Die Schattenseite von unerzogen

20151024_160055Viele Eltern, die den Weg zu unerzogen gefunden haben, berichten, dass sie durch die Abkehr von „man muss aber …“ und das Loslösen von alten Glaubenssätzen zu einer neuen inneren Entspannung gefunden haben, die es ihnen erleichtert, intensiven Kontakt und eine neue Form der Authentizität bei der Beziehungsgestaltung zu ihren Kindern und Mitmenschen aufzubauen.

Der mittlerweile an jeder Hausecke präsente Leitsatz „Beziehung statt Erziehung“ offenbart, dass wieder an die Pol-Position rücken muss, was wirklich zählt – aufeinander achten, miteinander sein, den anderen sehen, wie er ist statt so, wie man ihn gerne hätte. Ohne Erziehungsziele im Kopf, die Druck und Stress aufbauen, steht Vertrauen, Entspannen und Zurücklehnen im Vordergrund.

Vom Schlechten des Guten

Seit geraumer Zeit beobachte ich eine alarmierende Entwicklung. Anstelle von Entspannung nehme ich Anspannung wahr, statt Zurücklehnen Vorpreschen, statt Beziehung Vermeidung. Große Angst. Panik. Stillstand. Druck. Stress. Wettbewerb. Bewertung.

Einige Eltern scheinen besorgt zu sein durch die zahlreichen Berichte, was gewaltvolles Miteinander in Kindern auslösen kann. Und alle Eltern haben ein Interesse daran, Kinder so aufwachsen zu lassen, dass der psychische Schaden, der ihnen zugefügt wurde, möglichst klein ist. Also begeben sie sich auf die Suche und landen möglicherweise irgendwann bei unerzogen.

Ich vermute, dass zuerst die Erkenntnis greift – ja, Erziehung ist Gewalt. Und als nächstes – ich muss es anders machen. Unerzogen macht also Sinn, und der Entschluss ist schnell gefasst, jetzt auch „so“ sein zu wollen.

Doch was kommt, wenn Erziehung geht?

Das mit der Beziehung klingt wahrlich so einfach, und ist doch in der Tat so schwer. Erziehung kann nicht einfach so gehen, denn sie steckt drin, in jedem von uns. Glaubenssätze unserer Kindheit und Jugend, Weltanschauungen, gesellschaftliche Überzeugungen, kulturell oder durch persönliche Erfahrung erlernte Handlungs- und Reaktionsmuster und nicht zuletzt die Erwartungen an die eigenen Kindern, die sowohl  zu ihrem eigenen Glück finden als auch uns glücklich machen sollen. Die Verantwortung für das Glück einer ganzen Familie in den Händen der Kinder … ein hartes Brot. Keiner von uns schnippt mit den Fingern und lässt von all dem gehen, in nur einem Moment.

Veränderung von innen heraus braucht Zeit

Sich mit unerzogen zu beschäftigen heißt, auf eine lange Reise zu gehen, die im Kern zu uns selbst führt. Wer bin ich, was macht mich aus, welche Überzeugungen habe ich, woran glaube ich – aber auch: Wie gestalte ich Beziehungen mit den Menschen in meinem Leben? Dass diese Reise lange dauern wird und nur Stück für Stück voran geht, ist vielleicht in mancher Hinsicht ein wenig ärgerlich, wollen wir doch alle das Beste für unsere Kinder, jetzt sofort, in diesem Moment. Und wollen wir doch alle sofort von dem ablassen, was unseren Lieben Schaden zufügen könnte. Aber andererseits haben lange Reisen auch den Vorteil, dass wir bewusst und tief eintauchen in das, was wir erleben, und statt oberflächlicher Anpassung etwas anderes passiert – wir uns wirklich verändern, mit jeder Zelle unseres Körpers. Wir erleben nicht nur, dass wir uns anders VERHALTEN, sondern, dass wir anders SIND.

Vernachlässigung statt Beziehung

Was ich also häufig sehe, sind Eltern, die – paralysiert von der Angst, ihrem Kind durch Erziehung zu schaden – nichts mehr tun. Und damit genau das verlieren, was unerzogen ausmacht – die Beziehung  zu sich selbst und dem anderen. Sich gegenseitig sehen, wie man wirklich ist und uns zeigen, mit dem, was wir voneinander brauchen.

