​Von der im Alltag gelebten Liebe

Dieser Artikel ist erschienen im „unerzogen Magazin“ 4/16

Was haben das erziehungsfreie Leben und Inklusion gemeinsam? Das sind zwei Perspektiven auf dieselbe Sache, sagt die Autorin und zeigt, warum das so ist.

Man stelle sich vor, diese beiden Begriffe begegnen sich in Form von zwei Menschen. Vom Äußerlichen her erkennen sich die beiden nicht gleich. Kommen sie aber erst einmal ins Gespräch, wird es zu einem dieser Treffen, nach dem es sich so anfühlt, als würde man sich schon ewig kennen. Seelenverwandtschaft wird so etwas dann genannt, oder »Geschwister im Geiste«. Dieser Plausch findet an einem gemütlichen Kaminfeuer statt und wird hier zusammengefasst.

Das Offensichtliche ist erst einmal eher trennend als verbindend. Inklusion ist bekannt aus der Öffentlichkeit und erziehungsfrei betrifft den privaten, kleinen Kreis. So bewegt sich ersteres in einer breiten, öffentlich-rechtlichen Masse, ist sogar als Standard festgelegt und gilt, über die UN-Behindertenrechtskonvention, seit 2008 als Grundlage von Qualitätskonzepten sozialer Dienstleister. Dahingegen ist das Leben ohne Erziehung einer, zwar stetig wachsenden, aber vergleichsweise eher kleinen Gruppe von Menschen bekannt, die sich für bedürfnisorientierten und gerechten Umgang mit Kindern interessieren.

Wo Inklusion längst in der Fachwissenschaft, der Praxis von Sozialberufen und sogar der Werbewelt, also in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, findet das erziehungsfreie Leben bisher, in all diesen Feldern nur geringe, bis gar keine Beachtung.

Der Grund dafür ist klar: Erziehungsfreies Leben bietet keinerlei Methode an, ist schwer zu verallgemeinern und somit, vermeintlicherweise, auch nicht universell anwendbar. Die Idee der gleichwürdigen Beziehung mit Kindern ist zwar ganz und gar nicht neu, aber dennoch unkonventionell, denn es geht gegen gesellschaftlich tief verankerte Annahmen an. Es findet sich in der Wissenschaft ein Haufen von logischer Argumentation qua dieser Lebensweise, doch verhält sie sich in diesem Bereich eher wie ein kunterbunter Wolpertinger, ein kreatives und individuelles Mischwesen. Ein EU-weiter Beschluss zum respektvollen und beziehungsorientierten Umgang mit Kindern klingt wie ein ferner Traum. Dabei reicht ein Blick ins Inhaltsverzeichnis der UN-Kinderrechtskonvention (seit 1990 in Kraft), um klar zu machen, dass die Haltung, welche Erziehungsfreiheit impliziert, darin wiederzufinden ist.

Und dennoch ist das Bild vom Kinde beinahe weltweit, noch immer defizitär und vom Erwachsenen aus gedacht.


Das Bindeglied und höchstes Ziel:

Die Würde des Menschen wahren

Im Laufe des Gespräches der beiden Seelenverwandten wird klar, dass das Bindeglied, der Ehering, das rote Band zwischen ihnen, die Einstellung ist, die hinter ihnen steht. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, es handele sich hier zum einen um die Eingliederung von Menschen mit einer sogenannten Behinderung; und als ginge es zum anderen um einen weiteren Erziehungsstil, einen Ableger der laissezfairen Bewegung & Co.

Doch nach einer Suche über praktisch anwendbare Methoden, Austausch, Weiterbildung, Lektüre und Reflexion wird klar:

Es geht bei beiden Geschwistern um das tiefe, innere anerzogene und ansozialisierte Bild, das wir vom Menschen haben, dass es zu reflektieren gilt. Es geht um (größtenteils unbewusste) Erwartungen an mein Gegenüber, an meine Umwelt. Es geht um Haltung und um das Weltbild, hinter dem ich stehe.

Ein radikales »Ja!«

Beide Geschwister nicken sich wissend zu, denn sie sind sich einig: Die Würde des Menschen ist unantastbar und sie sagen radikal »Ja!« zu jedem Menschen. Völlig unabhängig von Alter, körperlicher Verfassung oder sonstigen Bedingungen.

