[repost] Ich bin eine blöde Scheißkackmama!

Warum wir alle heimliche blöde Scheißkackmamas sind…

PicsArt_04-04-11.24.43„Oh je…“, denk ich manchmal und muss kurz durchatmen.
Da habe ich mal wieder Zeugs in die unerzogen-Gruppe geschrieben und es bekommt Zustimmung. Likes. Manchmal auch viele. Zeug, das ganz toll erklärt, wie du unerzogen und gewaltfrei den Konflikt XY ganz toll erledigt bekommen könntest.
Ist der Rechner dann aus und ich back im Real Life, denke ich an das „Oh je…“und: „Wenn die, die das liken, mal einen Tag in unserem Familienleben Mäuschen spielen würden… Sie würden ‚Lug und Trug!‘ rufend davon galoppieren.“
Warum?

Weil ich allzu oft hier nicht diesen Sonnenschein hin bekomme, wie ich ihn dort in der Gruppe, reflektiert und aus der Metaebene, ganz schlau hinschreiben kann. Manchmal bin ich eben diese „blöde Scheißkackmama“, wie meine große Tochter mich dann immer ruft, wenn ich wieder ungerecht bin.

Ja, ich bin ungerecht. Und ich schimpfe. Auch laut und fies. Mit Schimpfwörtern!

Ich bin manchmal richtig geladen und da passiert es sogar, dass ich sie nicht ‚in ihrer Wut begleite‘, sondern auch austicke und sage, dass es ja auch in einem anderen Ton geht! (… Wer entdeckt hier den Fehler? Hm? 😉 )

Ja, ich bin gelegentlich zu müde oder zu faul, ihr Essen zu machen und dann knabbert sie eben die Süßigkeiten leer. Die Wäsche stapelt sich und die Wollmäuse verheddern sich darin, wenn ich keine Zeit finde. Reden wir mal nicht vom Badezimmer… Und ja, auch hier kommen Themen durch, die immer und immer und verläßlich immer die Erziehungsungerechteblödescheißkackmama aufs Tablett rufen: aufräumen, Haare kämmen, morgens trödeln.

Ich krieg da selten die Kurve . Ich bin ambivalent, drücke zu feste, werde verletzend, bin bockig, dickköpfig, kindisch. Sage „Nein!“ ohne das begründen zu können, ich bevorzuge die kleine Tochter, nutze meine Überlegenheit aus, überrede, rede mich raus und bin unfair…

Und hier schreib ich Artikel darüber, wie Beziehung gelingen kann! Ha, ha. Das ist doch der Hohn!
…oder?

Warum ich hier dennoch schreibe und wie es mir gelingt, mir immer und immer und verläßlich immer wieder zu verzeihen

Neulich zog meine Große bei einem Frage- & Antwortspiel eine Karte, wandte sich zu mir und fragte:
„Macht es dir Spaß, dir selbst zu verzeihen?“
Ich finde diese Frage ganz hervorragend! Ich musste kurz überlegen, und war dann ganz entschieden: Ja! Eindeutig!
Wenn ich erstmal zu mir selbst durchgedrungen bin, nachdem ich irgendeinen Mist verzapft habe, und dann ernsthaft und reinen Herzens denke ‚Ist schon ok. Hätte besser laufen können, aber jeder Fehler soll mir ein Lehrmeister sein!‘, dann freue ich mich darüber schneeköglich! Wirklich. Ich feiere das! Denn es ist keine Selbstverständlichkeit an diesen Punkt zu gelangen.
Aber ich verzeihe mir selbst, wie ich anderen auch verzeihe. Ich versuche mich mit mir an eine Tabula rasa zu setzen und erkläre mir: Es ist ok, weil…

Ich lerne!
Ich war grade wieder gemein, habe aus meinem inneren, verletzten Kind reagiert und Verantwortung abgegeben. Das passiert mir in stressigen Zeiten mitunter täglich. Und -selbstredend- ist das nicht gut! Aber eben nicht unverzeihlich.

Mittlerweile ist es so, das ich mir in solchen Situationen immer selbst zusehen kann. Ich weiß klar und genau, das ich gerade Scheiße baue. Diese wache, innere Beobachterin ist es, die mir zeigt, dass ich auf dem Weg bin und auch dieser „Fehler“ Teil des Prozesses ist. Sie versöhnt sich mit mir selbst, denn sie zeigt, dass es mir bewusst ist, was da passiert. Früher habe ich das automatische Elterngeblubber ganz ohne es zu merken rausgelassen. Jetzt ist es präsent. Das gehört zu den kleinen Schritten, die ein Heilungsprozess nun einmal braucht. Ich muss noch heilen von Erziehung.