Angstvolle Eltern, die – aus der Panik heraus, ihrem Kind zu schaden – sich versuchen optimal perfekt zu verhalten, einem nicht vorhandenen unerzogen-Award hinterher zu jagen oder ihre eigenen Bedürfnisse zum Wohle des Kindes auf dem Friedhof begraben, werden für ihre Kinder nichts anderes sein als Marionetten ihres eigenen Lebens.

Ich erlebe Mütter, die sich nach drei Jahren Kinderbetreuung danach sehnen, wieder einer Beschäftigung nachzugehen, die sie erfüllt – aber Angst haben, ihre Kinder anderen Menschen anzuvertrauen. Ich sehe Mütter, die aggressiv und ausgezehrt nach monatelanger Stillzeit den Wunsch haben, wieder ein Wochenende mit ihren Freundinnen zu verbringen – und sich nicht trauen, diesen „egoistischen“ Wunsch zu äußern. Ich erlebe Eltern, die sich dafür schämen, dass ihnen nach einem langen Tag die Hutschnur geplatzt ist, als der 200ste Saftbecher auf den Boden fiel, die große Augen machen, wenn ich berichte, dass wir bei uns zu Hause streiten und uns vertragen, die sich wundern, dass die Interessen von uns Eltern genauso wichtig wie die der Kinder sind. Ich erlebe Kinder, die sich täglich stundenlang selbst vor dem iPad parken, um ihre seelisch und körperlich erschöpften Mütter zu entlasten. Ich höre von Eltern, die sich monatelang mit Vorwürfen plagen, weil der Nuckel ihres Kindes die Bindung zerstört haben könnte und von solchen, die Sorge haben zu beklagen, dass ihre Kinder jeden Abend bis 23 Uhr wach und sie selbst am Ende ihrer Kräfte sind …

Was ich dabei vor allem erlebe, ist, dass unerzogen sich ins Gegenteil verkehrt. Aus dem, was ursprünglich Befreiung bieten sollte, ist nur ein weiterer Katalog an Glaubenssätzen entstanden. Die eine Erziehung wurde durch die andere ersetzt und eine ganze Horde vermeintlich unerzogener Eltern erzieht sich selber dazu, möglichst unerzogen zu sein. Dass das nicht funktionieren kann, ist total klar. Der eigene Idealismus wird zum Henker des Glücks.

Eltern als echte Beziehungspartner

Ich bin überzeugt davon, dass es für Kinder viel wichtiger ist, echte Eltern statt perfekt funktionierende Roboter zu haben. Eltern, die sich darüber im Klaren sind, was sie tun und warum sie es tun. Solche, die merken, dass sie einen richtig bescheidenen Tag hatten, die sich entschuldigen können, wenn sie blöden Mist geredet haben, die eine deutliche Grenze ziehen, wenn ihre körperliche Beanspruchung ausgereizt ist, die sagen, was ihnen nicht in den Kram passt, die einen Plan für ihr Leben und ihr Glück haben, weil sie wissen, was sie wollen und was sie glücklich macht – unabhängig von ihren Kindern Eltern, die ihren Weg gehen – obwohl sie Kinder haben oder gerade deswegen – und die nach einer Möglichkeit suchen, dass alle etwas von dem bekommen, was sie brauchen. Eltern, denen ihr eigenes Glück und ihre eigene Zufriedenheit genauso am Herzen liegt wie die ihrer Kinder.

Unerzogen ist Befreiung. Und ich würde mir wünschen, in Zukunft wieder mehr davon zu sehen und zu hören.

