Die 4 Fehler, die alle machen, wenn sie aufhören zu erziehen (und wie du sie vermeidest)

424991_4221628297089_953496583_nAufhören zu erziehen ist eine Herausforderung.

Oft ist der Weg, aus der eigenen Erziehung zu kommen und neue Wege zu finden, stolperig und voller Unsicherheiten. Und ich bewundere jede_n einzelne_n, der_die sich dem stellt.

Du bist dabei? Glückwunsch! Es wird toll – und bis dahin ziemlich anstrengend.

Das Gute ist, dass du nicht allein bist. Und aus den Fehlern anderer lernen kannst. Hier habe ich dir vier Fehler zusammengetragen, die du dann nicht mehr machen brauchst.

Das ist doch mal Service!

1. Versuchen, immer nett zu sein

Viele Eltern kommen zu unerzogen, weil sie mit Erziehung Gewalt verknüpfen. Versteh ich gut, seh ich auch so. Erziehung ist Gewalt.

Nur: Gewalt bedeutet, mit der eigenen Macht auf eine Art und Weise umzugehen, die den anderen in seiner Integrität kränkt und macht, dass er_sie Dinge tut, die er_sie nicht tun wollte.

Gewalt ist aber nicht unbedingt laut. Sie kann sehr subtil sein. Das ist ja das fiese an so mancher Erziehungsmethode.

Wenn Eltern sich von Erziehung abwenden, haben sie oft noch dieses Bild von Gewalt im Kopf, das laut und hässlich ist. Und werden ganz leise und sanft, in der Hoffnung, das sei weniger gewalttätig.

Das Blöde ist, dass sich leise und sanft nur ein Teil unserer Gefühle authentisch ausdrücken lässt. Und Authentizität ist eine Grundlage des Nichterziehens.

Die Kunst ist also, zu lernen, gewaltfrei die eigenen Gefühle auszudrücken. Klingt kompliziert? Braucht eigentlich nur Geduld und viel Zeit – denn die alten Mechanismen müssen überschrieben werden. Die gewaltfreie Kommunikation befasst sich eben mit dieser Problematik und ich lege sie wärmstens ans Herz.

2. Alles erlauben

Doppeltes Missverständnis.

Erstens: Erlauben impliziert, dass einer die Macht hat und dem anderen gnädigerweise erlässt, sie zu gebrauchen. Ich erlaube ja meinem Mann auch nicht, mir beim Haushalt zu helfen … Er tut es. Oder nicht. Oder verhandelt mit mir, wie wir es machen. Weil wir Partner sind, keine Gegner.

Zweitens: Du bist nur ein Mensch. Hör auf, dich wie ein_e Heilige_r zu benehmen (ich kenn mich ja mit Heiligen nicht aus, aber ich habe den Verdacht, dass selbst Heilige sich nicht wie Heilige benehmen). Wenn es dir nicht gut geht und du etwas nicht willst, dann sag es! Es geht nicht darum, dass du dich durchsetzt und das Gerede von den Grenzen lassen wir auch mal weg. Es geht nur darum, dass du sagst, was du brauchst. Wie es dir geht. Und nicht so tust, als wäre alles prima, wenn es das gar nicht ist.

Üblicherweise geht das nämlich schief. Kinder brauchen authentische Gegenüber, um in echter Verbindung zu leben. Verbindung und Gesehen werden ist essentiell. Wenn du ‚alles erlaubst‘ und dich nicht positionierst, hat dein Kind keine Chance, dich kennenzulernen. Deine Werte. Deine Gefühle. Deine Geschichte.

Und nein, das ist nicht immer toll. Aber Konflikt ist auch Wärme. Die Frage ist, wie du den Konflikt gestaltest, nicht, wie du ihn vermeidest.

3. Die eigenen Bedürfnisse ignorieren

Ganz üble Geschichte. Hängt meist mit Fehler Nr. 2 zusammen.

Viele Eltern, die zu ‚unerzogen‘ finden, leben schon lange bedürfnisorientiert mit ihren Kindern. Und gerade bei sehr kleinen Kindern heißt das, dass eben die Bedürfnisse des Kindes zuerst kommen.

Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Solange deine eigenen Bedürfnisse dann auch dran sind! Spätestens nach einigen Jahren, in denen du tapfer ignoriert hast, dass es dir nicht gut geht, kommt dann nämlich sonst die Wut – ein zuverlässiger Anzeiger, dass deine Bedürfnisse nicht gehört werden von dir. Oder du wirst krank. Lass das!

