Hilfe, mein Kind will Fernsehen – warum Gerald Hüthers Angst vor Bildschirmmedien Quatsch ist

dpvb_kindermedienRuth antwortet auf diesen Artikel, in dem die Gefahren von Bildschirmmedien durch Herrn Prof. Dr. Hüther dargestellt werden sollen.

Warum das Blödsinn ist, was Hüther über Bildschirmmedienkonsum sagt:

1. Dass Kinder sich wenig bewegen, wenn sie vorm Bildschirm sitzen, ist erstmal eine unbewiesene Behauptung.

Ich kenne keine nicht regulierten Kinder, die tatsächlich wie gebannt über einen langen Zeitraum vor dem Bildschirm sitzen.

Meine bewegen sich. Sie malen, basteln, tanzen …

Dass die Bewegungsreize durch Stillhalten wegen Bildschirmreizen jedoch derartig überlagert werden, dass kein Lernen (!) mehr stattfinden kann, halte ich für absolut haltlos. Bewegung findet in dem Maße, in dem das Gehirn das braucht, allemal statt.

2. Lernen braucht nicht nur Bewegung, sondern auch Vertrauen und eine sichere Umgebung mit jederzeitigem Zugang auf Lernressourcen.

Das blendet Herr Hüther aus, wenn er behauptet, Bildschirme müssten reguliert werden: Erstens schadet Regulation dem Vertrauensverhältnis zu den Regulierenden und damit dem Lernen, zweitens bietet gerade das Internet einen Wahnsinn an Lernressourcen, die nicht mehr erschlossen werden können, wenn Lernen an Bewegung geknüpft und vor allem (sanft, aber doch) erzwungen werden soll.

3. Das Gehirn passt sich allen Umgebungen an, deswegen ist der Mensch evolutionär so erfolgreich.

Natürlich passt es sich auch ständigem PC-Spiel an. Oder Bergbesteigungen. Das ist kein Argument, das ist eine Beschreibung des Vorgangs.

4. Bildschirmmedien können in sehr weitem Umfang gestaltet werden.

Gerade Spiele leben von der Interaktion. Kein Kind ist den Inhalten hilflos ausgesetzt – vor allem, wenn es nicht reguliert wird und einfach weiß, dass es weggehen oder Inhalte besprechen kann, sobald es ein Problem gibt.

Meine Kinder suchen sich sehr gezielt das aus, was sie erfahren und verarbeiten wollen. Sie gucken zum Beispiel Wiederholungen und fordern Begleitung ein, wenn sie unsicher sind oder Hilfe beim Verstehen brauchen.

Echt. Da ist so wenig Vertrauen. Warum sollte denn ein Kind sich das Leben auch mit Bildschirmmedien nicht schön gestalten?!

5. Menschen, deren Bedürfnisse nicht befriedigt werden, sind unglücklich, nicht mediensüchtig.

Bildschirmmedien können durch ihre kindgerechte (! da erkennt Hüther das plötzlich an, dass es eben sehr gestaltungsnah ist) und vorhersehbare Welt ausgleichende Wirkung erzielen.

Das ist nicht den Medien, sondern der Umgebung anzulasten. Hier hat Aida dazu mehr geschrieben.

6. Wenn virtuelle Begegnungen so viel schlimmer und schlechter sind als reale würde Facebook nicht existieren. Es scheint den Menschen etwas zu geben.

Vielleicht sind es einfach Begegnungen im Internet. Nicht mehr und nicht weniger. Sie ergänzen. Sie ersetzen nicht.

7. Sein Gender-Bild ist unter aller Sau und auf dem Stand der 60er Jahre.

Alles, was er dazu äußert, kann mensch getrost in die wissenschaftliche Tonne kloppen.

8. Hüther forscht seit Jahrzehnten nicht mehr und hat noch nie erfolgreich Wissenschaft betrieben.

Alle wissenschaftlichen Belege in seinen Aussagen fehlen und sind einfach ergoogelbar. Das macht seine Aussagen nicht falsch, aber seine Berufung auf einen wissenschaftlichen Standard ist nicht vertrauenswürdig.

Hier mehr dazu.

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12 Gedanken zu “Hilfe, mein Kind will Fernsehen – warum Gerald Hüthers Angst vor Bildschirmmedien Quatsch ist

  1. Da kann ich mich nur anschließen. Beziehungslosigkeit macht süchtig nach den verschiedensten Dingen, unter anderem nach Fernsehen!

    Wenn wir mit unseren Kindern in Beziehung sind können wir uns zurücklehnen und uns über die bereichernden Aspekte von Fernsehen freuen.

    Mein Sohn spielt nach Filmen viele Szenen nach und hat viel Spaß dabei. Seine Fantasie wird dadurch so unglaublich angeregt.

    Er saugt sich mit Wissen voll, wenn er in Tierdokus eintaucht. Anschließend finden viele „Fachgespräche“ darüber statt.

    Er bewegt sich auch oft im Raum während er TV guckt.

    Wir sprechen oft danach über die Figuren der Filme. Was hätten sie anders machen können und was haben wir mit ihnen gemeinsam?

