[repost] Die Schattenseite von unerzogen

20151024_160055Viele Eltern, die den Weg zu unerzogen gefunden haben, berichten, dass sie durch die Abkehr von „man muss aber …“ und das Loslösen von alten Glaubenssätzen zu einer neuen inneren Entspannung gefunden haben, die es ihnen erleichtert, intensiven Kontakt und eine neue Form der Authentizität bei der Beziehungsgestaltung zu ihren Kindern und Mitmenschen aufzubauen.

Der mittlerweile an jeder Hausecke präsente Leitsatz „Beziehung statt Erziehung“ offenbart, dass wieder an die Pol-Position rücken muss, was wirklich zählt – aufeinander achten, miteinander sein, den anderen sehen, wie er ist statt so, wie man ihn gerne hätte. Ohne Erziehungsziele im Kopf, die Druck und Stress aufbauen, steht Vertrauen, Entspannen und Zurücklehnen im Vordergrund.

Vom Schlechten des Guten

Seit geraumer Zeit beobachte ich eine alarmierende Entwicklung. Anstelle von Entspannung nehme ich Anspannung wahr, statt Zurücklehnen Vorpreschen, statt Beziehung Vermeidung. Große Angst. Panik. Stillstand. Druck. Stress. Wettbewerb. Bewertung.

Einige Eltern scheinen besorgt zu sein durch die zahlreichen Berichte, was gewaltvolles Miteinander in Kindern auslösen kann. Und alle Eltern haben ein Interesse daran, Kinder so aufwachsen zu lassen, dass der psychische Schaden, der ihnen zugefügt wurde, möglichst klein ist. Also begeben sie sich auf die Suche und landen möglicherweise irgendwann bei unerzogen.

Ich vermute, dass zuerst die Erkenntnis greift – ja, Erziehung ist Gewalt. Und als nächstes – ich muss es anders machen. Unerzogen macht also Sinn, und der Entschluss ist schnell gefasst, jetzt auch „so“ sein zu wollen.

Doch was kommt, wenn Erziehung geht?

Das mit der Beziehung klingt wahrlich so einfach, und ist doch in der Tat so schwer. Erziehung kann nicht einfach so gehen, denn sie steckt drin, in jedem von uns. Glaubenssätze unserer Kindheit und Jugend, Weltanschauungen, gesellschaftliche Überzeugungen, kulturell oder durch persönliche Erfahrung erlernte Handlungs- und Reaktionsmuster und nicht zuletzt die Erwartungen an die eigenen Kindern, die sowohl  zu ihrem eigenen Glück finden als auch uns glücklich machen sollen. Die Verantwortung für das Glück einer ganzen Familie in den Händen der Kinder … ein hartes Brot. Keiner von uns schnippt mit den Fingern und lässt von all dem gehen, in nur einem Moment.

Veränderung von innen heraus braucht Zeit

Sich mit unerzogen zu beschäftigen heißt, auf eine lange Reise zu gehen, die im Kern zu uns selbst führt. Wer bin ich, was macht mich aus, welche Überzeugungen habe ich, woran glaube ich – aber auch: Wie gestalte ich Beziehungen mit den Menschen in meinem Leben? Dass diese Reise lange dauern wird und nur Stück für Stück voran geht, ist vielleicht in mancher Hinsicht ein wenig ärgerlich, wollen wir doch alle das Beste für unsere Kinder, jetzt sofort, in diesem Moment. Und wollen wir doch alle sofort von dem ablassen, was unseren Lieben Schaden zufügen könnte. Aber andererseits haben lange Reisen auch den Vorteil, dass wir bewusst und tief eintauchen in das, was wir erleben, und statt oberflächlicher Anpassung etwas anderes passiert – wir uns wirklich verändern, mit jeder Zelle unseres Körpers. Wir erleben nicht nur, dass wir uns anders VERHALTEN, sondern, dass wir anders SIND.

Vernachlässigung statt Beziehung

Was ich also häufig sehe, sind Eltern, die – paralysiert von der Angst, ihrem Kind durch Erziehung zu schaden – nichts mehr tun. Und damit genau das verlieren, was unerzogen ausmacht – die Beziehung  zu sich selbst und dem anderen. Sich gegenseitig sehen, wie man wirklich ist und uns zeigen, mit dem, was wir voneinander brauchen.

Angstvolle Eltern, die – aus der Panik heraus, ihrem Kind zu schaden – sich versuchen optimal perfekt zu verhalten, einem nicht vorhandenen unerzogen-Award hinterher zu jagen oder ihre eigenen Bedürfnisse zum Wohle des Kindes auf dem Friedhof begraben, werden für ihre Kinder nichts anderes sein als Marionetten ihres eigenen Lebens.

