Wenn „Beziehung statt Erziehung“ uns in die Krise stürzt …

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Wenn Menschen beginnen, die Norm infrage zu stellen und den Status quo der Gesellschaft verlassen, befinden sie sich in der Regel bereits in einem transformatorischen Veränderungsprozess. Eltern, die sich dazu entscheiden, die selbst erfahrenen Erziehungsmuster nicht an ihre Kinder weiterzugeben, sondern in einer gleichwürdigen Beziehung mit ihnen leben wollen, beginnen in der Folge oft ihren gesamten Lebensrahmen zu hinterfragen. Ihre Haltung zum Leben und ihren Mitmenschen verändert sich. Aber auch die Art sich selbst zu betrachten. Die Entscheidung, das eigene Kind nicht formen zu wollen, hat sehr viel mit der Erkenntnis zu tun, dass die Wirklichkeit lediglich die Summe aller Wahrnehmungen ist. Auch dem Kind wird eine andere Wahrheit zugestanden. Und wenn es unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten derselben Wirklichkeit gibt, warum also nicht selbst die Perspektive wechseln? Persönlich, familiär und beruflich.

Zu Beginn jeder Veränderung steht eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung, etwas anders machen zu wollen als zuvor. Im Sinne von unerzogen bedeutet dies, Kinder nicht erziehen zu wollen oder in einer bestimmten Richtung zu formen. Es bedeutet, dem Kind Raum zu geben, zu sein und in Beziehung zu begleiten. Veränderung findet in verschiedenen Phasen statt. Das Wissen darüber kann Bewusstsein für die eigene Entwicklung schaffen und den Druck ein wenig rausnehmen. Auch der Prozess von Erziehung zu Beziehung lässt sich so abbilden.

Nach der Euphorie kommt die Ernüchterung

Nach einer ersten euphorischen Phase, in der wir beginnen, uns mit unerzogen zu befassen, kommt in der Regel der Moment, in dem wir schockiert feststellen, dass unsere Erwartungen an uns selbst zu hoch sind und die Realität unseres Tuns, diese Erwartungen nicht abbilden kann. Wir alle haben eine gewisse Vorstellung davon, was es bedeutet, Eltern zu sein. Wenn wir es aber tatsächlich sind, bemerken wir schnell, dass viele Dinge anders laufen, als wir es uns zuvor ausgemalt hatten. Vieles ist anders, als es in unserem Leben ohne Kind war. Vieles ist interessanter und bereichernder, aber eben auch anstrengender. Spätestens, wenn das Kind in die kleinkindliche Autonomiephase kommt, sind viele Eltern verwirrt und mit manch einer Verhaltensweise der Kinder überfordert. Das ist also per se bereits jede Menge Veränderung in unserem Leben. Entscheiden wir uns auch noch dazu, alte Handlungsmuster aufzugeben, kommt schnell das Gefühl der Überforderung. Dies ist besonders dann der Fall, wenn wir wenig Kontakt zu Kindern hatten oder aber aus einem erzieherischen Elternhaus kommen. Uns fehlen Rollenvorbilder für eine gleichwürdige sowie bedürfnisorientierte Beziehung zum Kind und wir haben noch keine oder nur wenige Handlungsalternativen entwickelt. Es kommt dann oft zur Ernüchterung und einer ersten Unzufriedenheit mit der Lebenssituation. Hier fallen oft Sätze wie: „Bei uns funktioniert unerzogen nicht!“ oder „bei uns klappt Selbstregulation nicht“.

Als ich die Gruppe unerzogen auf Facebook für mich entdeckte, reagierte ich ähnlich wie viele andere Eltern auch. Ich stellte mich vor und betonte, nicht zu 100 % unerzogen zu leben. Diese Abgrenzung erschien mir zu dem Zeitpunkt wichtig. Zum einen hatte ich noch nicht wirklich verstanden, dass unerzogen eine Haltung ist und keine Sammlung von anwendbaren Methoden. Zum anderen war es eine unbewusste Art, um Schonfrist zu erbitten. Durch Abgrenzung hatte ich für mich den notwendigen Rahmen geschaffen, in meinem Tempo zu lernen und Widerstände abzubauen oder bestehen zu lassen: „Ich finde das hier spannend (Euphorie), aber nicht alles (Widerstand, Abgrenzung, fehlender Überblick).“ Es dauerte ca. eine Woche und es machte bei mir klick. Das tiefe Tal blieb mir erspart. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich allerdings noch nicht, was das Verinnerlichen der Haltung für Auswirkungen auf mich und mein Leben haben würde.