    Mein Sohn klebt nicht tagelang vor der Kiste (obwohl er selbstbestimmt schaut) , es ist ja nur eine von tausend Möglichkeiten.

    Liebe Grüße
    Andrea

    Liebe Grüße
    Andrea

    Er bewegt sich ma

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  2. Hm. Also rein von der Information der Antworten finde ich diese grottig.

    Das ist einfach nur ein Angriff auf den Artikel. Hätte mir viel mehr fachliche Kompetenz bzw. ein nicht so aggressives schreibverhalten gewünscht.

    Gefällt 2 Personen

  3. Mir geht es auch so, dass ich den „Ton“ des Textes befremdlich finde – würden wir im Gespräch sein, würde es mir sehr schwer fallen, die Diskussion weiterzuführen.
    Es kommt mir wie eine Verteidigungsschrift vor – und verteidigen muss ich nur, wessen ich mir selbst nicht sicher bin. Schade, denn dieses Thema bewegt viele Eltern – und so wie ich Deine Aussagen nicht unkritisch lesen möchte, möchte ich auch Hr. Hüthers Aussagen mit meinem eigenen Urteil lesen können. Dabei hilft Dein Text nur bedingt.
    Liebe Grüße, Claudia

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    1. Liebe Claudia,

      dieser Text ist in einer angeregten Diskussion entstanden, in der es um die aufgeführten Argumente ging. Allgemeinere Texte zum Thema findest du hier auf unserer Seite auch 🙂

      Grüße, Ruth

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  4. Mit meinem Sohn ist ausgemacht eine Sendung am Tag zu schauen für ca 20-30 min. Ich halte mehr Fernsehen auch nicht für sinnvoll weil es vom Tag von den Möglichkeiten ablenkt und Zeit stiehlt, die man zb.in das streicheln eines Hundes oder des beobachtens eines Marienkäfers investieren kann(meiner Meinung nach auch sollte)

    Zwinge ich jetzt meinem Kind etwas auf? Aber wenn ich es ihm nicht aufzwingen, was würde er dann machen? Ich vermute 4 Stunden Fernsehen, während um ihn herum Leben stattfindet. Ich kann mich damit nicht anfreunden, deswegen entscheide ich für ihn seinen Fernsehkonsum. Dennoch bin ich mir nicht sicher ob das mein Recht ist, denn wenn mein Sohn schläft kann es durchaus vorkommen, dass ich mir mit meinem Mann 3 Folgen von einer Serie hintereinander reinziehe ohne den Marienkäfer oder Hund zu beachten. Aber ich drehe dann einfach auch ab um mich wieder dem echten Leben zuzuwenden. Kann mein Kind das auch? Soll er das können, muss er das können? Oder kann ich einfach für ihn entscheiden?

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    1. Liebe Isabell,

      diese Wertung – dass Fernsehen ’schlechtes‘ Lernen ist, während das ‚echte‘ Leben außen herum passiert, also die Behauptung, das Kind würde nicht leben, wenn es sich Dinge anschaut, ist es die es dir schwer macht, meiner Meinung nach.

      Es ist ein Beschäftigungsangebot. Wenn dein Kind drei Stunden malt, würdest du auch keine Panik, oder?

      Das Problem mit solchen ‚Abmachungen‘, dass sie oft einfach Machtanwendungen sind, die nicht auf Augenhöhe getroffen werden. Das Vertrauen, dass ein Kind nichts tun würde, was ihm langfristig schadet, kommt mE zuerst.

      Liebe Grüße, Ruth

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      1. Aber warum gibt es dann Kinder mit Sprachverzögerung, vernachlässigten Muskeln, die den ganzen Tag fernsehen. Es gibt ein paar wenige Kinder in unserem Kiga, bei denen keine Regulierung stattfindet und genau diese weisen eben diese Defizite auf.
        Kann ein Kind langfristige Entscheidungen treffen? Mein Kind lebt in der Gegenwart; gut so! Zähne putzt er sehr konsequent als er gesehen hat, dass einem Freund ein Karies-Zahn behandelt wurde und er davor und nach der Behandlung große Schmerzen hatte. Aber von sich aus hätte er langfristige Folgen vermutlich nicht erfassen können.

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  5. zur Bewegungslosigkeit: ich kenne sehr wohl nicht-regulierte Kinder, die sehr lange (mehrere Stunden) am Stück, relativ bewegungslos vor dem TV oder der Spielkonsole sitzen, z.B. meine eigenen 2 und hin und wieder auch ihre (nicht-regulierten?) Freunde, wie ich bei uns zuhause sehen kann. Wenn das bei Deinen anders ist, dann ist das so, wenn Du noch andere kennst, ok. Es ist auch eine unbewiesene Behauptung. Insgesamt finde ich es schade, dass Du Dich hier wenig konstruktiv mit der Thematik auseinadersetzt. Was und wie Medienkonsum später auf unsere Kinder wirken wird, wissen wir nicht. Doch ich als Mutter lebe mit sehr konkreten Sorgen hierzu, und ein einfaches „Abwatschen“ der einen oder der andere Seite hilft mir hier wenig. Vielleicht ist das bei DIr anders, oder es musste mal raus….?
    Ich habe großes Vertrauen in die Selbstregulation bei meinen Kindern und beim Thema Medienkonsum merke ich meine eigenen Grenzen sehr deutlich. Für mich ist das Miteinander bei den Aushandlungsprozessen hierzu sehr wichtig, da erkenne ich den Wert des „Beziehung anstatt Erziehung“-Ansatzes.
    Ansonsten habe ich bisher einige Denk-/ Anregungen auf Deinem Blog erhalten. Danke dafür!

