hilfsbereit, sondern tatsächlich auch anderen helfen und Hilfe anbieten. Wenn sie diese Konsequenz nicht aufbringen, sind sie auf Dauer nicht glaubwürdig, was natürlich dem Vertrauensverhältnis schaden kann.

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  3. Vielen Dank für deinen Beitrag,er ist so inspirierend für mich. Dieses ewigen Verwürfe „Du musst konsequent sein, sonst wächst er dir über den Kopf“ nerven mich so. Abgesehen davon, will dich dass er mir über den Kopf wächst, er soll wachsen, über mich und über sich hinaus 🙂 .
    Jesper Juul hat mal gesagt, dass Konsequenz nicht wichtig ist, sondern die Werte die dahinter stehen, wie Katharina oben schon erwähnt hat.
    Er sagt auch dass dieses „konsequent sein müssen“, ein Missverständnis wegen einer Studie die ca. 1940 rausgekommen ist, entstanden ist. Schwer erziehbare Kinder (ein sehr wertender Ausdruck ich weiß, mir fällt aber gerade keine Alternative ein) bzw. deren Eltern nahmen an der Studie teil. Im Endergebnis wurde die Inkonsequenz der Eltern als Grund für die Schwierigkeiten der Kinder propagiert. In Wirklichkeit waren diese Eltern inkonsistent in Bezug auf deren Werte, was dann zu den Problemen der Kinder geführt hat.

    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Liebe Sylvie,
    gerade bin ich auf deinen Beitrag gestoßen und finde deine Worte sehr treffend. Du sprichst mir aus der Seele.. Mich quält aber seit einiger Zeit eine Frage. Meine Elternzeit neigt sich dem Ende zu und ich steige wieder in meinen Beruf ein – Lehrerin an einer Hauptschule. In meiner Ausbildung ging es immer wieder darum, wie man die Schüler am besten im Griff hat. Oberste Priorität hatten da natürlich Regeln und Konsequenzen. Das Schulsystem is ja nun leider nicht immer optimal (starre Bildungspläne, 45 Minuten Zeitraster und dadurch oftmals leider wenig Möglichkeiten auf individuelle Interessen einzugehen). Hinzu kommen Kinder aus einem häuslichen Umfeld, welches ich nicht meinen Beziehungen zuhause vergleichen kann. Da ist teilweise von Anfang an vieles schief gelaufen und die Eltern-Kind-Beziehung nicht immer optimal. Folglich hat man immer wieder mit einzelnen Schicksalen zu kämpfen, die sich keineswegs in das soziale Klassengefüge einbringen wollen bzw. können. Ich kann hier also nur schlecht mit meinen Idealen, die ich innerhalb meiner Familie verfolge, ansetzen. Andererseits möchte ich weg von den typischen Regeln und Konsequenzen. Meine Erfahrung zeigt mir, dass die Schüler sich nicht wirklich an Regeln halten. Diese kommen zwar von ihnen und machen auch Sinn, jedoch stehen sie zu abstrakt im Raum. Und mögliche Konsequenzen schrecken nun wirklich nicht ab. Wie aber kann ich ohne das bisherige Konstrukt einen respektvollen Umgang fördern ohne dass Chaos herrscht und der Lehrer sich darin untergehen sieht? Eine stabile, wertvolle Beziehung aufbauen war mir schon immer wichtig in meiner Arbeit mit Kindern. Nun habe ich aber dennoch immer ein paar Störenfriede, bei denen es nicht so einfach klappt.
    Vielleicht erhalte ich ja von deiner Seite ein paar Anregungen, die mich bei meinem Grübeln weiterkommen lassen 🙂
    Herzliche Grüße
    Nelli

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    1. Ich bin Lehrerin in einem Schulzentrum und erfahrungsgemäß kann ich Sylvie weitgehend zustimmen. Bei meinen Problemschülern (die sicher nicht die Ausmaße deiner annehmen), schaue ich nach den Gründen für ihr Verhalten. Ich bringe ihnen den gleichen Respekt entgegen wie meinen Kollegen. Und ich hab mich auch schon vor eine Klasse gestellt und gesagt: „So: das ist das Unterrichtsziel – wie erreichen wir das gemeinsam?“ Irgendwie halten sie sich doch anders an Regeln, die sie selbst gewählt haben. Und denen ist ja auch klar, dass nicht 30 Leute reden können, wenn jemand was lernen will. Hab aber auch klar gesagt: so ähnlich wird die Klausur aussehen – was passiert, wenn ihr das nicht schafft? Hab sie auch zB mal Karten wählen lassen: wie viel Geld brauchen sie für Wohnung, Versicherung, Lebenserhaltung, Luxusgüter? Welche Jobs bringen so viel? Wie groß ist die Chance auf diese Jobs mit einer 5 in Deutsch?
      Hab mich aber auch schon mit nem Buch ans Pult gesetzt und gesagt, ich weigere mich, sie so zu unterrichten. Wer wolle, solle mir eine eMail schicken und bekäme Übungen per Mail von mir.
      Authentisch bleiben, sie einbinden, ihnen die eigene Verantwortung überlassen, in Beziehung sein, Bedürfnisse sehen… in 90% der Fällen funktioniert das bei mir. Die anderen 10% gebe ich an unseren Schulsozialarbeiter ab. Das kann ich mit 30 Kindern im Raum nicht leisten.