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25 Gedanken zu “Die Schattenseite von unerzogen

  1. Sylvie. Du weißt es ja schon, ich bin vielleicht dein größter Fan. Aber dieser Artikel, der ist so wundervoll, so wahr, löst so viel in mir aus – der wird vermutlich mein Favorit. Ach, einfach Danke.
    Ich hab das auch schon bemerkt und was ich noch schwieriger finde ist, dass Leute, die sich für unerzogen interessieren, immer fragen: „Ja aber wie machst du das denn so und so oder wenn dein Kind mal nicht dies oder jenes macht – wie reagierst du dann?“ Und ich antworte, dass ich das nicht nach Plan und Strategie sagen kann, sondern im Moment lebe. Dass viel zu viele Faktoren mit in diese Haltung, diese Einstellung spielen, als dass ich dafür eine Anleitung geben könnte. Und dann sind alle verwundert und verstehen es nicht, dass es eben keine Ziele und keine Strategie gibt sondern nur den MOMENT, in dem man auch Fehler machen und sich dann eben danach auch entschuldigen kann. Dass es eben keinen Plan und keine Ziele gibt, weil das Funktionieren einer zwischenmenschlichen Beziehung eben genau davon NICHT abhängt. Ich mag auch diesen dogmatischen Touch, der sich nach und nach in das Denken einschleicht nicht. Und dann gibt es noch die Ungläubigen, die mir einfach nicht glauben wollen, dass ich es genau so wie es ist wunderbar finde und eben nicht permanent mit unerzogenen Kindern völlig auf dem Zahnfleisch laufe, weil wir nahezu ständig Kompromisse ausarbeiten. Dass es eben NICHT darum geht, den Kindern alles ständig rund um die Uhr bedingungslos zu ermöglichen sondern eben „nur“ gleichwürdig mit Ihnen zu leben.

    Wenn mich jemand fragt, wie dieses unerzogen gehen soll, dann antworte ich am liebsten: einfach machen. Loslassen. Genießen. Und denen zeige ich in Zukunft deinen Text.

    Und dafür liebe ich deine Worte, sie geben mir nämlich wieder ein herrliches Gefühl der Befreiung 🙂
    Ich danke dir. You made my day ❤

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    1. Liebe Kathrin, dass ich Fans habe, das wusste ich noch nicht 🙂 aber ich kann dir sagen, dass mir deine Rückmeldung durch jede Körperzelle fährt. Es ist schön zu erfahren, dass man hilfreich sein kann, in dem was man tut :). Ich danke dir wirklich sehr! Alles Liebe!

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  2. Liebe Sylvie, ahh danke für deine Zeilen, die für mich total passend kamen: ich hatte mir heute morgen überlegt, ob und was das für einen Ort ist, zwischen Erziehung und Beziehung. Was ist, wenn auf Erziehung verzichtet wird aber (noch) keine Beziehung da ist? Ich beobachte dann den Versuch etwa, Beziehung „anzuerziehen“, was in eine unglückliche Zwickmühle führt. Danke für deine Gedanken, dein Licht auf diesen Schatten :-). Ich lese dich gerne. LG Karen

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      1. Ja, so ist eine Beziehung immer da! Danke <3. Meine Gedanken und Fragestellung waren eher um die Beziehungsqualität. Also z.B. wenn gewisse Abläufe vorher nur mit Erziehung gingen (Essen, Schlafen, Aufräumen, Zähne putzen,…), dann aber auf Erziehung verzichtet wird, wäre der Weg dann in diesen Bereichen in Beziehung zu gehen. Wenn ich merke, dass ich das aber nicht kann oder das Gefühl habe, wir bewegen uns noch nicht auf der Beziehungsebene (weil ich merke, dass z.B. Vertrauen fehlt), kann es eine Leere geben (?), die einerseits zur Unsicherheit oder Vernachlässigung führen kann, aber andererseits eine Chance zur Erkenntnis sein kann, dass in der Beziehung etwas fehlt und dass ich daran arbeiten kann. Mir ging es bei meinen Gedanken auch um Beziehungen an Orten und unter (am Anfang vielleicht sich fremden) Menschen ausserhalb der Familie, wo das Miteinander gleichwürdige Beziehungen als Basis hat, diese Beziehungen aber erstmals entstehen müssen. Ich fand, Sylvies Artikel ging darauf ein und hat Raum für diese Prozesse gesehen.

