Der Erziehungsratgeber als größter Feind

bücher

 

Obwohl die Anzahl an Experten zum Thema Kindererziehung gefühlt in schwindelerregende Höhen schnellt, so sind sich viele doch recht einig:

Das Problem der heutigen Eltern sei die große Verunsicherung.

Früher habe es nicht soviel Verunsicherung gegeben. Kinder würden allein deshalb durchdrehen, weil ihre Eltern verunsichert seien. Es gäbe keine gerade Linie mehr. Jeder habe eine andere Meinung. Eltern würden sich zu sehr an Experten orientieren. Und diese witterten das große Geschäft.  Daher sei der Markt an Erziehungsratgebern so groß. Und das Lesen dieser verunsichere den modernen Elter noch mehr als das ständige Besserwissen von Freunden und Großeltern, Erziehern und Lehrern. Am Ende leide natürlich wieder das arme, arme Kind unter den verunsicherten Eltern. Und so könne der einzige absurde Ratschlag für die an Ratschlägen übersättigten Eltern nur lauten: „Lest keine Ratgeber!“

Das trügerische Bauchgefühl und unsere verloren gegangene Intuition

Gerne wird mit Bauchgefühl argumentiert, wenn es darum geht, ohne wissenschaftliche Belege eine Begründung für das eigene Verhalten zu finden. Ohne abstreiten zu wollen, dass eine gesunde Intuition und das so geliebte „Bauchgefühl“ zu guten Entscheidungen führen können, so ist in Anbetracht unserer eigenen kriegstraumatisierten Vergangenheit und wahrscheinlich „guter Kinderstube“ inklusive Anwendung gängiger Erziehungsmethoden fraglich, inwiefern unsere Intuition zum derzeitigen Zeitpunkt überhaupt noch in der Lage zu guten und beziehungsförderlichen Entscheidungen ist. Wenn Menschen unter Stress geraten, dann agieren sie nicht im ethischsten und philosophischsten Sinne sondern in der Regel ganz platt nach dem, was in der Vergangenheit am besten funktioniert hat – einem Muster.

Rein theoretisch müsste das Schreien eines Babys bei uns den Impuls auslösen, dieses auf den Arm zu nehmen und zu versorgen bzw. zu trösten. Nun können wir alle mal kurz durchscannen, welche Gefühle das letzte Mal in uns entstanden sind, als ein Baby im Zug oder im Geschäft herzzerreißend geweint hat. Wer nicht gerade schwanger oder selbst mit Baby im Arm unterwegs war, wird möglicherweise eher entnervt gestöhnt haben und möglichst schnell davon gerannt sein, anstatt Mitgefühl mit dem weinenden Kind zu entwickeln. Unsere Intuition ist uns einfach im modernen Alltag davon gerannt.

Die meisten Eltern kennen das Gefühl des Gestresst- und Genervtseins nach einem langen und anstrengenden Tag, wenn die Dinge nicht mehr so laufen, wie wir sie uns vorgestellt haben und der sprechende Elternautomat die Führung übernimmt. Wir hören uns Dinge sagen und sehen uns Dinge tun, die überhaupt nicht unserem so hoch gelobten Bauchgefühl entsprechen, aber sich trotzdem irgendwie ihren Weg nach draußen gebahnt haben.

Die Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Verändern von Mustern ist die Selbstreflexion. Sich aktiv zu entscheiden, anders sein und anders handeln zu wollen und dies möglichst oft zu üben und zu wiederholen kann nach einiger Zeit dazu führen, dass wir es schaffen, das alte Muster durch ein neues und gewünschteres zu ersetzen.