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  5. Hallo liebe Nelli, danke für deinen spannenden Kommentar.
    Deine Fragen kommen mir sehr bekannt vor. Ich habe selber mehrere Jahre als Dozentin in diversen Feldern gearbeitet, im Kindergarten, in der Erwachsenenbildung und mit Jugendlichen auf dem zweiten Bildungsweg.
    Ja, es ist eine Gratwanderung. Oft müssen wir ja für die Einhaltung von Struktur und Regeln sorgen, die nicht unsere sind, die nicht unbedingt für den Einzelnen sinnvoll und nützlich sind aber doch das Gefüge irgendwie unterstützen und daher umgesetzt werden sollen. Und oft sind uns auch einfach schlicht die Hände gebunden.

    Ich habe festgestellt, dass Authentizität, Transparenz und echtes Interesse am Menschen häufig dafür sorgen, dass die uns „Unterstellten“ uns tatsächlich als „Respektsperson“ wahrnehmen oder zumindest als jemanden, den sie mögen und dem sie gerne „folgen“ möchten. Dazu gehören ein echtes und ungekünsteltes Auftreten, Interesse am Leben der Menschen, mit denen wir arbeiten, ein bisschen Humor und manchmal auch eine freche große Klappe und Schlagfertigkeit. Besonders in der Arbeit mit Jugendlichen (mit ähnlichen Schwierigkeiten, wie du sie beschreibst), habe ich da wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht.
    Auch wenn mal Regeln umgesetzt werden müssen, so konnte das immer gut kommuniziert werden – ich bin der Erfüller des Regelanspruchs und nicht jemand, der über dich persönlich richtet. Die Jugendlichen konnten das gut unterscheiden im Sinne von „auch sie hat keine andere Wahl gerade“.

    In dem Zusammenhang kann ich dir wärmstens ein wunderbares Buch ans Herz legen, was diesen Spagat zwischen „Kontrolle“ und „Interesse“ an vielen Stellen aufgreift und Impulse dafür gibt, wie wir Jugendlichen im Gespräch begegnen sollten: Therese Steiner – Jetzt mal angenommen.
    Das Buch ist eher für den therapeutischen Bereich geschrieben worden, bietet aber zahlreiche Anregungen für die Arbeit mit Jugendlichen auch im Lehrerberuf.

    Sei so, wie du bist und transportiere das, woran du glaubst. Dann wirst du überleben, in diesem Schlachtfeld, was der Lehrerberuf manchmal bietet. Wir brauchen so großartige Menschen wie dich in unserer Bildungslandschaft, also trau dich!

    Alles Liebe!
    Sylvie

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  6. Was für ein Blödsinn. Wenn mein ja nicht ja heißt und mein nein nicht nein – was heißt dann mein „ich hab dich lieb, ich beschütze dich, hab keine Angst“?
    Ich bin konsequent. Ich bin verlässlich. Ich bin sicher. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis! Und ich denke, dass Kinder von Eltern, die alle 5 Min ihre Meinung ändern, nur weil sie mit dem falschen Fuß aufgestanden sind, unglücklich sind. Wenn ich meinen Kindern zusage, wir gehen morgen Eis essen – dann gehen wir morgen Eis essen, egal ob es einen Wetterumschwung gab oder ich länger arbeiten muss oder ich schlecht geschlafen habe. Weil ich zu meinem Wort stehe. Das raubt mir aber nicht die Flexibilität zu sagen, wir bleiben zu Hause, falls meine Kinder krank sind oder keine Lust mehr haben. Bei uns geht es konsequent zwischen 19h und 20h ins Bett. Das raubt mir aber nicht die Flexibilität zu sagen, heute hast du Geburtstag, wir bleiben wach bis der Besuch weg ist – oder bis 21h Bücher vorzulesen, weil er im Auto eingeschlafen ist und nunmal um 20h nicht müde ist. Eins schließt das andere nicht aus.
    Wenn Eltern doch endlich mal all ihre Erziehungstherorien weglassen würden, die sie im Endeffekt doch nur nutzen, um sich gegenseitg runter zu machen, und endlich anfangen würden, auf ihre Instinkte, ihren gesunden Menschenverstand und ihre Kinder zu hören, dann wären alle glücklicher. Egal welche Namen man dem Ganzen gibt – wir versuchen doch alle nur unser Bestes.

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  7. Ich bin deutscher habe 2 große Töchter 31 und 25 einen Enkel 7 …. Ich muss sagen das ich heute an diesem Tag das Wort Konsequent öfter gelesen habe , als ich es je in meinem Leben gebraucht oder besser gesagt habe. Können sie damit auch eine Seite im Netz machen? ???? Ja genau dazu können Sie mir nix sagen.

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