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  3. „Wir erleben nicht nur, dass wir uns anders VERHALTEN, sondern, dass wir anders SIND.“

    Für mich persönlich der Schlüsselsatz des Artikels. Viele Dinge, die „unerzogen“ sind, habe ich instinktiv getan, als meine Kinder sehr klein waren. Die Kritik aus meinem Umfeld habe ich sehr selbstbewußt eingesteckt, weil man als junge Mutter ja immer ungebetene Ratschläge erhält.
    Das Dilemma begann als meine Kinder in den Einflussbereich von „Erziehern“ und Lehrern gekommen sind. Da ich mir nie wirklich Gedanken gemacht hatte, war der übliche Weg (Kindergarten und dann Schule) logisch. Auf Schwierigkeiten war ich nicht gefasst, weil ich immer davon ausgegangen war, ich wäre in meinen mütterlichen Gefühlen normal – nicht anders.
    Ab diesem Zeitpunkt durchlebe ich ein ständiges Wechselbad der Gefühle.
    Ich selbst wurde erzogen …. und wie, katholisch, übergriffig und mit Liebesentzug. Das wollte ich meinen Kindern ersparen und habe das m.E. an einigen Stellen geschafft.
    Aber ich kämpfte als Kind immer um Liebe und Anerkennung. Angst vor dem Nicht-dazu-gehören war mein ständiger Begleiter.
    Ich erfahre durch meine Kinder (dem Himmel sei Dank!) meine Ängste neu und heute bewusst!
    Das führt aber auch dazu, dass ich immer wieder verunsichert bin und immense Zukunftsangst für meine Kinder habe. Dann beuteln mich Zweifel, ob ich „Es“ richtig mache.
    Denn „anders sein“ bedeutet auch Ausgrenzung…..
    Liebe Grüße
    Hildegard

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  4. Liebe SYLVIE, ganz wunderbar geschrieben. Dein Text hat mich sehr berührt. Vielen Dank. Diese Gedanken gehen mir in den letzten Wochen auch oft durch den Kopf. Ich habe letzte Woche über etwas, was in die gleiche Richtung geht geschrieben. Wie wollen wir unseren Kindern Empathie schenken, wenn wir sie uns nicht selber geben? Wie wichtig ist es auch selber unsere starken Emotionen spüren zu können. Wir können so unseren Kinder viel verständnisvoller Begegnen. Ich hoffe ich darf den Link hier reinsetzen….http://mariposa.family/heute-schenke-ich-mir-zeit-oder-mit-den-augen-eines-adlers/

    Alles Liebe dir
    Denise

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  5. Liebe Sylvie,
    tausend Dank für diesen Beitrag. Es hat mich sehr berührt, deine offenen Worte zu lesen und die Ängste, die mit gewaltfreiem (so nenne ich es, da ich aus der Schule der Gewaltfreien Kommunikation komme) Familienleben einher gehen so klar formuliert zu sehen. Mich treibt der Mangel an Authentizität vieler Eltern auch um. In meinen Coachings erlebe ich genau diesen Effekt: Eltern stecken vor den Bedürfnissen ihrer Kinder zurück und irgendwann platzt die Bombe und dann geht es weiter mit dem sich „selbst malträtieren“ weil man eben doch „gewaltvoll“ gehandelt hat.
    Ich wünsche mir sehr, dass es uns mit diesem Ideal der Gewaltfreiheit im Kopf gelingt, eine Balance zu schaffen und all das zu leben, was in uns lebendig ist.
    Alles Liebe
    Mareike

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  6. Das ist genau der Punkt, weshalb ich mich manchmal frage, ob Erziehung nicht doch „besser“ ist oder das kleinere Übel, weil ich sehe, dass Kinder, die erzogen werden, gelassener und mehr bei sich sind, als solche, die gar keine Führung und Begleitung haben, weil die Eltern Angst haben, Fehler zu machen.
    Wer schafft es schon, die Idee „unerzogen“ so zu leben, dass die Familie wirklich profitiert? Ich bisher noch nicht. Gebe ich ehrlich zu.

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    1. Das ist eine interessante Frage und in der Tat eine, die ich mir auch schon sehr oft gestellt habe.
      Ich glaube allerdings, dass die bewusste Auseinandersetzung und Reflexion von dem, was wir tun, keinen Schaden zufügt. Ich glaube aber auch, dass es schwierig sein kann, erst die Handlung zu ändern und im Nachgang mit dem inneren Transformationsprozess nachzuziehen.