Wenn das Leben plötzlich kopfsteht und wir uns mitten in einer Lebenskrise wieder finden

Manchmal erleben Eltern im Veränderungsprozess von Erziehung zu Beziehung eine Art Schock. Sie sehnen sich nach Stabilität, sind überfordert und erleben sich als reizbar und nervös. Die Ausprägung und Intensität der Stress-Symptome sind sehr individuell und hängen stark davon ab, wie sehr sich die jeweilige Person aus ihrer Komfortzone bewegen musste. Wer in seiner Kindheit sehr viel Erziehung erlebt hat, wird den tranformatorischen Prozess voraussichtlich als deutlich anstrengender und auch bedrohlicher erleben als jemanden, der nicht ganz so viel Elastizität aufweisen muss, weil seine ursprüngliche Realität nicht ganz so stark von seinem Ziel, in Beziehung zu leben, abweicht. Die Entscheidung für Beziehung, Liebe und Vertrauen konfrontiert uns mit unseren ureigensten Themen. Oft hat dies seinen Ursprung in unserer Kindheit. Die Auseinandersetzung mit der Beziehung zu unseren Kinder katapultiert uns unmittelbar wieder dahin zurück. In unserer Komfortzone fühlen wir uns sicher und geborgen. Wir haben es uns hier bequem gemacht. Auch dann, wenn wir unzufrieden sind, fühlt es sich doch sehr vertraut an. Wenn wir beginnen, unsere Fühler auszustrecken, haben wir die große Chance, uns zu entwickeln und neue Dinge zu lernen. In dieser Lernzone erleben wir viel Unsicherheit und manchmal auch Schmerz, zugleich aber auch großen Erfolg und Lebensfreude als Ergebnis unserer Entwicklung. Dehnen wir uns aber zu schnell und für den Anfang zu weit aus unserer Komfortzone heraus, oder es kommen unerwartet viele Themen auf den Tisch und wir lassen uns nicht adäquat begleiten in unserem Prozess, geraten wir in eine gefährliche Zone, die uns überfordert, stresst und Angst, wenn nicht sogar Panik macht. Spätestens hier ergibt es Sinn, sich Unterstützung zu holen.

Ich selbst bin in diese gefährliche Zone geraten. Die Auseinandersetzung mit meiner Beziehung zu meinen Kindern löste förmlich einen Schneeballeffekt aus. Indem ich mich mit ihren Bedürfnissen befasste, konnte ich nicht mehr die Augen vor meinen eigenen Bedürfnissen verschließen. Umso mehr unser Leben von unseren Bedürfnissen geleitet wurde, desto weniger war ich bereit zu funktionieren und noch viel weniger dies von meinen Kindern zu erwarten, um somit meinem ursprünglichen Lebensentwurf gerecht zu werden. Mir wurden immer mehr tief verankerte Glaubenssätze klar, die vor allem auch mein berufliches Umfeld prägten: Leistungsorientierung, Perfektionismus, Ungeduld und einen enormen Anspruch an mich selbst. Das stand zunehmend im Widerspruch zu meiner inneren Haltung. Ich fragte mich immer häufiger nach meiner Motivation und hatte bereits eine weitere Baustelle eröffnet: Wer bin ich? Was kann ich? Wo will ich hin? Ich war auf der Suche nach meiner Berufung, nach meiner Leidenschaft. Neben einem Vollzeitjob, drei kleinen Kindern, Haushalt und Partnerschaft entfaltete sich ein ganz existenzieller transformatorischer Prozess und meine Art damit umzugehen, brachte mich an mein Limit: Fortbildungen, Weiterbildungen, Seminare, ich war eine Suchende und wollte unbedingt verstehen. Ich wollte, nach alt bewährter Manier, alles auf einmal und das hatte letztlich Folgen für meine Gesundheit. Kurz vor dem Komplettausfall zog ich die Notbremse.

Üben, üben, üben

Eltern, die in dieser Phase an den „Point of no return“ kommen und sich dazu entschließen weiterzugehen, erleben eine Art Aufschwungphase. Die rationale Einsicht darüber, selbst die Verantwortung für seine Gefühlswelt und für die Beziehung zum Kind zu tragen, ist oft von Trauer und Wut begleitet. Es ist die Phase des Loslassens und des Annehmens. Sie wird begleitet von der emotionalen Akzeptanz. Aus dem „ES muss sich etwas ändern“ wird ein „ICH muss etwas ändern.“ Zu diesem Zeitpunkt werden viele Eltern sehr probierfreudig. Sie haben kleine und große Erfolge, aber manchmal auch noch kleinere Einbrüche. Sie entwickeln zunehmend die Erkenntnis, dass die Beziehung zum Kind eine andere Qualität gewinnt. Das Leben in Beziehung und ohne Erziehung wird zunehmend als bereichernd empfunden. Und das, obwohl das Leben mit Kindern jeden Tag eine neue, bis dahin unbekannte Herausforderung darstellt.