Kritisches Denken als unabdingbare Voraussetzung

Wenn wir uns Erziehungsratgeber aus dem 20. Jahrhundert anschauen, dann wird deutlich, dass diese aus minutiösen Tagesplanungen und rigorosen Verhaltensvorschriften bestehen, welche es der neuen Mutter erleichtern sollten, im Sinne der gängigen Erziehungsideen zu handeln und das Kind nach den Wünschen der Gesellschaft zu formen und zu einem angepassten Menschen zu machen. Auch wenn diese Art Ratgeber sicher noch existiert, so beschäftigt sich der überwiegende Anteil der neueren Literatur mit dem Leben als Familie an sich, mit entwicklungspsychologischen Phänomenen, gesellschaftlichen Strömungen und philosophischem Diskurs. Und auch wenn es vertretene Postionen gibt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, so trägt jedes Buch auf seine Art und Weise dazu bei, das eigene Denken und kritische Reflektieren anzuregen und sich ein umfassendes Bild über die derzeit gängigen Ideen der Kindererziehung zu machen.  Schwierig ist sicherlich immer, wenn ein einziges Buch zur Bibel der eigenen Ansichten wird (wie passiert mit dem Standardwerk der deutschen Familien „Jedes Kind kann schlafen lernen“) und damit im Kern bereits das eigene Denken komplett erstickt, indem es geplante Abläufe und Verhaltensmuster bereits im Detail vorgibt.

Kenne deinen Feind

Neben dem Finden der eigenen Ideale, Werte und Standpunkte hilft das ausgiebige Querbeetlesen auch dabei, Angriffspunkte und schwarze Flecken in der Argumentation der besserwissenden Schwiegereltern, Lehrer oder Nachbarn zu finden. Wenn ich weiß, auf welchen Ideen und Ansichten die Hauptargumente meiner „Feinde“ fußen, so kann ich diese gezielt schachmatt setzen, eigene Quellen und wissenschaftliche Belege zitieren oder einzelne Aspekte herausgreifen und unterstreichen.

Und Fakt ist – ein Mehr an Information führt nicht zu einem Weniger an Wissen. Oder etwas platt formuliert: Kein Buch macht mich dümmer, als ich vorher war.

Daher plädiere ich genau für das Gegenteil als den gängigen Ratschlag, verunsicherte Eltern nicht durch das Studieren von Literatur weiter zu verunsichern.

Liebe Eltern – lest!

Lest soviel ihr könnt. Sucht euch Bücher, die euch interessieren. Lest Bücher, von denen alle sprechen. Lest Menschen mit grandiosen Ideen und solche mit absurden. Findet Argumente und Ideen, diskutiert und streitet, regt euch auf über die Dummheit und erfreut euch an der Weisheit.

Verunsicherung entsteht durch fehlende Informationen. Je mehr ich davon besitze und eine bewusste Entscheidung treffen kann, weil ich die Vor- und Nachteile genau abwägen kann, umso sicherer kann ich mit mir selbst, meiner Familie und den Kritikern aus meinem Umfeld umgehen.

Folgende Bücher habe ich auf meinem Weg zu unerzogen verschlungen und kann diese uneingeschränkt empfehlen:

  • Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung (Ekkehard von Braunmühl )
  • Zeit für Kinder: Theorie und Praxis von Kinderfeindlichkeit, Kinderfreundlichkeit, Kinderschutz (Ekkehard von Braunmühl )
  • Gleichberechtigung im Kinderzimmer (Ekkehard von Braunmühl )
  • Das Drama des begabten Kindes (Alice Miller)
  • Am Anfang war Erziehung (Alice Miller)
  • Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (Jean Liedloff)
  • Auf den Spuren des Glücks: Das Kontinuum-Konzept im westlichen Alltag – Zum bedürfnisorientierten, respektvollen und gleichwürdigen Umgang mit dem Kind (Carola Eder)
  • Menschenkinder (Herbert Renz-Polster)
  • Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt (Herbert Renz-Polster)
  • Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst von bedingungsloser Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung (Alfie Kohn)
  • Dein kompetentes Kind (Jesper Juul)
  • Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht (Jesper Juul)
  • Von der Erziehung zur Einfühlung – Wie Eltern und Kinder gemeinsam wachsen können (Naomi Aldort)
  • In Liebe wachsen (Carlos Gonzalez)

Lest! Mehr! Bücher!