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  6. Ehrlich gesagt, bin ich auch ziemlich schockiert! Du schliesst von Deinen eigenen Erfahrungen und verallgemeinerst sie! Und in dem Ausmaß wie du den Autor angreifst, diskreditierst du dich doch eigentlich selbst. Worum soll es hier also gehen: darum, was Kinder brauchen oder um die Rechtfertigung für dein eigenes Tun, indem du Herrn Hüthers Erkenntnisse herabsetzen musst.
    Schade!
    Das Thema an sich ist sehr interessant und sicherlich sollte man immer wieder neu hinterfragen und nicht dieselben Sätze nachbeten, weil „man das schon immer so getan hat“.
    Aber da gehört mehr dazu, als seine eigenen Glaubenssätze zu bilden und sie dann als These zu verbreiten und künftig nachzubeten….

    TV & Co ist nur ein Beispiel den Umgang mit seinen Kindern zu überdenken, dazu sind Eltern jeden Tag aufs neue herausgefordert. Und natürlich ist alles eine Frage der Haltung.

    Selbstregulation und Selbstbestimmung kann nicht heissen, ein Kind sich komplett selbst zu überlassen („es wird schon wissen, was gut für es ist“) – eine solche Haltung käme emotionaler Verwahrlosung gleich.Sicher wirst du nicht meinen, einem Zweijährigen selbstregulierend die Fernbedienung in die Hand zu drücken?! Es muß immer ein achtsamer und sehr begleiteter Weg und Umgang sein, der sich am konkreten Kind und der konkreten Lebenssituation orientiert.

    In deinem Beitrag wird leider auch wieder nur verallgemeinert und genau DAS ist es, woran jedes Be- und Erziehungskonzept scheitert!

    Du schreibst, Facebook sei doch auch nur eine Form der ergänzenden und nicht ersetzenden Begegnung. Vielleicht solltest du aber hier nochmal Augenhöhe herstellen mit den heutigen Kindern. Alle heutigen Erwachsenen hatten noch kein FB und sind geprägt durch „echte“ Beziehungen – für dich mag das mit der Ergänzung also durchaus stimmen; Kinder heute werden überschwemmt mit virtuellem Leben und können das oft genug nicht abgrenzen.

    Vielleicht solltest du dich mit Herrn Hüther konkreter auseinandersetzen, bevor du ihn so reißerisch zerreisst…..

    VG
    Deva

    Gefällt 1 Person

  7. Hm – bin da auch sehr ambivalent. Ich denke Ruth weiß sehr wohl, dass sie mit einem solchen Beitrag in ein Wespennest sticht – da gehen die Meinungen diametral auseinander…..
    Dieses Thema lässt sich sicher nicht in einem Blog-Beitrag abhandeln, bzw. allgemeingültig klären. Auch ich bin da ziemlich anderer Meinung. Aber ich sehe den Beitrag als persönliche Meinung von Ruth – nicht weniger, aber auch nicht mehr.
    Wolf

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  8. Interessant, mal eine ganz andere Sicht auf Hüther. Den fand ich bisher immer spannend, aber vielleicht muss ich mich da noch genauer informieren. Von einem einzigen ZEIT-Artikel lasse ich mich natürlich nicht gleich umstimmen, aber Denkanstöße gegeben hat er. 😉 Und zwei Dinge haben mich bei Hüther tatsächlich auch immer stutzig gemacht: Seine Rhetorik und seine Aussage, in 6 Jahren würde es das Schulsystem so nicht mehr geben. Fand ich irgendwie unrealistisch … Ansonsten fände ich es aber schade, wenn Hüther mit seinen Aussagen nicht Recht hat.
    Was mich interessiert, Ruth: Ich hatte immer den Eindruck, dass bei unerzogen Jasper Juul ganz hochgehalten wird. (Von Hüther dachte ich das auch, hm, man lernt nie aus.) Juul wird in dem ZEIT-Artikel auch eher belächelt, wie es scheint – „verbreitet seine pädagogischen Einsichten“; „In seinen sieben Büchern der vergangenen drei Jahre“ … Was ist deine Meinung dazu? Was hältst du von Juul? Und falls du von seinen Thesen überzeugt bist (was ich dachte), hat dich dann der ZEIT-Artikel diesbezüglich verunsichert? Würde mich mal interessieren 🙂
    Liebe Grüße!

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  9. Der verlinkte Artikel ist ja die übelste Hetzschrift von Regelschul-Befürwortern.

    Warum Ruth sowas verlinkt, ist absolut nicht nachvollziehbar. Dieser Artikel ist durch und durch reaktionär.

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