      Unterm Strich könnte man es vielleicht etwas plakativ so formulieren – ich wünsche mir bei weitem nicht, dass alle Eltern unerzogen mit ihren Kindern umgehen. Aber ich wünsche mir, dass alle Eltern anfangen in Frage zu stellen, wie sie mit ihren Kindern umgehen. 🙂 Soviel vielleicht in Kürze. LG

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  7. Danke, diesen Artikel möchte ich so einigen Müttern im Bekanntenkreis vorlegen, denn wenn ich den Kampf zwischen Eltern und Kindern sehe, der aufgrund des gewaltfreien und unerzogenen Ansatzes täglich, stündlich, fast minütlich gekämpft wird, tut es mir in der Seele weh. Und gleichzeitig werde ich wütend, wenn mir Selbstsucht vorgeworfen wird, da ich meine eigenen Bedürfnisse auch formuliere und mein Kind um Beachtung bitte. Schöner Artikel, der das Dilemma der modernen Mütter beim Namen nennt.

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  8. Hui, viele wahre Worte und tatsächlich ein Dilemma.
    Unerzogen soll auch für mich viel Druck abbauen und mich nicht nur in Stress versetzen, mich nun anders vermeintlich „richtig“ zu verhalten. Mein Ziel ist immer, den anderen so sein zu lassen wie er ist – und mich auch! Genau so, wie ich zu dem Zeitpunkt bin. Das kann ungeduldig, erschöpft oder mal unausstehlich sein und damit muss nicht nur ich sondern auch meine Umwelt klarkommen. Sie darf mich dann sein lassen 😉

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  9. Wunderbar! Danke. Ich hab in der Tat manchmal das Gefühl, dass bei unerzogen eine Art von Wettstreit entsteht, der in Richtung laissez-faire geht. Darum steht bei mir Authentizität an erster Stelle. Lieber echt und nicht überall unerzogen, als verstellt 100% unerzogen.

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  10. Hallo Silvie!
    Wow! Danke für diesen Artikel! Ich bin gerade etwas sprachlos und beschämt, weil ich das Gefühl habe, mich in den von dir beschriebenen Eltern wiederzufinden. Und das vorher SO noch gar nicht gesehen habe.
    Mir ist schon lange bewusst, dass ich an meine Grenzen stoße bzw. sie übertrete. Zum Wohle der Kinder. Auf meine Kosten.
    Und wie ich an mir selbst zweifle nach Situationen, von denen ich weiß, dass sie für meine Kinder nicht gut/schön waren. Manchmal zermürbt es mich richtig.
    Ich schaffe es aber zumindest immer, das direkt danach oder zu einem späteren Zeitpunkt nochmal zu thematisieren. Ich entschuldige mich bei meinen Kindern. Ich sage ihnen, dass mein Verhalten doof war oder ich in dem Moment gemein war. Ich erkläre dazu aber nichts, weil ich es nie schaffen würde, ihnen das neutral und nachvollziehbar zu erklären, ohne dass dem eine Schuldzuweisung beigefügt ist.
    Ich frage mich so so oft, woran ich erkenne, dass mein Bedürfnis in aktueller Situation wichtiger ist, als Fasses Kindes.
    Und wenn, wie ich ihnen verständlich machen kann. Ohne noch mehr Stress zu ernten. Sie sind 3 2/3 und 2 1/4 Jahre alt. Ich kann doch nicht erwarten, dass sie meinen Gefühlen gegenüber empathisch sind.
    Und ja, manchmal „platze“ ich dann. Vor Hilflosigkeit. Erschöpfung. Verzweiflung. Ausweglosigkeit. Und dann kommt mein inneres Kind zum Vorschein, welches durch Lautstärke und impulsivitlt versucht, sich Gehör zu verschaffen.
    Ich bin sehr an einer Lösung interessiert. Aber ich habe keine.
    Ich finde die Haltung von unerzogen großartig abarbeiten vielen „Themen“ überfordert und ängstigt mich bereits der Gedanke daran (beste Beispiele Medienkonsum und Süßigkeiten – meine Kinder würden non stop naschen und tv gucken. Versuche belegten das).
    Ich will mich langsam ran Tasten. Deshalb gibt es hier noch keine komplette Selbstbestimmung. Dazu gibt es noch Zuviels Baustellen.
    Ja ich wäre gerne die perfekte Mutter. Naja, gut würde schon reichen. In vielen Dingen find oh mich da auch echt gut. In vielen aber eben so gar nicht.
    Ich kann auch wirklich schlecht für mich selbst sorgen. Weiß gar nicht, wie.
    Ich weiß, dass unerzogen keine Methode sondern eine Haltung ist.
    Aber dennoch fänd ich es wahnsinnig toll, wenn an diesen Artikel angeknüpft Artikel mit tips folgen könnte.
    Wie kriege und erhalte ich Beziehung zu mir?
    Woran erkenne ich eine gute Beziehung zum Kind? (Behauptet sicher jeder von sich)
    Was kann ich für diese tun?
    Wie behaupte ich mich gegenüber meinen Kindern, wenn ich merke, dass ich unruhig werde, weil meine Bedürfnisse nicht gestillt werden können?
    Wie zeige ich meinen Kindern (gerade kleinen) diese?
    Was tun, wenn Kinder nicht hören? Ich erwarte wirklich keine folgsamen Kinder. Aber manch am da will ich, dass sie auf mich hören, weil mich etwas stresst, aufregt… oder ich weiß, dass das Ergebnis mich stressen wird. Oder ich etwas einfach mal wirklich nicht will. Was Kinder häufig nicht interessiert.
    Oder mangelt es da per se an Beziehung? Wenn ja, was tun?
    Ich glaube, vielen wäre damit geholfen.
    Vielleicht gäbe es da eine Möglichkeit.