Bedürfnisse überhaupt zu erspüren und zu benennen ist den meisten Menschen nicht in die (erzogene) Wiege gelegt worden. Deswegen einige wenige Worte dazu: Bedürfnisse erkennst du daran, dass sie potenziell universell sind. Jeder Mensch kann sie haben. Sie sind keine Handlungen oder Strategien sondern konkrete tiefe Zustände, die erfüllt oder nicht erfüllt sind.

Übrigens: Sie zu fühlen und dafür zu sorgen, dass es dir gut geht, ist kein Aufruf, deine Strategie zur Umsetzung des Bedürfnisses um jeden Preis umzusetzen. Es heißt, achtsam zu sein und sich lieb zu haben.

Ein Beispiel dazu. Stellen wir uns vor, dein Kind redet gern und laut mit dir. Du hast aber heute einen komischen Tag und ärgerst dich darüber.

Typisch für diesen unerzogen-Fehler wäre, das zu ignorieren (und dich gar noch zu verurteilen dafür, dass dein Kind dich nervt).

Viel mehr im Einklang mit deinen Werten und beziehungsdienlicher wäre es, festzustellen, dass irgendwas nicht okay ist. Und dann zu überlegen, welches Bedürfnis da hungrig ist. Ruhe wäre eines. Oder Entspannung. Oder auch Autonomie.

Und dann kannst du dein Kind bitten (! eine Bitte ist eine Bitte. Nicht zu verwechseln mit dem verkappten Befehl, den Bitten gerne in der Erziehung darstellen), leiser zu reden. Oder eine leise Tätigkeit vorschlagen (stille Post!). Oder einen anderen Menschen bitten, dein Kind zu übernehmen und eine Auszeit nehmen. Die Möglichkeiten sind unendlich. Und vor allem ist dein Kind nicht dafür zuständig, das Bedürfnis zu erfüllen. Dafür bist du zuständig.

4. Harmonie erwarten

„Ich habe alles versucht. Ich stille mein Kind immer, wenn es das will und ich bin freundlich und sanft – aber es bekommt trotzdem Wutanfälle!“

So oder so ähnlich klingen viele, viele Fragen von Menschen, die den unerzogenen Weg gehen wollen.

Damit bürden sie dem Kind, ohne es zu beabsichtigen, einiges auf. Die Kinder spüren sehr schnell, dass Traurigkeit, Wut und andere Emotionen aus dem Spektrum, was als ’negativ‘ angesehen wird, nicht mehr willkommen sind. Schlimmstenfalls bekommt es sogar die Verantwortung von den Eltern (‚ich tue alles für dich, und du bist wütend!‘).

Nochmal: Das geschieht nicht bewusst. Mir selber ist das lange auch passiert. Immer wenn eines meiner Kinder wütend wurde, wurde ich erst hilflos und dann ärgerlich. Ich war der festen Überzeugung, ich müsse unbedingt ändern, dass es wütend wurde. Blödsinn. Musste ich nicht.

Einfach da sein und lieb haben reichen.

Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, sagte einmal: ‚The goal in life is to laugh all our laughter and cry all our tears.‘

Wenn dein Kind das nächste Mal wütend ist und mit dir streiten will, denk daran. Konflikt ist nicht falsch. Konflikt ist eine wesentliche Zutat des menschlichen Miteinanders. Die Frage ist, wie du damit umgehst.

Du bist nämlich verantwortlich für die Qualität des Konfliktes.

Um herauszufinden, ob ein Konflikt destruktiv ist, kannst du dich fragen: ‚Will ich gerade Recht haben oder in Verbindung sein?‘ Geht es um eure Gefühle und Bedürfnisse? Bist du neugierig und zugewandt?

Dann ist alles okay. Unerzogen ist, in Liebe zu leben. Nicht ohne Konflikt.

Und du? Welche Fehler hast du gemacht, als du anfingst, unerzogen zu leben? Und wie hast du da rausgefunden? Lass und teilhaben und schreib uns einen Kommentar!