Ich erlebe Mütter, die sich nach drei Jahren Kinderbetreuung danach sehnen, wieder einer Beschäftigung nachzugehen, die sie erfüllt – aber Angst haben, ihre Kinder anderen Menschen anzuvertrauen. Ich sehe Mütter, die aggressiv und ausgezehrt nach monatelanger Stillzeit den Wunsch haben, wieder ein Wochenende mit ihren Freundinnen zu verbringen – und sich nicht trauen, diesen „egoistischen“ Wunsch zu äußern. Ich erlebe Eltern, die sich dafür schämen, dass ihnen nach einem langen Tag die Hutschnur geplatzt ist, als der 200ste Saftbecher auf den Boden fiel, die große Augen machen, wenn ich berichte, dass wir bei uns zu Hause streiten und uns vertragen, die sich wundern, dass die Interessen von uns Eltern genauso wichtig wie die der Kinder sind. Ich erlebe Kinder, die sich täglich stundenlang selbst vor dem iPad parken, um ihre seelisch und körperlich erschöpften Mütter zu entlasten. Ich höre von Eltern, die sich monatelang mit Vorwürfen plagen, weil der Nuckel ihres Kindes die Bindung zerstört haben könnte und von solchen, die Sorge haben zu beklagen, dass ihre Kinder jeden Abend bis 23 Uhr wach und sie selbst am Ende ihrer Kräfte sind …

Was ich dabei vor allem erlebe, ist, dass unerzogen sich ins Gegenteil verkehrt. Aus dem, was ursprünglich Befreiung bieten sollte, ist nur ein weiterer Katalog an Glaubenssätzen entstanden. Die eine Erziehung wurde durch die andere ersetzt und eine ganze Horde vermeintlich unerzogener Eltern erzieht sich selber dazu, möglichst unerzogen zu sein. Dass das nicht funktionieren kann, ist total klar. Der eigene Idealismus wird zum Henker des Glücks.

Eltern als echte Beziehungspartner

Ich bin überzeugt davon, dass es für Kinder viel wichtiger ist, echte Eltern statt perfekt funktionierende Roboter zu haben. Eltern, die sich darüber im Klaren sind, was sie tun und warum sie es tun. Solche, die merken, dass sie einen richtig bescheidenen Tag hatten, die sich entschuldigen können, wenn sie blöden Mist geredet haben, die eine deutliche Grenze ziehen, wenn ihre körperliche Beanspruchung ausgereizt ist, die sagen, was ihnen nicht in den Kram passt, die einen Plan für ihr Leben und ihr Glück haben, weil sie wissen, was sie wollen und was sie glücklich macht – unabhängig von ihren Kindern Eltern, die ihren Weg gehen – obwohl sie Kinder haben oder gerade deswegen – und die nach einer Möglichkeit suchen, dass alle etwas von dem bekommen, was sie brauchen. Eltern, denen ihr eigenes Glück und ihre eigene Zufriedenheit genauso am Herzen liegt wie die ihrer Kinder.

Unerzogen ist Befreiung. Und ich würde mir wünschen, in Zukunft wieder mehr davon zu sehen und zu hören.

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3 Gedanken zu “[repost] Die Schattenseite von unerzogen

  1. Hallo Aida,
    danke für diesen schönen Artikel. Du hast genau Recht. So beobachte ich das auch. Und ich glaube auch, dass es ein langer Weg zu unerzogen ist. Weil, wie du schon sagst, du wirklich du selbst sein musst. Das haben viele von uns verlernt und auch in anderen Beziehugen sind wir nicht authentisch. Ich habe das zuerst bei meiner Tochter gelernt und lerne es nun auf andere Beziehungen ebenfalls anzuwenden. Wirklich zu sagen, wie es mir gerade geht und was ich brauche. Eigentlich üben wir doch jeden Tag, oder?
    Weiter so! Und liebe Grüße,
    Sonja

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  2. Liebe Sylvie, vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Er beschreibt genau das, was ich auch immer wieder um ich herum erlebe und selbst ertappte ich mich auch dabei meine eigenen Bedürfnisse zu Grabe zu tragen, aus Angst, ich könne meinem Kind etwas vorenthalten. Dein Artikel gibt mir den Mut mich wieder mehr selbst zu hinterfragen und meine eigenen Grenzen zu respektieren. Danke dafür!

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