[repost] Hör endlich auf!

_IMG_3521Sylvie antwortet einer Mutter, die fragt, was sie tun soll, wenn ihre Tochter (5) Dinge tut, die sie stören, z.B. an ihrer Kleidung zieht oder die Mutter im Spiel beißt. Die Tochter erwidert die Bitten* der Mutter, damit aufzuhören, indem sie lacht, weshalb die Mutter sich nicht ernstgenommen und respektiert fühlt. 

„Ich kenne derartiges Verhalten von meinen Kindern, wenn ich auf automatisches Elterngeblubber gestellt habe. Dann geht es nicht mehr um uns und ich bin nicht mehr in Kontakt, sondern verteidige nur noch „mich allein“. Dann höre ich mich kommandieren: „Lass mich, ich will jetzt nicht, zieh das mal an, mach schneller, hör auf damit…“. Derartig gleichförmige Aussagen spiegeln mir meine Kinder, indem sie das Gegenteil machen und mich gefühlt vorführen, als wäre ich ein Gast im Zirkus. Möglicherweise reagieren sie auf meine Bitten oder mein Drängen auch mit Gelächter oder noch mehr Verhalten, was mich in den Wahnsinn treibt. Und dann wird es Zeit für mich zu merken – oha, hier geht gerade die Beziehung flöten. Jesper Juul hat den Begriff des sprechenden Elternautomaten geprägt. Ein Zustand, in dem wir gedankenlos Ansagen, Kommandos und Glaubenssätze unserer eigenen Kindheit runter plappern, ohne im Hier und Jetzt, ohne in Kontakt mit unserem Gegenüber zu sein (häufig zu erkennen daran, dass wir Mühe haben, unser Geplapper einzustellen oder mittendrin merken, dass wir uns gerade anhören wie unsere eigenen Eltern oder Lehrer). Wenn ich mich dabei ertappe, dass der sprechende Elternautomat die Führung übernommen hat, dann weiß ich, was jetzt sofort notwendig ist: Automat abschalten und wieder ich selbst werden. Das gelingt am besten, indem ich tief einatme, mein eigenes elendes Genöle einstelle und übergehe zu etwas ganz anderem. Dann jage ich sie zum Beispiel durch die Wohnung und kitzel sie eine Runde, drück sie ab, lass mich umarmen oder mir das liebste Spielzeug zeigen, eine Geschichte aus dem Kindergarten erzählen oder mich mit imaginärer Farbe anmalen, wir können ein Lied singen oder uns gegenseitig
durch die Haare streicheln. Und schon sind wir wieder wirklich in Kontakt. Dann ist das, worüber wir vorher gestritten haben, entweder kein Thema mehr. Oder ich kann nochmal bitten, helfen, oder mich entscheiden, dass es jetzt nicht mehr wichtig ist. Wie auch immer, meine Kinder waren die Signalflaggen dafür, dass ich nicht ich selbst war. Dafür darf ich ihnen dankbar sein. Es liegt in meiner Verantwortung, das zu verändern.“

* Eine Bitte ist nur dann eine Bitte, wenn sie abgelehnt werden darf. Eltern formulieren häufig Befehle, die ausgeführt werden sollen oder müssen, getarnt als Bitten. 

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3 Gedanken zu “[repost] Hör endlich auf!

  1. Hallo Sylvie,

    der Elternautomat ist hier leider auch Dauergast. Meine Große hat es zum Glück (ich bin sicher, dank euch, Ruth, dem gewünschtestem Wunschkind, Jesper Juul und der vielen tollen Beiträge, die ich lesen durfte) ganz gut raus, im Anschluss (wenn ich es nicht geschafft habe, den Automat anzuhalten) zu sagen „Mama, das war gerade doof von dir!“. Spätestens dann merk ich, oh ja, Elternautomat, und kann entsprechend mit ihr reden (mich für das Geblubber entschuldigen und ihr mit meinen Worten sagen, was mich gestört hat).

    Aber … es gibt hier eine Sache, die mich echt jedes Mal rasend macht und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Thema Lebensmittelverschwendung. Meine Kinder machen gern „Überraschungstisch“. Dh, sie decken den Tisch und mixen irgendwelche Lebensmittel zusammen, die anschließend niemand mag (ihre eigenen Smoothies, natürlich ohne elektrische Geräte!). Einerseits finde ich es sehr kreativ und toll, andererseits macht mich die Verschwendung wütend. Ich habe schon mehrmals Sachen vorgeschlagen, die gemischt schmecken würden, aber die kommen nicht gut an hier. Obst-Smoothies zusammen machen mit dem Mixer auch nicht.

    Ich weiß nicht weiter. Hast du eine Idee?

    Und, gerade eben ist es beim Frühstück wieder eskaliert. Erst die Sache mit dem Überraschungsgetränk. Hat mich schon geärgert. Und dann folgendes: Ich war nicht dabei, mein Mann hatte die Diskussion mit meiner Großen. Sie hatte zwei Babybell auf ihrem Teller. Sie mochte die bisher nie. Probiert aber immer wieder. Sie packt den ersten aus, legt ihn auf den Teller und nimmt den zweiten in die Hand. Mein Mann sagt, sie soll erst den ersten essen und wenn sie dann noch möchte, den zweiten. Sie nimmt den zweiten, reißt ihn zur Hälfte auf und legt ihn grinsend auf den Teller. Als ich dann dazu kam, aß sie den ersten, sagte bäh und schob das zweite von sich. Mein Elternanrufbeantworter: „Du wirst den aufessen“. Sie natürlich „Nein.“.

    Jetzt beim Schreiben denke ich, hätte mein Mann einfach den zweiten Käse wegnehmen sollen? Oder ist das dann erziehen?

    Und was mache ich mit der Lebensmittelverschwendung? Hier wird selten aufgegessen.

    Ich hoffe, mein Anliegen ist nicht total doof.

    LG

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  2. Dass in Beziehung treten besser ist, als den Elternautomat anzuschalten, ist mir klar. Aber gleichzeitig denke ich auch, dass Kinder lernen müssen zu erkennen, wann Sie beim Gegenüber deren Grenzen missachten. Wenn also ein Kind meine körperlichen Grenzen überschreitet, mir wehtut, an meiner Kleidzng reißt etc. dann möchte ich schon in der Lage sein, dem auch eine authentischen Gefühlsausdruck zu verleihen und wünsche mir, dass mein Kind mit zunehmendem Alter lernt, dass es die Grenzen anderer so respektieren hat, wenn diese ihm deutlich aufgezeigt werden. Ich verstehe nicht, wie es das Lernen soll, wenn man daraus dann plötzlich ein lustiges Spiel macht.

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