Von daher ist das bedingungslose Verinnerlichen von Inklusion und Verzicht auf Erziehung nicht mehr und nicht weniger als eine zwischenmenschliche Revolution und besitzt eine gesamtgesellschaftliche Relevanz. Es geht um die im Alltag gelebte Liebe zwischen Menschen, die nicht an Bedingungen geknüpft ist, sondern, ähnlich dem Kategorischen Imperativ, einfach gegeben wird, weil es gut ist.

Gleichmacherei versus Vielfalt

Und genau an dieser Stelle ihres stundenlangen Gespräches, stellen die beiden fest, dass sie tatsächlich weit mehr verbindet als trennt. So ist die Idee der Inklusion das gelebte erziehungsfreie  Leben mit allen (!) Menschen und demgleich wiederum ist erziehungsfreies Leben die gelebte Inklusion mit Menschen in meiner ganz nahen, familiären Umgebung:

Think outside the Box, eine langjährige Rubrik im unerzogen Magazin, ist der gelungene Versuch, störende Barrieren im familiären Zusammenleben abzubauen. Eine Methode des Suchens nach dem Möglichen und das ohne die Triebfeder der Arroganz à la »Mir geht es besser als dir, daher kann ich dir helfen.«. Der Antrieb der beiden ist der Wunsch nach Gleichwürdigkeit.

Ihnen beiden wohnt das tiefe Verständnis inne, dass alle zwischenmenschlichen Hindernisse und Trennlinien menschengemacht sind und es somit auch menschenmöglich ist, diese zu entlarven, zu reflektieren und abzubauen. Dazu muss man ganz und gar nicht gleichmacherisch tun. Kinder sind etwas anderes als Erwachsene. Brillenträger tragen ein Brille und könnten ohne das Hilfsmittel schlechter sehen. Und auch andere individuelle Gegebenheiten (z. B. allein der Unterschied des Biorythmus eines Kindes, eines Jugendlichen oder eines Erwachsenen) trennen uns auf natürliche Weise voneinander und zeigen den Grund für unsere verschiedenen Bedürfnisse klar auf.

Diversität als Hinweis

Nur da, wo die Trennungen für irgendeine beteiligte Seite diskriminierend, schmerzhaft oder störend werden, da schauen unsere Seelenschwestern auf dieselbe Sache aus ihrer jeweiligen Perspektive und fragen sich: Was können wir ermöglichen? Ganz im Gegensatz zum alteinhergebrachten Fokus: Das ist ein Problem!

Sie sehen die Diversität, akzeptieren sie, begrüßen sie und versuchen das auch nicht kleinzureden oder darüber hinwegzusehen. Die Suche nach der Augenhöhe, hängt eben nicht von der Größe oder anderen Bedingungen ab. »Wer suchet, der findet«, heißt das Motto. Hier gilt nicht immer auf alles eine Lösung zu finden. Das wäre nicht förderlich, sondern überfordernd. Wer die Beziehung im Blick hat, lebt bereits die Grundfeste der Erziehungsfreiheit und der Inklusion.

Erziehung ist Zwangsintegration

Würde Leben ohne Erziehung eher Integration, der älteren Schwester von Inklusion, ähneln, würden wir unsere Kinder wohl meistens gleichwürdig behandeln wollen (und würden dabei Gleichwürdigkeit mit Gleichberechtigung verwechseln).

Es ist logisch und konsequent, gar nicht erst zu erziehen, anstatt manchmal gütig zu sein und sich ein anderes mal aber durchsetzen zu »müssen« und damit die Integrität meines Gegenüber aufs Spiel zu setzen. Es ist ebenso logisch, nicht beim Integrieren stehen zu bleiben, da dadurch »das Andere«, Hereingebetene, eben als anderes empfunden wird, und zwar solange, bis es der Idealvorstellung von einem guten Zustand angepasst ist und der vorgegebenem Norm entspricht.