Ich lebe!
Ich lebe mit hohen Ansprüchen an mich selber. Jemand anders übt seinen Perfektionismus an Beruf, Studium oder Hobbys aus. Ich bin Muddi. Nicht zu selten fällt mir das gar nicht auf, weil es für mich Normalität ist, aber ich möchte eine „gute Mutter“ sein, eine lässige, coole, entspannte Mutter, die nicht erzieht. Ich weiß sehr genau, was ich da möchte und was ich vermeiden will – und deswegen fallen mir alle Abweichungen eben auch sehr genau auf. Viel zu genau. Wie Flecken auf einem weißen Tischtuch.
Erwartungen sind immer (!) mit einem Druck verbunden. Druck, ganz physikalisch, erzeugt Druck. Wo Druck unangenehm wird, weicht der Mensch, der schlaue. Und das ist auch gut.

Denn an den Stellen, wo meine Kinder weichen und mit Gegendruck arbeiten, kann ich mich wieder mal bremsen und mir sagen: Hey! Bleib cool! Liebe passiert. Und nur die braucht es. Entspann dich maximal und alles um dich rum wird entspannter.
Und, hey, ungelogen, das klappt jedes Mal!

Ich liebe!
That’s it!
Darum geht es. Ich verzeihe mir, weil ich liebe. Und weil ich liebe, verzeihe ich. Und wenn ich mir als erstes verzeihe, kann ich auch meinen Kindern verzeihen! Und die, die verzeihen ja sowieso. Diese großzügigen, nachsichtigen, liebevollen Wesen.

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7 Gedanken zu “[repost] Ich bin eine blöde Scheißkackmama!

  1. Hey

    total toller Text danke. Es ist schön da so zu hören. Ich übe mich auch immer im selbst verzeihen. Und im Vertrauen. In mich, meine Kinder und das Leben.
    Manchmal scheint mir das total natürlich und leicht und manchmal fast unmöglich.

    Danke für deinen Einblick.

    Liebe Grüsse Eva

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Hannah,
    Danke für diesen Text.
    Er holt Dich von dem Sockel, auf dem Du stehst oder auf den ich Dich (und Deine Kolleginnen) stelle.
    Er versichert mir, dass es ok ist, dass auch Du solche und solche Momente hast und ich nicht vom Weg abgekommen bin.
    Dass es Schritt für Schritt geht sich keiner zur perfekten unerzogen Mami beamt.
    Danke, Danke! Für diesen authentischen Text.

    Gefällt 1 Person

    1. ❤ Claudia, ich danke dir!!!

      Es gibt Momente, da hänge ich mir ganz feierlich die Scheerpe für "die beste unerzogenMuddi der Welt" um und freu mich königlich über die Liebe, die ich lebe! Und dann gibt es ganze Wochen, in denen ich beinahe gar nicht mehr weiß, was der ganze Kack soll – unerzogen, Beziehungssuche, all das überfordert mich dann… . Ich wollte ganz genau deswegen dringend runter von diesem komischen Sockel. Da zu stehen kann jede nur überfordern.

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  3. Hallo zusammen!
    Ich habe zuerst den Beitrag „10 Fähigkeiten, an denen Eltern arbeiten können, um mit ihren Kindern in Beziehung zu sein“ gelesen und bei mir so gedacht „Respekt, wer das so konsequent hin bekommt“. Ohne Frage habe ich in den letzten 12 Jahren sehr viel dazugelernt – vor allem eben mich selbst kennen gelernt. Aber so manche Situationen kann ich auch nicht „wegatmen“ 😉
    Erfreulicherweise hast Du Hannah diesen Artikel hier geschrieben. Na da kann man doch auch wieder „durchatmen“ um an anderer Stelle wieder wegatmen zu können.
    Wer sich jedoch schwer tut sich selbst (er)kennen zu lernen, kann mal sein Kind dazu ermutigen zu sagen, wie es Dinge, Situationen, Beziehungen usw. sieht – das ist erstaunlich wie einen solche Äußerungen weiterbringen können – wenn man „hinschaut“. Wenn wir glauben Kinder können vieles nicht wirklich beurteilen oder Situationen nicht erkennen – denkste: Kinder können es NOCH – bis sie es abtrainiert bekommen. Da sind die Erwachsenen meist weit hintendran. Der Mensch hat ursprünglich unglaubliche Fähigkeiten was wir emotionale Intelligenz nennen. Kinder denken noch nicht so viel wie wir, dafür spüren sie alles….

    Hm – bisschen abgedriftet.. 🙂

    Danke nochmal für diesen entspannenden Beitrag – im wahrsten Wortsinne 😉

    Wolf

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    1. Und wie! Schwer fällt es mir auch jedes mal. Es ist ein richtiges Ringen und braucht ganz bewussten Raum von mir. Manchmal schaffe ich das auch erst sehr viel später oder brauche „Verzeihenshilfe“ von außen. Aber jedesmal wenn ich es schaffe, ist es enorm viel Wert und verändert mich und mein Elternsein.

      Ich danke dir für die Liebe Rückmeldung!

      Liebe Grüße!
      Hannah

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