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14 Gedanken zu “Die 4 Fehler, die alle machen, wenn sie aufhören zu erziehen (und wie du sie vermeidest)

  1. Ach ich liebe euch, ich kann das gar nicht (hier, auf meinem Blog, auf meiner Seite, in sämtlichen Gruppen oder sonstwo) oft genug sagen.
    Ausgerechnet heute, ausgerechnet jetzt kommt so ein toller Artikel und ihr berührt mal wieder mein Herz. Mir ging es heute nämlich so: http://www.oeko-hippie-rabenmuetter.de/terrible-two/

    Ich hab mich dabei ertappt, in den letzten Wochen an meinem Kind rumerzogen zu haben. Bzw., klug wie er ist, hat er mich darauf aufmerksam gemacht. Ich habe Kopfweh und wenig geschlafen weil das Baby nachts dauerstillt und allgemein kommen gerade eigene Bedürfnisse zu kurz (die Kinder waren fast 5 Wochen am Stück krank, davon müssen wir uns alle erstmal wieder erholen und sowas…). Und ich habe, in der Hoffnung auf weniger Stress und mehr Ruhe, an meinen Kind gezogen. Doof einfach, ärgert mich. Der Punkt, auf eigene Bedürfnisse zu achten, trifft mich also besonders. Genau wie die Thematik der Lautstärke. Schreibe ich auch in dem Artikel; ich bin ein lauter Mensch, lache, spreche, erzähle laut. Ich werde niemals zu den flüsternden Menschen gehören und es geht hier auch immer laut zu. Es ist einfach schön mal zu lesen, dass das eben nun mal so ist und nicht immer nur zu hören, dass man daran „auch noch“ arbeiten müsse. Und ohne es zu wollen oder bewusst zu machen, hab ich auch noch Harmonie erwartet. Vermutlich weil ich sie mir gerade wünsche, nach dem ganzen Hickhack.

    Vielen Dank für eure Worte, eure Artikel, euren Blog. Ihr seid mir eine große Inspiration!

    P.S.: Den Artikel teile ich gern auch gleich über meine Seite!

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    1. Liebe Kathrin,

      oh je, solche Phasen kenne ich auch. Und plötzlich hängt man drin, in der Erziehungsschleife. Blöd, oder?

      Da hilft dann nur noch, sanft zu uns zu sein. Uns Raum zu geben. Zu atmen…

      Rückmeldungen wie deine helfen so ungemein, unsere Arbeit weiter fortzuführen! Schritt für Schritt treten wir so aus einer Gesellschaft der Erziehung in echte Begegnung. Ein Fest!

      Es ist so schön für mich zu lesen, dass mein Artikel dir ganz konkret helfen konnte. Danke fürs Teilen!

      Liebe Grüße, Ruth

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  2. Hallo 🙂
    Ein schöner Artikel! Der kommt gerade recht. Die eigenen Bedürfnisse vergisst man so oft im Alltag und sie gehen einfach unter. Oft unterdrücke ich das, um des Friedens Willen. Man merkt natürlich, dass das auch nicht OK ist, es ist halt doch ein mehr Arbeit – unerzogen zu leben 🙂
    Liebe Grüße,
    Nadine

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  3. Vielen Dank für diesen Artikel.
    Ich hab da so viel wieder erkannt. Die Abwendung von der eigenen Erziehung zum Beispiel.
    Ich finde es sehr schwer in Situationen, in denen mich die Emotionen überfallen (Wut, Ärger …) gewaltfrei zu kommunizieren und nicht los zu schreien. Und wenn ich dann doch laut geworden bin, habe ich die Stimme meines kleinen Ichs im Ohr, das zu meinem Vater sagte: „Du bist so selten da. Und dann schimpfst du uns aus.“

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  4. Hast Du schon einmal an einer Ampel gestanden, die partout nicht auf grün schalten wollte? Drei Ampelphasen hat man gewartet und auf einmal versteht man, dass sie kaputt sein muss?

    Warum fährt man nicht bei jeder Ampel einfach los, egal ob rot oder grün, wenn der Verkehr es zulassen würde?

    Weil vielleicht die Wahrnehmung und Strukturierung unserer Welt auf nützlichen Vorurteilen beruht? In diesem Fall: eine rote Ampel wird im Normalfall irgendwann wieder grün und ermöglicht das meist gefahrlose Überqueren einer Kreuzung. Vorurteile helfen uns handlungsfähige Individuen zu bleiben, die nicht jede Situation völlig neu bewerten und beurteilen müssen.

    Was soll das Plädoyer für Vorurteile?

    In der Pädagogik gibt es eine Richtung, die die vorurteilsbewußte Erziehung von Menschen in dem Fokus rückt. Kein Mensch ist ohne Vorurteile (auch wenn wir es hoffen) und es ist besser davon auszugehen, dass man bemerkt oder auch unbemerkt welche hat, als sich sicher zu glauben, dass man keine hat, weil das ist eigentlich das größte und fatalste Vorurteil, dass man haben kann.

    Gedankenpause…jetzt kommt ein kleiner Sprung.