    Danke für die stets interessanten Texte hier. Und danke fürs lesen meines Textes 😉
    LG
    Jenn

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    1. Liebe Jenn. Danke für deinen Kommentar und die vielen Fragen.
      Ich würde dir gerne fürs erste zwei Gedanken mitgeben – der erste heißt – Vertrauen. Darin, dass du zu jedem Zeitpunkt die absolut beste Mutter bist, die deine Kinder haben können. Und für sie bist du sowieso die Welt, egal wieviel Mist du baust. Und der zweite heißt Verzeihen – dir selbst verzeihen und deinen Kindern verzeihen. Ihr werdet jeden Tag Fehler machen und ihr werdet sie euch verzeihen.

      Aus deinen Fragen kann ich lesen, wieviele Gedanken du dir schon machst. Das ist der wichtigste Schritt. Du wirst mit der Zeit immer mehr Antworten finden. Und ich werde deine Anregungen für die Zukunft als Ideen mitnehmen. Danke dafür.

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      1. Danke für die superschnelle und liebe Antwort.
        Ich hab nen ziemlich großen Selbstkritiker an Board. 1 doofe Situation überragt 3 gute 😦
        Und ich hab ständig Angst, dass meine Kinder Schäden nehmen. Wie es bei mir selbst vermutlich der Fall war -obwohl ich großartige Eltern habe, aber sie wussten vieles einfach nicht besser.
        Da schließen sich viele Kreise. Für mich alles nicht so einfach. Aber ja, ich gebe mein bestes und ich schaffe es inzwischen immerhin, richtig positiv auf gewisse Situationen oder gar Tage zu blicken und mich richtig darüber zu freuen.
        (Bin übrigens auch in psychologischer Therapie, aber bei all meinen Baustellen reicht die Stunde pro Woche kaum aus, um 7 Tage die Woche gut mit meinen Kindern zusammenzuleben 😉 )

        Danke schon mal und falls es tatsächlich mal Texte mit Hilfestellungen geben wird: meine Freude wär riesig!
        LG
        Jenn

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  11. Liebe Sylvie, ich habe dir ja am Dienstag bereits geschrieben, dass mich dein Artikel sehr berührt hat. Er hat aber noch viel mehr mit mir gemacht: Er hat mich zum Weiterdenken und Schreiben angeregt. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich so direkt auf deinen Artikel mit einem eigenen geantwortet habe: Hast du Angst, deinem Kind mit deinem Verhalten zu schaden?

    Hast du vielleicht auch die Tendenz dazu, Emotionen gegenüber deinem Kind zurück zu halten und steckst häufiger deine Bedürfnisse zurück?