Kleinere und größere Widerstände gegen Veränderungsprozesse sind normal. Ihre Ausprägung hängt von zahlreichen Faktoren ab. Nicht zuletzt vom individuellem Charakter. Das Verlassen der eigenen bis dahin gewohnten Realität verunsichert. Durch Ausprobieren, Üben und Erfolgserlebnisse wächst die Erkenntnis: Ohne Veränderung, keine Verbesserung der Beziehungsqualität. Und da die Verantwortung für die Beziehung zwischen mir und meinem Kind bei mir liegt, kann diese Veränderung nur in mir und durch mich stattfinden. Das Schöne und zugleich Beruhigende ist: Wir bekommen mit jedem Kontakt eine neue Chance, uns für Beziehung zu entscheiden. An Gelegenheiten zum Üben mangelt es im Alltag mit Kind wahrlich nicht.

Wenn die neue Haltung zur Selbstverständlichkeit wird

Die vorangehende Anpassungsphase des Übens und der Erkenntnisse vollzieht sich so lange, bis ein erneutes gefühlsmäßiges Gleichgewicht hergestellt ist: Unerzogen ist tief verankert und wird zur Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Kind. Der Alltag überfordert uns nicht mehr. Selbst unvorhersehbare Situationen bringen uns nicht so leicht aus dem Gleichgewicht. Es ist die Phase, in der wir auch wieder an Sicherheit gewinnen und nicht mehr so angreifbar für Kritik von Außen sind. Im Gegenteil, wir schaffen nun immer öfters auch im Außen in Beziehung zu gehen, da wir wieder freie Kapazitäten für andere Dinge haben. Oft verstehen wir nicht einmal, wie wir selbst jemals anders handeln konnten und zugleich sind wir in der Lage, auf andere empathisch zu reagieren. Mit vielen neuen Erkenntnissen und Lernerfahrungen im Gepäck stellt sich unser Leben im Rahmen der alltäglichen Schwankungen und anderer Herausforderungen in eine für uns zufriedenstellende Position ein. Wir fühlen uns wieder (selbst-)sicher, wohl und geborgen.

Neben unerzogen als Haltung ist Elternmorphose als das Ausleben meiner Leidenschaft und als Chance, die Bedürfnisse meiner Familie mit meinem Beruf in Einklang zu bringen, genau dieses neue Gleichgewicht in meinem Leben. Wenn wir uns unser Leben als eine Art Wackeltisch vorstellen, so gehört eine gewisse Schiefstellung im Verlauf der Transformation dazu. Es ist aber wichtig herauszufinden, ab welchem Punkt der Tisch komplett kippt und wie viel Schieflage ich mir, meinem Leben und meinen Lieben zumuten kann. Hierzu gehört sehr viel Achtsamkeit. Etwas, was im Verlauf des Veränderungsprozesses oft noch erlernt werden muss. Mindestens genauso wichtig wie die aushaltbare Schiefstellung des Tisches zu kennen, ist es auch die Dringlichkeit der Veränderung zu erkennen:

Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ (Molière)

Aida S. De Rodriguez

Dieser Artikel ist auch in der Huffington Post erschienen. Darüber hab ich mich sehr gefreut.

Mein gesamtes Angebot findet ihr auf Elternmorphose.

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3 Gedanken zu “Wenn „Beziehung statt Erziehung“ uns in die Krise stürzt …

  1. Ich mache eine Veränderung durch die ich auch bei meiner Mutter miterlebt habe. Aber ich war schon „zu alt“ um ihre „neue Haltung“ in meiner „prägenden Phase“ mitzubekommen. Du schreibst mir aber aus der Seele. Ich bin nämlich gerade noch in der Übungsphase

    und übe, und übe, und übe!

    Aber ich merke auch was du geschrieben hast, das jeder Kontakt eine neue Chance bietet und ich merke auch dass es mir nach anfänglichem holpern nun zunehmend leichter fällt diese auch zu nutzen. Hin und wieder hauts mich noch auf die Nase :/ aber ich bin zuversichtlich dass das besser werden wird.

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  2. ……und mich so wohl gefühlt beim lesen ! Prima – Danke !
    Ein wertvoller inspirierender Beitrag zu einer Thematik die ganz sicher & hoffentlich in INTRINSISCHER Erkenntnis“unausweichlich“ Form annimmt und gelebt wird !

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