Im Vergleich ist das Integrieren so ähnlich inkonesquent, wie »ein bisschen Erziehung«. Erziehung ist, in diesem Vergleich gesprochen, die langfristige Zwangsintegration von dem Objekt Kind, hinein in die Erwachsenenwelt. Wehrt sich das Kind gegen diese Zwänge, droht Exklusion, zum Beispiel in Form von Strafen oder sonstigen künstlich erdachten Konsequenzen. Dem Erziehungskonzept von Grund auf immanent ist die Klarheit der Exklusion des Kindes, durch das offensichtlich gemachte Machtgefälle.

Das ist der Moment der klar macht, dass sowohl in der Erziehung als auch im Konzept der Integration, die Würde des Menschen, an Bedingungen geknüpft und in Frage gestellt wird.

Grenzen sind nur Grenzen, wenn sie als solche bewertet werden

Am Ende des langen Gespräches könnten die beiden sich nicht einiger sein: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Würde. Der Mensch besitzt sie von Anfang seines Seins an und sie ist hochgradig schützenswert. Er muss zu keiner Zeit seines Lebens etwas tun, um diesen Wert zu verdienen. Und wenn er die Würde verloren hat oder droht zu verlieren, führt auch keine Methodensuche an das Ziel. Denn es geht um die Haltung, nicht das Wie. Es geht darum, die Grenzen zu nichts Trennendem mehr zu machen. Vielleicht auch darum, die Grenzen gar nicht erst als solche zu bewerten. So wächst langsam und natürlich eine Haltung der Deklusion heran, welche Menschen an Würde und Wert wahrhaftig gleich werden lässt, da sie merken: Wir Menschen sind eine untrennbare Einheit.

»Und nicht zuletzt wird durch Festmachen am Kinde die universelle Inklusion der Gesamtbevölkerung (…) begründbar; denn schließlich kommen alle hilflos auf die Welt, wachsen alle als Kinder auf, werden alle irgendwie durch unsere Umwelt erzogen (…).« Niklas Luhmann, Reflexionsprobleme im Erziehungssystem, 1988 ■

unerzogen 4/2016

Hannah Hummel

Blogparade: Warum wir gegen die Schulpflicht verstoßen (und dabei sehr glücklich sind)

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Zu unserer Blogparade zum Thema „Schule“ der Beitrag einer Mutter, die anonym bleiben möchte und ihre Kinder nicht zur Schule schickt – mitten in Deutschland.

„Ihr seid doch komplett irre!“

Meine Nachbarin schnaubt. Ihre Nasenflügel haben einen seltsamen Knick, wenn sie sich aufregt. Ich bin so beschäftigt damit, den anzusehen, dass ich ihren Anwürfen kaum folgen kann.
Verantwortungslos. Käseglocke. Weltfremd. Ab da schalte ich ab.

Mir fällt dieser Song von Sarah Lesch ein und ich denke „… wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd.“

Das beruhigt mich. Es stimmt nämlich. Weiterlesen

Blogparade: Vom Schwangerschaftstest bis zur Schulgründung

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Ann-Kathrin Prelle von Es ist wie es ist hat auch an unserer Blogparade #Schule #Selbstbestimmt #unerzogen teilgenommen. Wir freuen uns. 

Wie aus einem positiven Schwangerschaftstest, eine Schulgründung wurde.

Was es mit mir als Frau macht! Welche Schwierigkeiten einem begegnen. Und die Sätze: “wo ist Mama?” und “Schatz mach den Kasten aus!” einen im unerzogen, kitafreien Alltag begleiten.

Als ich den positiven Schwangerschaftstest im September 2012 in meinen Händen hielt, wusste ich noch nicht, das sich mein Leben schlagartig (ist untertrieben) ändern würde.

Nun ist es wichtig zu erzählen, dass ich früher also vor diesem “Schlag” Erzieherin war, (nun sage ich immer kleine-Menschen-Begleiterin) ich betreute Kinder ab 6 Monaten, die als ich Feierabend hatte immer noch da blieben.