(oder unsere Blogartikel 😛 …. )

 

Du möchtest wissen, wer hier schreibt und was es mit uns auf sich hat – schau dich hier noch ein wenig bei uns um:

Warum Erziehung überflüssig ist, kannst du hier nachlesen.

Was du tun kannst, wenn du dir Sorgen um dein hauendes Kleinkind machst, erklärt dir Aida hier.

Oder interessierst du dich dafür, warum Jennys unerzogene Kinder unbegrenzt Fernsehen schauen dürfen – dann kuck hier hinein.

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14 Gedanken zu “Der Erziehungsratgeber als größter Feind

  1. Was sag ich nur meiner Ma, wenn sie bei jeder (aus meiner Sicht gehaltreichen) Diskussion über unser unerzogenes Leben am Ende sagt: „Aber wir haben dich doch auch nicht schlecht erzogen…“ Ja, das stimmt ja auch und ich möchte mit meinen Pro-unerzogen-Argumenten ja gar nicht meine komplette (sehr schöne!) erzogene Kindheit madig machen – und so kommt es jedes Mal, dass ich nicht erklären kann, wieso unser anderer Weg für uns der richtigere ist… :/

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    1. Weil es sich für Dich richtig anfühlt. Und nur, wenn sich der Weg richtig und gut anfühlt, kann man ihn auch gehen. Alles andere merken Kinder eh sofort.

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    2. Liebe Soo,

      jedes „Anderssein“ beinhaltet im Kern natürlich auch eine Kritik am ursprünglichen Vorgehen, denn wenn du dieses als großartig bezeichnen würdest, dann würdest du es kopieren und nicht anders machen :). Insofern fühlen sich viele Eltern gekränkt durch das eigene Anderssein, weil sie es als Kritik an ihrem eigenen Vorgehen sehen.
      Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, meine Eltern darin zu bestärken, dass es „damals“ eine andere Zeit war und dass sie für das, was sie wussten, was Standard war und was gesellschaftlich auch vorgeschrieben wurde, immer die besten Entscheidungen getroffen haben, die sie treffen konnten. Ich habe mich eher darauf bezogen, dass wir jetzt noch viel mehr und gute Möglichkeiten haben und dass ich davon ausgehe, dass alle Eltern immer das tun, was sie eben tun können. Mehr oder etwas anderes war ihnen nicht möglich und es ist ok so.

      Interessiere dich dafür, warum es bei dir war, wie es eben war. Welche Schwierigkeiten deine Eltern hatten, wogegen sie sich womöglich zur Wehr gesetzt haben, und was ihnen Bauchschmerzen gemacht hat aber nicht anders möglich war. Dann wird ein Gespräch auf Augenhöhe sicherlich möglich werden.

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  2. Ja! Ja! Ja!

    Ich sehe das ganz genauso (und verlinke ganz dreist meinen Namen im Kommentar auch einfach mal mit meinem Artikel zum Thema „Bauchgefühl“).

    Eltern lesen viel zu wenig, weil sie sich auf ihr (eigentlich anerzogenes) Bauchgefühl verlassen. Und tatsächlich ist es so, dass eine Vielzahl der Bücher Eltern eben nicht verunsichert, sondern eher den liebevollen Umgang miteinander thematisiert.

    Ich finde die Bücher von Thomas Gordon (Familienkonferenz) auch sehr bereichernd und unerzogen :-).

    Liebe Grüße
    Danielle

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    1. Hallo Danielle,
      danke für den Buchtipp. Die Liste ist natürlich in keinster Weise erschöpft. Es gibt mittlerweile sooooviele tolle Bücher. Da sah es vor 10 Jahren noch recht mau aus.

      Viele Grüße
      Sylvie

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  3. Toller Artikel! Ich kannte euer blog noch nicht und bin über die Facebook Verlinkung „von guten Eltern“ hier gelandet. Und schon habe ich ein neues blog auf meiner rss feed Liste :-).

    Ich freue mich darauf noch weiter in eurem archiv zu stöbern.

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