    Hannah Arendt, eine Journalistin und Philosophin des 20 Jh. Hat sich nach der Beendigung des II Weltkrieges bei der Berichterstattung über die Nürnberger Prozesse mit der Frage auseinandergesetzt, in wie weit Menschen, die sich selbst als „machtlose“, befehlsausführende Rädchen im System wahrgenommen haben, Schuld am Holocaust tragen können/sollten.

    Macht oder in der Umsetzung Gewalt zu haben, wird häufig von vielen Menschen, gerade in pädagogischen Berufen oder auch von Eltern durchgehend verneint. Ist die Annahme gewaltfrei zu erziehen nicht genauso unreflektiert wie die Annahme Vorurteilsfrei zu sein?

    Versteht mich bitte nicht falsch, mir geht es nicht darum Schläge, Klapse und sonstige körperliche oder seelische Übergriffe zu rechtfertigen,…ich persönlich gehe davon aus das selbst ein Lob eine Form von Gewalt ist, …

    Aber worüber ich gerne mit Euch diskutieren möchte ist, ob ein machtbewußtes (wie eine vorurteilsbewußtes) Miteinander nicht weitaus hilfreicher ist:

    Ich schicke Euch (vielleicht nochmal) den Link zu einem Text, der mich in dieser Frage sehr bewegt hat:

    http://partizipation-und-bildung.de/pdf/Knauer_Hansen_Macht.pdf

    und hoffe auf Eure kritischen Anmerkungen.

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    1. Ich weiß nicht, ob du hier noch mit liest, creatrouble, aber den Link fand ich sehr interessant. Danke dafür.
      Ich selbst gehe einen Weg als Mutter, bei dem Erziehung tatsächlich sehr positiv bewertet wird und ich verstehe elterliche Autorität und Führung als Grundbedürfnisse des Kindes. Sie dienen aus meiner Sicht dem Schutz des Kindes vor Überforderung und nicht-kindgemäßer Verantwortungslast. Genau so wie das Hören/ der Gehorsam aus meinem Verständnis heraus nichts Erzwungenes, sondern -im Gegenteil – die logische Folge von Vertrauen ist, demnach ebenfalls etwas gutes, was der Stabilität des Familiengefüges dient.
      Nichtsdestotrotz ist die Reflektion und das ständige Hinterfragen des Einsatzes meiner Macht als „Alphatier“ im Ruder essentiell, um wirklich Bedürfnis orientiert zu handeln und auch zu erkennen, wann zum Beispiel die Bedürfnisse nach Autonomie, Gesehen werden und Mitbestimmung gerade erfüllt werden müssen. Ein schmaler Grad und Balance Akt. Ich glaube, vieles, was unerzogen ausmacht findet sich in meiner Beziehung zu meinem Kind wieder. Und anderes mache ich komplett anders, aber meist reflektiert und aus Überzeugung und geprägt durch mein Verständnis von den menschlichen Bedürfnissen und seiner Entwicklung.
      Liebe Grüße. Jitka

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    2. Hallo creatrouble,

      ich habe gerade zum „Unerzogen“-Konzept gefunden, weil ich mit meiner „Erziehung“ meiner Kinder unzufrieden war. Ich bin hier also neu, deswegen weiß ich nicht, ob ich alles richtig verstanden habe. Ich glaube, dass die Analogie mit den „Vorurteilen“ zur „Einflussnahme“ besser passen würde?! Also „Unerzogen“ immer noch passt und sinnvoll ist? Das ist ja auch irgendwie eines der oben genannten Fehler, dass einige (wie ich selbst auch) dadurch, dass ich keine „Gewalt“ oder „Manipulation“ anwenden wollte, meinen Einfluss auf die Kinder zu wenig wahrgenommen habe. Und ich bin seit einigen Tagen in starkem Kontakt mit anderen, die sich an „Unerzogen“ üben und das sind fast alles Menschen, die sehr selbstkritisch, aber auch verzeihend und lösungsorientiert Denken. Das sind für mich sehr wertvolle Eigenschaften und deswegen bin ich eigentlich gerne „unerzogen“.

      Liebe Grüße

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  5. Wir leben zwar nicht „unerzogen“ (sondern erziehen bedürfnisorientiert, gewaltfrei und integritätserhaltend) aber Punkt 3 war eindeutig lange meine Spezialität. Bis hin zur Wut und den Magenproblemen.

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  6. FOREVER GRATEFUL!!!!! Ruth, danke fuer Deine geniale Arbeit!!! ❤ ❤ ❤ Bin so froh, dass ich Dich/Euch entdeckt hab, wo die Kinder noch so klein sind!

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