    Natürlich ist es sinnvoll, sein Verhalten und seine Kommunikation mit dem Kind auf mögliche Folgeschäden zu reflektieren. Allerdings kann diese Angst uns auch lähmen und uns aus dem Gleichgewicht bringen.

    In meinem neuen Artikel gebe ich dir einblicke in meine Grundhaltung zum Thema und welche Orientierung ich dadurch bekommen habe und darin ein paar Gedanken weiter spinne:

    http://www.liebevollefamilie.de/bedeutung-von-beduerfnissen/7-standpunkte-fuer-eine-gewaltfreie-beziehungsarbeit-in-der-familie/

    Alles Liebe
    Mareike

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  12. Hallo liebe Sylvie, mir geht es in manchen Dingen wie meiner Namensfetterin Jenn, etwas weiter oben. 🙂 Ich habe auch das Gefühl, mich wiederzuerkennen in den Eltern, die Du beschreibst. Die, die dem Kind alles Recht machen (wollen) und die mit ihren Kräften auch mal am Ende sind, das aber nicht zulassen können. Ich betreue unseren Sohn (sehr gerne) selbst und ständig, aber ich bin nicht davor gefeit, auch mal erschöpft zu sein. Dann um Hilfe zu bitten, oder sich zu entschuldigen bei meinem Sohn, gehört für mich dazu.

    Ich bin noch in den zarten Anfängen, mein Kind unerzogen durchs Leben zu begleiten, daher war Dein Artikel über die Do´s und Dont´s für mich sehr hilfreich. Ich danke Dir dafür! Deine Jenniffer

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  13. Vielen Dank für diesen Bericht! Er kommt wie gerufen für mich! So habe ich mich heute gefühlt! Ich hab mich gefragt: was machst Du eigentlich da? Es sollte doch alles entspannter sein, nicht so verkrampft sein es sollte sich nicht danach anfühlen als wäre unerzogen für mich ein Ding der Unmöglichkeit! Ich bin in den letzten Wochen ständig damit beschäftigt möglichst immer unerzogen zu handeln und auf alles und jeden mit unerzogen zu reagieren! Es fühlt sich so richtig sein und ich möchte ihn geh’n und dabei eben immer so handeln! Bin ständig am refletieren, ich schlafe kaum noch da ich ständig über den Tag nachdenke: hab ich den heute immer alles unerzogen gemacht! Es hat mich fertig gemacht und es hat mich erschöpft denn dabei habe ich vor allem mich selbst vergessen oder wie es schon richtig geschrieben ist mich selbst erzogen! Danke diesen Artikel habe ich so sehr gebraucht ! Ich will jetzt auch auf mich achten und meine Bedürfnisse wahrnehmen! Vielen vielen Dank!

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  14. Ich bin begeistert von deiner absolut korrekten und ausdrucksstarken Erfassung des Problems. Und ich hoffe so sehr Ruth ließt diesen Beitrag. Danke!!! Danke Danke Danke.

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  15. Danke für diesen großartigen Appell!
    Ohne den Artikel zu kennen, habe ich in den letzten Tagen einiges davon auch für mich erkannt und heute verbloggt. Darf ich dies als Ergänzung verlinken?

    Danke für diesen tollen Artikel der hoffentlich viele Eltern und viele Herzen erreicht und ihnen Selbstvertrauen gibt!
    Wir müssen -und dürfen- als Eltern nicht perfekt sein.

    Liebe Grüße,
    Antonia

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  16. Viele Eltern, die den Weg zu unerzogen gefunden haben, berichten, dass sie durch die Abkehr von „man muss aber …“ und das Loslösen von alten Glaubenssätzen zu einer neuen inneren Entspannung gefunden haben <—— OHHHH JAAAAA!!! Wir sind noch ganz am Anfang vom erziehen, aber eines ist mir klar seit Lia ca. 1Jahr alt ist, ich will sie in keine Form pressen, die andere meinen uns vorgeben zu müssen, weil man das schon immer so gemacht hat. Mein Kind soll frei sein dürfen und auch mal schimpfen, bocken und etwas nicht wollen. Liebe Grüße Anja! TOLLER TEXT ❤

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