Nun da war ich schwanger und hinterfragte ALLES, also wirklich alles. Um es abzukürzen hier nur eine kurze Auflistung der prägnantesten Themen:

  • Aus Frauenarztbesuchen wurde Hebammen Hausbesuch.
  • Aus Krankenhausgeburt wurde geplanten Hausgeburt
  • Aus Kinderzimmer wurde Spielzimmer
  • Aus Kinderbett wurde Sofa
  • Aus Ehebett wurde Familienbett
  • Aus Breikost wurde BLW
  • Aus Stillen wurde Langzeitstillen
  • Aus Kinderwagen wurde Packesel
  • Aus dem Liegling wurde ein Tragling
  • Aus dem Autositz wurde ein Reboarder
  • Aus meiner Berufsbezeichnung Erzieherin wurde kleine Menschen Begleiterin

Und irgendwann stellte ich mir die eine Frage.

“WAS MACHEN WIR DENN MIT DER SCHULE”“

Und was Anni mit der Schule macht, das könnt Ihr hier weiter lesen.

Blogparade: Artgerecht Lernen – die Schule als Dorf

nicola schmidt#schule #unerzogen #artgerechtlernen #selbstbestimmt

Die wunderbare Nicola Schmidt vom artgerecht-Projekt hat sich an unserer Blogaparade beteiligt:

Unser Kind geht auf eine ganz „normale“ Schule. Die Dorfschule, auf die alle Kinder gehen. Aber ist das Artgerecht? Unsere Schule ist Teil unseres Clans – eine klare Prioritätensetzung meinerseits. Nicola Kriesel fragt im Blog „die Physik von Beziehungen“ danach, wo und wie unsere Kinder zur Schule gehen und hat mich gebeten, von uns zu erzählen, was ich im Bildungskongress-Video schon angerissen habe.

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Blogparade #Schule #Selbstbestimmt #unerzogen

Blogparade #Schule #Selbstbestimmt #unerzogen

DSC_0535_neuWir freuen uns total über den Beitrag von der wundervollen Natascha Makoschey von Familienbegleitung Köln:

Der tägliche KampfJetzt geht es wieder los:

Das fremdbestimmte Leben, wo morgens der Wecker klingelt. Wo ich mein Kind nur noch müde und schlecht gelaunt erlebe, weil es sowohl morgens um halb sieben noch nicht ansprechbar ist und auch nachmittags um 16 Uhr nicht mehr wirklich viel Energie hat. Wo wir uns über Hausaufgaben streiten müssen und ich mit meinen widerstreitenden Gefühlen kämpfen muss.

Das eine, das meinen Sohn frei aufwachsen lassen will und ihm vertrauen möchte. Das andere, das Sorge hat, dass er nicht mitkommt. Das die Drohungen der Lehrer hört und Angst hat, dass mein Sohn mir irgendwann vorwirft, ihn nicht mehr zum Lernen angehalten zu haben.“

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Gastbeitrag von Andreas Reinke: Das Märchen von der mangelnden Unterrichtsbeteiligung

Blogparade #Schule #selbstbestimmt #unerzogen

14101685_1072560582821246_1907900128_nEs war einmal ein Schulkind, das erwartungsfroh und in dem Wunsch, sich und die Welt zu entdecken, der Schule entgegenfieberte. So viel hatte es über die Schule gehört: Das Lesen und Schreiben würde es lernen, spannende Geschichten hören, Bilder malen, die Zahlen erforschen und, und, und. Nach schier unerträglichen Momenten des Wartens war es schließlich soweit: Der Tag der Einschulung war gekommen, ein wunderbares Fest wurde gefeiert. Das Kind freute sich eher still. Es genoss die Stille. Immer schon. Und niemand störte sich daran. Weiterlesen

Der unerzogene Waldorfschüler?

 

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WaldorfmäppchenWaldorfschule? Diese Aufbewahrungsanstalt für sonderbar gekleidete Menschen mit naturbelassenen oder maximal hennagetönten Haaren und den selbstgestrickten Flötentäschchen um den Hals? Mit den eingestaubten Ritualen, den verqueren Ansichten aus dem letzten Jahrhundert und der Demeter-Abo-Karte? Die Anti-Langzeitstiller, Fernseh-Hasser und Regelfetischisten der Neuzeit? DAHIN wollt ihr euer Kind schicken? Seid ihr denn völlig verrückt?

 

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