Gastbeitrag von Andreas Reinke: Das Märchen von der mangelnden Unterrichtsbeteiligung

Blogparade #Schule #selbstbestimmt #unerzogen

14101685_1072560582821246_1907900128_nEs war einmal ein Schulkind, das erwartungsfroh und in dem Wunsch, sich und die Welt zu entdecken, der Schule entgegenfieberte. So viel hatte es über die Schule gehört: Das Lesen und Schreiben würde es lernen, spannende Geschichten hören, Bilder malen, die Zahlen erforschen und, und, und. Nach schier unerträglichen Momenten des Wartens war es schließlich soweit: Der Tag der Einschulung war gekommen, ein wunderbares Fest wurde gefeiert. Das Kind freute sich eher still. Es genoss die Stille. Immer schon. Und niemand störte sich daran.

Drei Wochen später lud der Klassenlehrer die Eltern erstmals zum Gespräch ein und berichtete von seinen Sorgen: „Ihr Kind muss sich mehr beteiligen.“

Einige Jahre später… Der Zauber war verflogen. Die Stille auch. Das letzte Zeugnis beschrieb eine deutlich bessere Unterrichtsbeteiligung. Die Eltern kamen seltener zum Gespräch. Nur das Kind spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Es hatte gelernt, sich Masken aufzusetzen und so zu tun, als ob. „So funktioniert also Leben…“, dachte es.

Ich kenne aktuelle und ehemalige Schüler, deren Schul- und Lebensgeschichte massiv geprägt wird und wurde von der Angst, unaufgefordert (also: ohne eine Einladung ausgegeben zu haben) zu einem Thema sprechen zu müssen. Menschen, die in der Nacht davon träumen, sich vor oder in einer Gruppe entblößen zu müssen. Menschen, die zwanzig Jahre nach Beendigung der eigenen Schulzeit als Eltern zum Elternabend gehen und vor Aufregung schweißnasse Hände bekommen.

Ich hörte von Lehrern, die in jeder Unterrichtsstunde in eine Strichliste eintragen, welcher Schüler sich wie oft meldet. Und am Ende der Unterrichtsstunde wird eine mündliche Note erteilt. So ein Vorhaben wird von etlichen Schulleitern als professionell gelobt, weil natürlich angesichts solcher Bedrohungen Ruhe herrscht. Und zum Elternabend holen Pädagogen ihre Notenbücher heraus und sagen: „Hier steht es schwarz auf weiß!“

Was soll das? Es gibt Menschen, die sind ruhiger als andere. Wie wunderbar. Vielredner sind genauso „richtig“ wie Wenigredner.

In den Weiterbildungsveranstaltungen, die ich regelmäßig besuche oder selber anbiete, entsteht gerade dann eine besondere Atmosphäre, Kreativität und Kraft, wenn sich unterschiedliche Menschen in ihrer Verschiedenheit nicht nur akzeptieren, sondern wollen. Immer herrscht Einigkeit darüber, dass sowohl das Individuum als auch die Gruppe davon profitieren, dass sich die einzelnen Mitglieder in ihrer Einzigartigkeit zeigen dürfen, ohne falsch gemacht zu werden. Und das bedeutet eben auch, sich beobachtend und in Stille zurückziehen zu dürfen. Während einige Teilnehmer von Beginn an nahezu jede Gesprächspause nutzen, um eigene Gedanken in die Runde zu werfen, melden sich andere über Stunden überhaupt nicht zu Wort. Meine wichtigste Botschaft zu Beginn eines Seminars: „Bitte prüft sehr genau, was ihr heute wollt und was ihr nicht wollt. Ihr müsst meinen Äußerungen weder glauben, noch müsst ihr die Übungen mitmachen, die ich eingeplant habe.“ Niemand stört sich daran, wenn Einzelne dann wirklich auf ihrem Stuhl sitzenbleiben, während sich der Rest der Gruppe zu einer Übung in einer Ecke des Raumes trifft. Im Gegenteil: Wir stellen regelmäßig fest, dass es sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich zentral wichtig ist, für sich persönliche Verantwortung zu übernehmen. Und die wohl wichtigste Vokabel zur Übernahme persönlicher Verantwortung lautet meines Erachtens: „Nein!“

Niemals käme ich auf die Idee, von Menschen, die mir vertrauen wollen, irgendeinen Beitrag auf Kosten ihrer Integrität einzufordern. Und seltener als nie käme ich auf den irrwitzigen Gedanken, einen Teilnehmer zu einem Thema zu befragen, um bei „mangelnder mündlicher Beteiligung“ davon zu sprechen, demjenigen zumindest eine faire Chance gegeben zu haben. In Abschlussrunden erlebe ich regelmäßig, dass „stille“ Teilnehmer sehr genau, sensibel und in wenigen Worten über das eigene Erleben berichten können. Durch ihre Art, zu denken, zu fühlen und zu sprechen, leisten sie für eine Gemeinschaft einen wertvollen Beitrag. Oft habe ich den Eindruck, dass gerade ruhige Menschen und Menschen, die nicht „wie gedruckt“ reden, einen sehr engen Kontakt zu sich haben und authentisch auftreten können.

In unseren Schulen fällt es uns Lehrern unglaublich schwer, Menschen so sein zu lassen, wie sie sind. Wir unterrichten Schüler und bewerten Sichtbares. Permanent missachten wir die Grenzen unserer Schüler. In meinen ersten Dienstjahren verging wohl nicht ein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner Form die Integrität von Schülern massiv verletzt hätte. Und wahrscheinlich ging und geht es vielen Kollegen ähnlich wie mir: Ich war mir meiner Grenzüberschreitungen zumeist nicht einmal bewusst. Aus heutiger Sicht, und es ist mir zugegebenermaßen unangenehm, kommt es mir vor, als spräche ich über einen anderen Menschen. So fremd ist mir der Lehrer, der ich einst war.

aus: „Das wird Schule machen – Kein Bildungssystem kann besser sein als seine Lehrer“, von Andreas Reinke,   Lehrer, familylab-Seminarleiter, Autor, INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN (facebook.de/Beziehungspflege)(http://shop.famlab.de/DaswirdSchulemachen)

 

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